Das Haus in dem du nie gewesen bist (II)

[…] Ich habe gestern nachgeschaut. Die Zeitung,  die ich lese, hat um die sechzig Seiten, seit ich das weiß, hat sich das Gefühl der Überforderung noch weiter in mir breit gemacht und ich sehe mich noch weniger im Stande, eine ganze solche zu lesen. Ich sitze am Frühstückstisch, ich sitze da so mit meinen Füßen auf dem leeren Sessel mir gegenüber und fange einen jeden Artikel an und höre einen jeden Artikel auf und vergesse dazwischen alles, was ich gelesen habe. Das war früher anders, da saß ich zwar auch so da, aber der Sessel war halt nicht leer und meine Füße, die sind auf dem Schoß eines Mannes gelegen, der wohl immer noch einen Namen hat, der von hinten fast so klingt wie von vorne, aber das darf diesem Mann nun jemand anders sagen und der Mann darf dann so tun, als würde er das zum ersten Mal hören, vielleicht glaubt er sogar, dass dem so ist, weil er es vergessen hat, wie wir damals in diesem Park lagen und der Sommer über uns hereinbrach und ich seinen Namen dreimal rückwärts sagte, weil solange dauerte es nämlich, bis er aufhörte eine meiner Haarsträhnen um seinen Zeigefinger zu wickeln und mich stattdessen ansah und auch meinen Namen rückwärts sagte und dann lachte und sagte, mit soviel Wahrheit in der Stimme, wie ich es nie wieder gehört habe: Das ist schon ein ganz schönes Glück das wir hier haben. Vielleicht hat er das vergessen, sowie wir irgendwann vergessen hatten, dass ich zuerst den Sportteil lese und er zuerst den Kulturteil und dass wir dann kurz beide den Politikteil lesen wollen, aber abwechselnd den anderen den Vortritt gelassen haben. Nur irgendwann, da haben wir beide als erstes zum Sportteil gegriffen und keiner zog die Hand zurück und irgendwann fehlte der Wirtschaftsteil in der Zeitung und irgendwann stand der Mann morgens in der Küche und trank den Kaffee im Stehen und die Zeitung lag auch abends noch vor der Tür. Und das schlimme daran war, es fiel mir nicht mal auf.

Also zumindest nicht gleich, und als es mir auffiel, da war es schon zu oft passiert um sich gegenseitig zu versprechen, dass es nicht von Bedeutung wäre. Draussen wurde gerade wieder Sommer und wir lagen so im Bett, so nebeneinander, mit unseren Köpfen auf getrennten Kissen und ich hab mich kurz umgedreht und gesagt: Jetzt haben wir immer noch kein Kind und lesen nicht einmal mehr Zeitung. Danach war es irgendwie vorbei. Der Mann hat zwar noch meinen Kopf getätschelt und meine Wange geküsst und ich habe meine Knie an seine Oberschenkel gedrückt, aber es ging dabei gar nicht mehr um den anderen sondern nur noch um sich selbst. Wir schliefen noch 38 Mal in diesem Zimmer, bevor wir es sein ließen, 38 Mal. Wir hätten in den Nächten alle überlieferten Stücke von Shakespeare lesen können oder so tun, als wäre die verbleibende Zeit ein amerikanisches Roulettebrett, eine jede Nacht ein Feld und am Ende sagst du dann immer Rot und ich sage immer Schwarz, aber wir lachen nicht mehr darüber und alles, was sich noch dreht, sind wir um uns selber, aber nicht mehr um den anderen. In Ägypten beerdigte man die Pharaonen mit 38 Katzen und brachte 38 Anchs an den Särgen an, das machte man bestimmt, um sicher zu gehen, dass im Totenreich auch alles in geregelten Bahnen verlief, dass der Tote es gut hatte dort und nicht unruhig stets zurückblickte, auf das was nicht mehr war.

Vielleicht hätten wir uns auch 38 Katzen ins Schlafzimmer holen sollen, eine jede Nacht eine mehr, bis wir in der letzten Nacht unter all den Katzen begraben plötzlich wieder gut schlafen hätten können und gelacht hätten, nicht nur wegen der Absurdität sondern auch wegen uns. Vielleicht wäre dann der nächste Morgen ein wenig später gekommen und wir wären nicht getrennte Wege gegangen und das nicht nur, weil die Katzen den Weg zur Tür versperrten und uns dadurch gezwungen hätten vielleicht doch mal etwas zu überdenken. Was auch immer es gewesen wäre.

Im Schlafzimmer meiner Großeltern  hätte das nicht passieren können, es ist groß genug für 38 Katzen und zwei Menschen, die  mehr Tage miteinander verbracht haben, als die Katzen zusammen Leben haben, aber das ist mittlerweile egal, auch, weil der Mann mir den Schlüssel für die Wohnung in die Hand drückte und nicht mehr wiederkam, bevor er selber jemals hier gewesen ist. Er hat dieses Zimmer niemals gesehen, er ist nie neben mir auf diesem Bett gesessen, das nach all den feuchten Wintern des letzten Jahrhunderts auf einmal riecht, er hat nie Feuer in dem Ofen gemacht, der dort am Fußende des Sofas steht, er hat sich nie gewundert, ob man zu zweit in den Kleiderschrank passen könnte, das tat nur ich und einmal erzählte ich ihn davon, da saß ich auch hier und hielt ein Glas Wein in der Hand, und manchmal hielt ich den Hörer in die Luft und sagte dann: Hörst du die Stille? Hörst du das? Und der Mann sagte: Ich höre deinen Atem. Und ich entschuldigte mich dafür, nur weil ich wollte, dass der Mann dann sagt: Du brauchst dich nicht entschuldigen, ich höre ihn doch viel lieber als eine jede Stille. Und das hat er dann auch wirklich gesagt, weil er hat nämlich oft genau das gemacht, was ich wollte, nur irgendwie und irgendwann war das nicht mehr genug. Ich saß jedenfalls damals auf dem Bett in diesem Schlafzimmer, vor dessen Fenster der wilde Wein wuchs und in dem vor Jahren auch meine Mutter schlief, am Fußende des Ehebettes, auf einem schmalen Bett, unter dessen Matratze Bücher versteckt waren und unter dem eine immer leere Mausefalle stand.  Und ich hielt dieses Glas Wein in der einen Hand und dieses Telefon in der anderen und ich war schon wieder einen Tag älter geworden in seiner Abwesenheit und ich sagte am Schluss: Mein Warten bist du. Und ich schämte mich nicht dafür, ich schämte mich keine Sekunde lang dafür.

