Was noch

Der Mann den Vera schon seit zwei Jahren nicht mehr küssen möchte, sagt, dass er jetzt geht. Vera säubert in diesem Moment die Küchenablage mit einem gelben Schwamm, den sie eigentlich gestern wegwerfen wollte, sie hält kurz inne in ihrer Bewegung, sie überlegt, ob sie sich zu dem Mann umdrehen soll, sie ist sich sicher, dass sie es nicht machen sollte. Sie dreht sich um.
Der Mann steht im Türrahmen und blickt sie so an, als wäre es an Vera die Situation zu retten. Aber es gibt gar nichts zu retten, denkt Vera, vielleicht gibt es noch nicht mal eine Situation. Ginge das, denkt sie dann weiter, ginge das, das etwas gar keine Situation ist? Ein nichts, obwohl es gerade stattfindet? Ginge das? Sie lässt ihren Nacken knacken, sie hält noch immer den Schwamm in der Hand, kurz lächelt sie. In Ordnung, sagt sie. Ich begleite dich.
Gestern stand der Mann auch schon mal in dem Türrahmen. Das weiß Vera, obwohl sie sich nicht umdrehte. Sie hackte Karotten in kleine Würfeln und der Mann sagte, dass er das noch nie gesehen habe, dass doch Karotten immer in Scheiben geschnitten werden. Vera erklärte, dass sie das von ihrer Großmutter gelernt hatte, dass Karotten in Würfeln schneller gar würden. Vera log. Sie selbst schnitt zum ersten mal Karotten in Würfeln an diesen Abend, sie wunderte sich über sich, da hatte der Mann es noch gar nicht bemerkt. Hatte noch seine Schuhe an und nippte an einem Glas mit einer Langsamkeit, die Vera in den Knochen spürte.
Weißt du noch, fragte der Mann später, als sie die Karottenwürfel aßen, weißt du noch, wie wir in diesem Hotelzimmer standen, du und ich und es gab gar nichts zu sehen? Es war Nacht und ich wollte, dass du bleibst, weißt du noch? Ich blieb nicht, sagte Vera, ohne dass es eine Antwort ist. Ich ging sehr schnell, im Aufzug stand ein Japaner neben mir und ich wünschte mein Name wäre Scarlet und um mich rum Tokio. Aber es war nur eine Stadt, in der ich auch ohne Hotelzimmer einen Schlafplatz hatte. Eine Stadt in der ich nichts von dir wusste, nur Wochen, nur Tage zuvor. Der Mann hatte noch fünf Karottenwürfel auf seinem Teller liegen, er schob sie von links nach rechts, er nickte langsam. Das Nicken hätte alles bedeuten können. Zum Beispiel, dass der Mann gerade etwas verstanden hatte, von dem sich Vera wünschte es nie aussprechen zu müssen. Es hätte auch heißen können, dass der Mann ihr gerade gar nicht zugehört hatte. Vera beschloss eine Hand auf seinen Unterarm zu legen, ein wenig nur, damit er aufhörte, die Karotten hin und her zu schieben, ein wenig um sich selbst sicherer zu fühlen, ein wenig ohne Grund.
Die Hand wog hundert Kilo, sobald sie seinen Hemdärmel berührte, sie reichte nicht, um den ganzen Unterarm zu umfassen und Vera wusste nicht, was sie nun als nächstes mir ihr tun sollte. Weißt du noch, fragte der Mann da, weißt du noch, wie wir uns einmal auf diesem Fest trafen, jemand sang Love is in the Air und es war eine Lüge? Das war es nicht, sagte Vera, ohne dass es eine Antwort ist. Sie nahm einen Karottenwürfel und steckte ihn sich in den Mund. Der Mann griff sich auf den Hinterkopf, er blickte auf Veras Hand auf seinem Arm. Warum bin ich eigentlich hier, fragte er und lachte dann kurz. Lass uns schlafen gehen, sagte Vera da und meinte es auch so.
Vera schlief schlecht neben dem Mann, dessen Füße unter der Decke hervorlugten. Sie beobachtete ihn, wie er ruhig da lag und noch im Schlaf ihre Hand hielt. Vera versuchte sich an das Gefühl zu erinnern, das es früher einmal gab. Gibt es jemand anderen, hatte der Mann bereits im Bett liegend gefragt und Vera hatte den Kopf geschüttelt, hatte gesagt, dass es andere gebe, aber keinen einen anderen. Dass es auch unerheblich ist, dass es albern ist, wie dieser Besuch, wie dieses Gespräch, das sagte Vera nicht. Der Mann nahm ihre Hand und verkündete sie die ganze Nacht zu halten, Vera lachte kurz und ließ es geschehen. Der Mann war ein Kind für sie in diesem