Josef hieß ein Kind, das hier früher schlief. Ein anderes Grete. Ein drittes Walter, ein viertes Hans, ein fünftes Anita. Ein sechstes starb, noch bevor es einen Namen hatte. Es liegt begraben in einem Grab mit einem Fliederbusch, der lange nicht gegossen wurde. Seit drei Jahren schon nicht mehr, solange sind auch die Großeltern nun schon beide begraben, an einer anderen Stelle und mit einem Grabstein, der ihre Namen und ihre Gesichter trägt. Ihr Geburts- und ihr Sterbedatum. Und doch nichts aussagt darüber, was sie für einander waren.

Diese Großeltern, die es nicht mehr schafften, ein Ur ihrer Position innerhalb der Familie voranzustellen, diese Großeltern, die oftmals sagten, daran wäre unsere Rastlosigkeit schuld. Vielleicht hatten sie damit Recht.

Wien, Berlin, London, Belgrad und Madrid. Da haben wir überall kurz gewohnt, da sind wir trotzdem nirgends zuhause gewesen.

Home is where your heart is. Home is where you find me. Home is where the key fits. Home is where there is no doubt. Home is whereever I’m with you. Home is where it happens. Home is where it feels like home. Home is where I ask you if you want Pizza for dinner and you say you just wanted to ask me the same and I say that’s awesome but I don’t want any mushrooms on my slices and you say I don’t like mushrooms either and I look at you and I have done that so many times before but I have the feeling I never really saw you as much as in this very moment and you smile and I say yes though there was no question to answer and you say yes as well and the pizza tastes great afterwards.

Pizza. Ich habe solange keine Pizza mehr gegessen. Das ist wie mit der Zeitung. Es ist zuviel für einen alleine. Es macht einen klein. (Pause)

 Letzte Woche rief ich den Mann an und sagte, dass ich das Zeitungsabo abbestelle, weil ich es nicht mehr schaffe, weil es zuviel wäre für mich alleine. „Oder willst du es haben?“ hab ich gefragt. „Willst du?“ und der Mann hat dann gesagt: „Ich hab schon eines.“ und ich hab gesagt, ja aber, findest du nicht auch, es ist zuviel für einen alleine? Jeden Morgen diese ganzen Artikel und die ganzen unterschiedlichen Zeitungsteile, diese Politik, innen und außen, diese Wirtschaft, dieser Sport, diese Kultur, dieses Panorama und das Kreuzworträtsel und dann auch noch das Fernsehprogramm und-“ „es ist eine Frage der Einteilung und des Willens“ hat der Mann gesagt. „Das ist es immer“ Und dann war schon wieder etwas vorbei.

[…]

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Gandalf

In Ludwigsburg gibt es einen Hund, der den Namen Gandalf trägt. Man spricht in diesem Fall das erste „a“ kurz und das zweite dafür umso länger aus. Der Hund ist ein Pudel, einer der Art Riese. Er ist grau und all das weiß ich, weil ich ihm oft begegne, seit ich hier wohne. Das erste Mal, da war noch Oktober und ich saß am Brunnen, mitten auf dem Marktplatz und der Gandalf saß mit seinem Frauchen neben mir. Damals, also gleich zu Beginn unserer Bekanntschaft wurde mir sein Name verraten. Seit dem laufe ich ihm öfters über den Weg. Einmal auf dem Weg zur Uni, einmal in der Wilhelmsgalerie, da saß er vor dem Supermarkt und beachtete nichts, einmal, da ging ich gerade zum Bahnhof und einmal, da kam ich von diesem gerade wieder zurück. Es war die erste Rückkehr in diese Stadt in diesem Jahr und sie verwirrte mich. Gandalf tänzelte mir entgegen, auf diese Art, wie nur diese Riesenpudel tänzeln können, wenn sie eigentlich gehen sollten. Ich sah ihn an, wie er mir auf der Myliusstraße entgegenkam, ich sah ihn an und wurde etwas ruhiger. Dieser Hund, mit seinen absurden Locken, seinem tänzelnden Gang, dieser Hund, dessen Namen ich nur weiß, weil ein Zufall es so wollte, er war über die Monate ein Symbol geworden, für ein Gefühl, das etwas mit Ankommen zu tun hat. Wenn auch nur im kleinen Sinn.

Ich wünschte manchmal, ich würde Gandalf noch öfters sehen, er wirkt so fremd in dieser Stadt, wie ich mich manchmal fühle, er wirkt aber gleichzeitig so leichtfüßig, dass das gar nicht schlimm ist, dass er hier zu wohnen scheint und nicht in Florenz oder irgendwo Downtown New York, irgendwo so nah am Central Park, dass er dort jeden Tag hin ausgeführt werden würde. Singapur könnte ich mir auch noch vorstellen, das allerdings nur, weil ich mir Singapur nicht vorstellen kann und das sind ja manchmal die einfachsten Vorstellungen, weil sie nicht falsch sein können, erstmals nicht, weil man sie gar nicht überprüfen muss und auch nicht will. Nicht jede Vorstellung hat das Ziel bewahrheitet zu werden. Ich habe das gelernt. Ich habe das auch manchmal verstanden.

Das gute an dem Leben im Schwabenland ist zum Beispiel an verkaterten Sonntagen Flammkuchen zum Frühstück essen zu können und auf morgendlichen Weg zur Akademie die Möglichkeit zu haben eine frische Butterbrezel beim Bäcker mitzunehmen. Die zu essen dauert genau so lange, wie es dauert, bis man die letzte Straße erreicht hat, die es gilt zu überqueren. Nachdem man das gemacht hat, sind es nur noch zwei Stockwerke und schon sitzt man einen weiteren Tag in diesem Raum und diskutiert über comfort zones und Nachtwelten, über des Helden Reisen und zwischendurch erzählt man über seine Kindheit. In diesen Moment macht das alles hier sehr viel Sinn. So wie auch damals (gesetzt dem Fall, dass etwas schon damals genannt werden darf, das erst einen Monat her ist) als man im selben Stockwerk, aber an einem anderen Ende saß, bis in die Nacht tat man das und mit anderen Menschen tat man das und mit müden Augen tat man das und als man zuwenig Distanz, also gar keine mehr, dazu hatte, an dem man arbeitete, das aber absurderweise trotzdem die ganze Zeit den Titel „Uns geht es gut“ trug, und irgendwann plötzlich ein Film war, da war man längst vom Glauben abgefallen.
Was passierte an diesem Tag, als man in diesem Kino präsentierte, als man frühmorgens seltsame Nachrichten bekam, von jemanden den man weit weg glaubte, sich aber nahe wünschte und der plötzlich neben einem stand. Was passierte an diesem Tag, als der Film tatsächlich über die Leinwand flackerte, und man die Hand von diesem jemand drückte, von dem man erst begriff, dass er da sei, da brachte man ihn schon wieder zum Bahnhof. Was passierte an diesem Tag, als man dachte, man müsse vier Tage durchschlafen, um auch nur irgendwie das Schlafdefizit der letzten Woche wieder gut machen, das alles fühlt sich immer noch sehr surreal an. Aber dann sitzt man zweieinhalb Wochen später in Wien, da nennt sich das Jahr schon anders und der Film ist immer noch da und die Menschen sind es auch wieder, die anderen, in dieser Stadt, die man immer noch so sehr vermisst. vor allen wegen ihnen.
Man sitzt in dieser anderen Stadt, man sitzt und lacht. Man ist ganz schön froh. Das ganze Jahr ist man das schon. Man war das auch davor, als man Elefanten in Venedig suchte, am Heilig Abend an einem See stand und Silvester in einem einsamen Stiegenhaus Walzer tanzte. Später goß man großartige Dinge aus Blei, tanzte nocheinmal Walzer und am nächsten Tag wachte man auf, es war einfach so Jänner geworden. Man lag da und sah sich an. Das reichte aus für ganz viel Freude. Das reichte alle Mal

Irgendwann später an diesem Tag, da dachte ich kurz an Gandalf, der wohl schon viel länger wach war als ich und vielleicht auch schon durch die leeren Straßen der Kleinstadt tänzelte, in der wir beide heute noch schlafen werden. Ich hoffte, dass er keine Angst vor Feuerwerken hat und ich wünschte, dass er da sein würde, wenn ich nur eine Woche später die selben Straßen wieder entlanggehen würde. Der Wunsch ging in Erfüllung, die Hoffnung blieb bestehen. Und auch das Wissen, dass alles ganz schön viel Sinn macht, was so passiert und was passierte. Man braucht manchmal ein wenig, um das zu verstehen.

Hiermit also: Eine Hoffnung, ein Wunsch und ein Wissen. Für 2013. Für euch und für mich. Oh ja.

zwischengerufen

In der schwäbischen Kleinstadt, in der ich nun mehr schon zwei Monate wohne, da fehlen mir oft die Worte und noch öfters die Ruhe, um die Sätze, die ich dann doch finde zu Papier zu bringen, was ein wenig blöd ist, denn deswegen bin ich eigentlich hier. Ein wenig zumindest und irgendwann ein wenig mehr. Es gibt einen Text über das Reisen der anderen, es gibt einen über ein Dach, es gibt einen über acht alte Frauen die alle Bitter Lemon trinken, sie alle liegen hier, sie alle sind bald fertig, aber noch nicht ganz. Ich wollte nur kurz verlautbaren, so dazwischen, zwischen den  Monaten, den Ankünften und Abschieden, den sonnigen Tagen und dem Schnee, dem Glauben, hier ein wenig angekommen zu sein und dem Wissen, dass das noch lange dauern wird, ich wollte da nur kurz sagen, man kann mich auch hier finden. Manchmal ein wenig öfters, weil gerade die Sätze immer noch leichter gefunden werden als die Zusammenhänge derer:

https://twitter.com/statthandfuss

und man darf mir da folgen und man auch sicher sein, dass hier bald wieder etwas neues steht. In der Zwischenzeit: esst Lebkuchen, trinkt Glühwein, freut euch über den ersten Schnee und schaut euch dieses Video an, dass Anna und Ryan udn Klemens und ich einmal drehten, da war es noch nicht mal richtig Sommer und wir waren ziemlich froh.

Home is.

Home is where your heart is. Home is where you find me. Home is where the key fits. Home is where there is no doubt. Home is whereever I’m with you. Home is where it happens. Home is where it feels like home. Home is where I ask you if you want Pizza for dinner and you say you just wanted to ask me the same and I say that’s awesome but I don’t want any mushrooms on my slices and you say I don’t like mushrooms either and I look at you and I have done that so many times before but I have the feeling I never really saw you as much as in this very moment and you smile and I say yes though there was no question to answer and you say yes as well and the pizza tastes great afterwards.

Ich schrieb einen Text für ein Theater. Es geht um Heimat und über die Liebe. Es geht um Enden und es geht um Zeitungabonnements. Es geht ein wenig um mich, das wollte ich erst nicht wahrhaben, aber wusste es dennoch von Anfang an. Er beginnt mit dem Satz „Man sagt man hat Rauch gesehen.“ Irgendwo in der Mitte heißt es „Mit der Erinnerung ist es nämlich so: Sie wird wahr, sobald auch nur eine Person an sie glaubt.“ und am Schluss stirbt ein Huhn. Es ist mittlerweile ein Monat her, dass ich diesen Text schrieb, dazwischen schlief ich tief, öffnete eine Flasche Portwein und las die Sätze, die immer mehr wurden, immer wieder einer Person vor, die auch immer mehr wurde. Wir saßen uns dabei gegenüber und die Person hatte die Augen geschlossen. Bis heute weiß ich nicht, ob mich das mehr beruhigte oder beunruhigte, aber ich weiß noch, ich war unschlüssig, was ich mit meinen Händen tun sollte, sobald der Text ein Ende fand und was mit meiner Stimme und meinem Mund. Die Person schien das nicht zu stören. Sie hatte zugehört und sagte Dinge, die sehr viel Sinn machten. Und als wir später schlafen gingen, blieben all die Sorgen wach und verließen ohne uns aus dem Haus.

Ich bin umgezogen. Weg aus Wien, dieser Stadt, an der ich so hänge. Weg von diesen Menschen, die mir soviel bedeuten. Und nun sitze ich in einer schwäbischen Kleinstadt und habe ein Schloss vorm Haus, einen Kaffeeberg ums Eck und eine Akademie 10 Gehminuten entfernt, an der ich von Montag an nochmal das mit dem Studieren üben soll. Man denkt viel in Zeitspannen, seit das mit dem Umzug plötzlich ernst wurde. Man übt sich wieder im Countdown zählen, das kann man ja immer noch ganz gut. Man wundert sich darüber, dass man das wirklich gemacht hat, dass man jetzt wirklich hier sitzt und nachmittags auf dem Markt Postkarten kaufte, in dieser Stadt von der man noch vor weniger als einer Woche nicht so recht glauben konnte, dass es sie wirklich gibt. Im Innenhof des Hauses stehen die Menschen auf Bänken und grölen zu Liedern, die man alle auch mitgrölen könnte, sie zücken ihre Fotoapparate und es blitzt immer kurz. Ich denke dann an den Sommer, bei jedem Blitzen, ich denke an einen See, an dem es nachts auch so geblitzt hat und in dem vielleicht ein Ungeheuer wohnt, das noch nie jemand gesehen hat und das umgekehrt die Menschen noch nie gesehen hat, die an den warmen Tagen in Ruderbooten über seinem Kopf hinwegfahren, die von Felsen springen und abends in Zelten schlafen, morgens Zelten essen und dann die Zelte wieder einpacken, zurück in Städte fahren oder Siedlungen, und im Radio spielt es dabei ein Feature über Tarzan, das allerdings seltsam belanglos ist, vielleicht auch zu recht.

Mit dem Umzug hat irgendwie der Herbst begonnen. Eigentlich hat er das wohl schon früher, aber jetzt ist es wirklich soweit. In den Rollen des Koffers verfingen sich die Kastanien, als man spätabends die zwei Busstationen, die man zu weit gefahren war, zu Fuß zurückging und auf dem Weg zum Markt trägt man eine Mütze, aus Prinzip macht man das, nur aus Prinzip. Wie schnell manchmal die Zeit vergeht, denke ich, da ticken in meinem Rücken die vier Uhren die in der Küche hängen und die ich bis vor zwei Tagen nur von Fotos kannte. Wie spät man das immer merkt, denke ich auch, da ticken sie immer noch und ich habe bereits drei Zwetschken gegessen in diesem Moment, in diesem Land, in dem man diese Früchte eigentlich mit „g“ schreibt, aus mir unerklärlichen Gründen.
Jedenfalls ist der Sommer vorbei über den es viel zu berichten gäbe, an anderer Stelle vielleicht. Über sovieles, das auch im Herbst noch da ist, über sovieles, das auch im Herbst noch wahr ist.

Nur soviel sei gesagt:

Im Süden von Tschechien laufen an einem Samstag Anfang August die Spatzen über die Straße.  Kurz davor hat man ein Bild gemacht, es zeigt eine Person die freihändig einige Meter vor einem einen Feldweg entlang Fahrrad fährt und dabei die Arme von sich streckt. Die Arme flattern ein wenig, der Rücken ist still. Es tönt kein Laut von den Feldern ringsum, der Himmel zählt vier Wolken. Das Bild existiert nur in meinem Kopf.

All diese Momente

All diese Momente in denen du deine Schuhe noch einmal auf der Türmatte abgeputzt hast, obwohl sie gar nicht dreckig waren, nur um noch einen Augenblick mehr Zeit zu haben, bevor du durch diese Tür gehst, noch einmal kurz zu schlucken, die Hände an den Hosenbeinen abzuwischen, oder einfach nur das Geräusch der Sohlen auf der Matte zu hören, wie es ratscht, wie es altbekannt klingt, wie es sich nie geändert hat in all den Jahren.

All diese Momente, in denen du vorm Spiegel stehst und eine Grimasse ziehst, ein Lächeln übst, einen ersten Satz oder einen zweiten. In denen du die Augen groß machst und dann deine Zähne zeigst, in denen du „danke“ und „hallo“ und „genau“ sagst ohne dabei irgendjemanden zu meinen, aber dir der Möglichkeit bewusst bist, dass sich das später ändern könnte.

All diese Momente, in denen du auf deinem Fahrrad immer langsamer in die Pedale trittst, in denen du versuchst, so langsam wie nur möglich zu fahren, auf diese Ampel zu, von der du weißt, es sind vielleicht noch zehn Sekunden, bis sie grün wird, es sind vielleicht auch nur noch fünf. All diese Momente, in denen du mit dem Lenker schlängelst, kurz zurücktrittst und dann doch immer zu früh an der Haltelinie ankommst, den Fuß langsam zu Boden gleiten lässt und weißt, sobald er diesen berührt, wird es grün werden, genau in diesem Moment, als würde das Umschalten der Ampel durch die Berührung des Asphalts durch deinen linken Fuß an genau dieser Stelle ausgelöst.

All diese Momente, in denen du die Augen zusammenkneifst, mitten im Supermarkt, dir vielleicht sogar kurz mit der Hand gegen die Stirn klatschst, weil dir gerade wieder eingefallen ist, was gestern passierte. Das falsche Wort das du gesagt hast, die Reaktion, die eine falsche war, die Möglichkeit, in der du deine Verletzlichkeit zeigen konntest und davon Gebrauch machtest. Du stehst im Supermarkt, vielleicht gerade in der Gemüseabteilung, vielleicht schon beim Käse und verziehst dein Gesicht und auch dieses Bewusstwerden einer in diesem Moment unertragbaren Peinlichkeit ist schon wieder eine Peinlichkeit, weil dich immer jemand sieht, wenn du das machst, oder weil es sich zumindest so anfühlt. Die peinliche Berührtheit wird in diesen Momenten auf eine andere Ebene transferiert. Auf der sie sich dann zumindest leichter auflöst, in einem anderen Moment, da  schaust du gerade nicht hin.

—–

( Zur Metaebene sagte ich einmal Fetaebene, in einem Gespräch über einen Mann der sich eine Wurstsemmel mit 20 Deka Extrawurst bestellte und dann „Quanto costa“ fragte und dabei sehr glücklich aussah. Es ging in dem Gespräch zwar hauptsächlich um Wurst, aber auch um Tiefkühlpizza und einen der ersten warmen Tage und all die Kinder, die über den Winter zu laufenden Wesen herangewachsen waren, es ging auch um Feta, auf der Fetaebene betrachtet, ging es darum und gleich kommt Flo, wir essen dann solchen, es ist Samstag und das Frühstück gehört zelebriert. Sowie all diese Momente in denen wir an diesem Tisch sitzen und sich mein Zeithorizont wieder auf mehr als zwei Wochen ausdehnt und dann wieder zusammenschrumpuft und ich traurig sein werde, aber auch glücklich, und aufgeregt, vielleicht ein wenig zappelig und Flo dann einen Witz macht (das kann er gut) und irgendwie in diesen Momenten dann doch alles ok, ok bis super, super bis urgut, aber vor allem richtig ist. )

Möglicherweise

Früher einmal mochte ich D. über deren Namen ich später lernte, dass man ihn im Norden anders ausspricht. Auch mochte ich J. weil er so klein und dürr war, dass ich mir vorstellte, er würde durch jeden noch so schmalen Spalt passen. N. mochte ich, vielleicht nur, weil ihr Geburtsort weiter weg war, als ich damals selber je gewesen war. Aus gleichen Gründen mochte ich A. und L, aber L. mochte ich auch wegen ihren Haaren und weil sie mir ehrlich sagte, ich wäre gemein, als ich sie einmal bei der Matheschularbeit nicht abschreiben ließ. Anders als T., der dachte das wohl nur, aber ich mochte ihn auch, weil seine Eltern im Wohnzimmer auf der Couch schliefen, neben einem Aquarium, im obersten Stock. Im selben Haus wohnte auch C., den mochte ich sehr, weil er fast Familie war und auch mal M., da bin ich mir meiner Gefühle nicht mehr so sicher. Ich mochte jedenfalls auch V., weil wir Blutsschwestern waren und H., weil sie Briefe ausschießlich in Blockbuchstaben schrieb. T. mit dem Teich im Garten mochte ich, C. und D. mit den schönen Kleidern, G. mochte ich sehr gerne, nicht nur wegen der unmittelbaren Nachbarschaft, F. mochte ich auch ziemlich, bis er mich auf dem Heimweg auf die Wange küsste. B. mochte ich, wegen seiner Stimme und M. weil ihn sonst keiner mochte. Ich mochte auch die andere M. weil sie einmal Dauerwellen hatte und dann gabs noch eine M., die mochte ich auch, das hatte etwas mit Essen zu tun. K. mochte ich eine zeitlang sehr gerne, dann gar nicht, dann schon wieder, dann hab ich ihn vergessen. Mit P. war das ähnlich, nur das Vergessen fing schon früher an. Das gilt auch für J., mit der roten Jacke und für S. mit den vier Brüdern. Ich mochte C., weil sie die Cousine von T. war und T. mochte ich, weil sie immer Röcke trug. Ich mochte A., weil er bis tausend zählen konnte und R., aber nur wenn er nicht zu gemein zu mir war. Ich mochte W., weil er älter war und angeblich mal ein Ufo gesehen hatte und ich mochte K., wegen der vielen Sommersprossen. Ich mochte N., und ich mochte T., und ich mochte S., und ich mochte L.

E. mochte ich auch, einfach so.

 

Ich habe Dinge gesagt

Am Samstag da stand man auf diesem Platz vor dieser Kirche, in der im Mai mal jemand heiratete und man mit dem Telefon das 10 minütige Glockengeläute aufnahm und die Glocken läuteten auch dieses Mal, aber nicht in dem Moment, als man da stand und mit den Menschen um sich herum immer und immer wieder „Mein Herz schlägt mich innerlich tot“ sang. Die Glocken taten dies zuvor, als man noch am Brunnen saß, zu dem manche Teich und manche Wasserbassin sagen, neben A. saß man da und wartete auf eine andere Person, deren Name auch mit A beginnt und man saß da und man redete so über das Wetter und über die Tage die immer weiter durchs Land ziehen und jemand brachte Cola und dann noch jemand und es war fast schon soviel Ende Juli wie es das heute tatsächlich ist und als man dann eben später nicht mehr saß sondern stand, da hatte man eine Gabel in der Hand, weil nämlich mittlerweile auch C. und K. da waren und C. ein Riesenstück Ribiselkuchen mitgebracht hatte und man dieses aus einem Plastikbehälter aß und mindestens so glücklich war, wie die Hühner, die die Eier dazu geliefert hatten.

Eine Unwetterwarnung stand im Raum, aber nicht deswegen setzte man sich noch vor Beginn des nächsten Konzertes auf das Fahrrad und fuhr durch den Wind diese knappen zehn Minuten nachhause, die man so oft gefahren und gegangen war in den letzten Tagen und Wochen. Man ignorierte dabei eine rote Ampel und überholte zwei andere Fahrradfahrer, man fuhr eine Straße entlang, die man vor langer Zeit einmal gegangen war, damals war Winter und man wusste noch nicht, man wusste von so vielem noch nicht.
Zuhause trank man ein Glas Wasser und setzte sich an den Esstisch und wartete auf das Klingeln des Telefons. Draussen zog ein Gewitter vorbei und man dachte, es wäre irgendwie schön, wenn der erste Donner gleichzeitig mit dem Anruf passieren würde, aber das tat er dann nicht, weil der Donner nicht passierte, der Anruf aber schon und man sprach dann mit einem Mann in einem Studio in einer Stadt in der man zweimal gewohnt hatte, über eben diese Stadt und über den richtigen Artikel des Wortes Blog und über alte Fotos und über A. die da zu der Zeit auch nicht mehr auf diesem Platz war sondern auf dem Weg nachhause, wo es hieß später Gin Tonic zu trinken und über Hasen gebärende Frauen zu sprechen und über einarmige Männer und über Tischler in Kalifornien und all die anderen Wichtigkeiten. Aber diesem Umstand war man sich in den Minuten noch gar nicht bewusst, als man das Telefon in der Hand hielt und eben mit dieser Person in eben dieser anderen Stadt in der die Person gerade in einem Radiostudio saß über eben diese Seite auf der ihr gerade alle seid sprach und vielleicht ein paar Mal zu oft lachte und das „r“ rollen ließ, und den Akzent wechselte, einfach so.

All das ist jetzt schon wieder vier Tage her und in der Zwischenzeit war man nochmals auf diesem Platz und sah A. noch zweimal und trank zuviel Kaffee und wachte dann morgens um fünf auf und schlief erst um sieben wieder ein und träumte vom Fallschirm springen und vom Rollschuh fahren und davon, wie jemand einen mit einem Namen rief, der einem gar nicht gehörte, aber den man trotzdem behielt.
Man aß Curry zu Mittag an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, man nahm das Telefon stündlich ab, man hörte laut Musik, sobald man alleine im Büro war. Abends fing man damit an, Kleidung auszusortieren und kaufte dem freundlichsten Augustinverkäufer im Vorraum des Supermarktese ein weiteres Mal keine Zeitung ab.
Die Nachbarn stritten, als man ins Bett ging und morgens lief ihre Waschmaschine, als man das Haus verließ. Man hat sie immer noch nicht zu Gesicht bekommen, man hofft ein wenig, das wird immer so bleiben. Man erzählte den Menschen von dem Telefonat am Samstag, das manche auch ein Interview nennen würden, man freute sich, hörten sie es an. Man freut sich immer noch, wenn Menschen das tun. So wie man sich darüber freut, dass das hier jemand liest. Bis zu diesem Wort und bis zu diesem auch. Vielleicht ja sogar bis diesem.

Das hier was jetzt folgt, ist allerdings kein Wort mehr, das hier ist ein Link. Man kann da bis Minute 47:30 vorspulen und dem Gespräch zuhören, von dem ich zuvor berichtete. Man darf mir auch tatsächlich Fotos schicken. Man darf sich sicher sein: Ich wäre froh.

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Istanbul (und das danach)

In den letzten Stunden in einer Stadt kommt dann die Unsicherheit wieder, die man in den Tagen davor abgelegt hat. Man ist sich plötzlich der Möglichkeit über die kaputten Treppen zu stolpern wieder bewusst, man sieht die schnell fahrenden Taxis wieder als lebensbedrohliche Gefahr an und vor allem blickt man wieder dreimal in den Stadtplan bevor man dann um eine Ecke biegt, hinter der man das gleiche nochmals macht. Man ist wieder Gast und man weiß es wieder, man macht sich bereit für eine Reise, die anders als jene einige Tage zuvor ein Ziel hat, an dem einem niemand etwas erklären muss und man sich genauso wenig jemand anderen. Man fragt sich vielleicht, ob das etwas gutes ist oder etwas schlechtes, man weiß dabei aber auch: Hierbei geht es tatsächlich nur um das Fragen, die Antwort ist irrelevant.

Ich habe zu viel Lira abgehoben und finde mich in drei verschiedenen Geschäften wieder auf dem Weg zu meinen gepackten Sachen. Ich stehe in Läden und starre auf Apfelteeinstantpulver, Sandalen in ultramarinblau und eine Tasche mit einem Turm darauf. Ich kaufe nichts, es gibt nichts, dass ich mitnehmen möchte, ich sehe das ein und wundere mich, während ich weiter einen Fuß vor den anderen setze, die Sandalen klappern dabei plötzlich unglaublich laut.

Aber so ganz stimmt das ja auch nicht. Es gibt da diesen Ausblick, den hätte ich auch gerne von meinem Bett in Wien aus, es gibt da diese Straßenkatze, bei deren Anblick ich an Mr. Spock denken mus und es gab da diese zwei Momente, in denen ich mir einer Möglichkeit bewusst  und dieses Bewusstsein ausreichend für etwas Glück war. All das hätte ich dann doch gerne in meine Tasche gepackt, die laut Check-In-Waage nur halb so schwer ist, wie sie sein könnte, anders als der mit Gaffer-Tape umklebte Koffer der Japanerin neben mir. „Five kilo too much“ sagt die Flughafenangestellte und die Japanerin lacht. In diesem Moment ist egal weshalb.

Im Hafen von Istanbul wohnen über 180 Quallen. Das haben G. und ich gezählt, nachdem wir den Ausstieg verpasst hatten und noch einmal auf dieser Fähre über den Bosporus schlänkerten. Die Quallen sind allesamt weiß und sehen aus wie mißglückte Papierweihnachtssterne die schon zu lange im Wasser schwimmen. Manchmal sehen sie auch aus wie etwas durch das man hindurchgreifen könnte und manchmal wie etwas, das man sich nur einbildet. Die Quallen treiben auf und ab und manchmal weg. Sie tun dies auch noch, da hat das Schiff längst angelegt, G. und ich uns verabschiedet und ich den Koffer gepackt und laut ratternd über die Istiklal bis zu diesem Bus gezogen, vor dessen Fenster Istanbul ein letztes Mal vor mir vorbeirauscht und die Frau neben mir sich ihre Wimpern dreimal tuscht.

Wahrscheinlich treiben die Quallen auch jetzt noch, über ein Monat später in alle Richtungen und durch alle Zeiten. Ein wenig habe ich versucht es ihnen gleichzutun, aber ich bin noch immer gut im Scheitern, denke ich dann oft und lege morgen ein weiteres Buch auf die Postkästen, mit dem Vermerk, es suche einen neuen Besitzer. Wenn ich abends nach einem barfuß-Tag im Büro und dem immer gleich langen Weg nachhause wieder das Stiegenhaus betrete, ist es immer schon weg. An der Gegensprechanlage klebt ein Zettel auf dem steht, dass morgen wieder alles funktioniert, er ist unterschrieben mit „ihr Hauselektriker“ und ich überlege kurz einen Zettel dazu zu kleben auf dem „wirklich alles?“ steht, aber denke dann an die Enttäuschung, die ich verspüren würde, würde er nicht antworten.

Später weiß ich wieder, dass das falsch war, dieses Vorausgreifen der Gefühle, dieses etwas nicht zu machen, weil das was daraus resultieren sich nicht richtig anfühlen könnte. Das ist ein wenig wie nicht Eislaufen zu gehen, weil man danach erkältet sein könnte oder ein Buch anzufangen, das auf einer jeden zweiten Seite einen Satz hat den man anstreichen möchte und es dann nicht fertigzulesen, weil man Angst hat, es könnte aufhören so gut zu sein. Das ist wie einen Film seit fast zehn Jahren nicht anzuschauen, weil man befürchtet, man müsste das ‚Lieblings‘ davor dann weglassen, würde man wieder von ihm erzählen. All diese Dinge sind dieses Jahr bereits passiert und ich weiß nicht wieso. Das Buch, das es heißt irgendwann einmal fertig zu lesen trägt als Titel den Namen eines amerikanischen Bundesstaates den ich nie besuchte und der rückwärts fast genauso klingt wie vorwärts. Es erzählt von Erinnerungen, rund, kompakt und schimmernd, es erzählt von einer ersten Begegnung in einem Bahnhof und einer Karte, auf der nichts steht außer „Gern hätte ich unsere erste Begegnung noch vor mir und auch die ersten Worte, die wir miteinander sprachen.“

Ich habe viel über erste Begegnungen gesprochen in den letzten Wochen und ich erinnerte mich plötzlich an eine die mir einmal viel bedeutete. Damals war Sommer 2002 und die Matura knapp vorbei. Ich stand in einer Gasse meiner Schulstadt und ein Mann rannte an mir vorbei, er rannte dann wieder zurück, blieb vor mir stehen und überreichte mir ein Büschel ausgerissene Pelargonien. „Ich werde mich für immer schämen, aber ich hatte das Bedürfnis das zu tun“ sagte er und ich gab ihm meine Telefonnummer. Wir trafen uns wenige Tage später in einem Park und küssten uns im strömenden Regen. Er spielte Klavier für mich und hatte eine gescheiterte Skateboardkarriere hinter sich. Wir sahen uns nicht wieder danach, bald kam der Herbst und da war das auch schon fast egal. Jahre später erblickte ich ihn bei einer Demonstration, er hielt ein Plakat einer kommunistischen Vereinigung in die Höhe und es war mir nicht unangenehm ihn dabei zu beobachten, weil ich wusste, er würde mich nicht mehr erkennen. Er küsste später ein Mädchen an einer Straßenecke, da gingen die Menschen schon lange wieder in verschiedene Richtungen und ich fuhr auf meinem Fahrrad vorbei, ich fuhr einen Heimweg, den es lange nicht mehr gibt, zu einem Zuhause, das längst nicht mehr das meine ist und zu einer Person, die dort lange nicht mehr wartet.

Die Wege nach Hause sind immer etwas von dem ich mich am schwersten trenne. Sie sind die Orte zwischen den Geschehen, man ist nicht mehr weg, aber noch nicht wieder da. Etwas ist geschehen, aber noch nicht vorbei. Man kann theoretisch noch umdrehen, aber macht es nicht. Heimwege sind die Zeitspannen die nur einem alleine gehören, sind die Orte, die kein anderer jemals so wahrnehmen kann wie man selbst.
In einer meiner ersten Nächte in dieser Stadt, als ich noch jenseits des Kanals wohnte, stand ich eines Abends auf dieser Brücke und nahm mit einem schlechten Aufnahmegerät die Geräusche auf, die die Autos durch das Fahren über die querenden Straßenbahnschienen verursachten. Man hatte mich gefragt, was es wäre, das in mir das Gefühl des Nachhausekommens auslöse in dieser Stadt und es war dieses Geräusch, das mir als erstes einfiel. Über ein Jahr war es das noch, dann war es plötzlich eine Person, mit der ich manchmal an der Ampel wartete und dem Rattern zuhörte und die dann meine Hand drückte im richtigen Moment.

Mittlerweile haben sich diese Nachhausewege unzählige Male geändert, aber ich erkenne sie alle noch wieder. Ich weiß noch, wie lange es von dieser einen Ampel bis zu dieser einen Wohnung dauert. Ich weiß noch, wo man am besten umsteigt und wo am schlechtesten, möchte man von diesem einen Gebäude zu diesem anderen. Ich erinnere mich genau, an welcher Ecke ich vom zweiten auf den ersten Gang schaltete und wo die Gehsteigkanten abgeflacht sind.
Ich kann berichten: Es gibt ein Haus, das trägt die Nummer 21 und in diesem Haus gibt 48 Stufen, die man gehen muss, bis man vor einer Tür steht, die einmal weiß war und es vielleicht noch ist. Es gibt ein anderes Haus, es trägt die Nummer 8 und es steht an einer Ecke, es hat keine Gegensprechanlage und die Tür ist meistens offen, die Fliesen im ersten Stock sind locker, man muss einen großen Schritt vom letzten Stiegenabsatz machen, will man die Nachbarn nicht wecken des Nachts. Und es gibt ein Haus, es trägt die Nummer 6 und in ihm wohnte einmal Brahms, es wurde errichtet von einem Architekten, der später Selbstmord beging und seinem Lebenspartner, der kurz darauf an gebrochenem Herzen starb. So lässt sich das zumindest gut erzählen, an Tagen in einem Sommer, der einen morgens zu früh aufwachen lässt und manchmal auf einen vergisst. Ein Sommer in dem das Haus, das man am öftesten betritt eine 12 trägt und man sich manchmal wünscht, man hätte mit dem Rauchen angefangen, während der Nachbar am Fenster sitzt und „Hello Sweetheart“ in den Computer sagt. Ein Sommer an dessen Ende die Heimwege plötzlich in die andere Richtung gegangen werden müssen und man wieder öfters in der S-Bahn zum Flughafen sitzen wird.

Im Rücken dann diese Stadt, nicht mehr Zuhause, aber ein Immernochda, im Rücken dann diese Menschen, nicht mehr Immerda, aber immer ein Zuhause.

Said she (II)

This is me in 1950. I woke up in the morning and was surprised that the sun was shining. I drank coffee for breakfast that my husband didn’t finish before he went for a walk with the dog. His aunt was visiting us. I never really liked her. She made me and my husband go for a walk up the hill behind our house where he took this picture at 10.34am. In the moment he triggered the shutter I was wondering if I will ever see the sea and the fact that I didn’t know the answer made me very angry. It was a desperate anger that I didn’t know how to get rid of and it accompanied me to bed that evening and made me dream of ships full with christmas trees that my husband built in our garden and me telling him that he doesn’t understand a single thing.

My husband’s aunt started to sing a song some minutes after the picture was taken and I sang with her because there was nothing else to do. My husband laughed and told us that we are two of his three most beloved women. I hoped that we would get a daughter soon so I can get out of this ranking.

Years later we went to the funeral of his aunt and later on he framed the picture and put in on the wall in our living room. I am looking at it now. I am looking at me looking back at me while wondering if I will ever see the sea. I know the answer by now. It is different to what I expected. It didn’t make the ships in my dreams go away. It helped. But not enough.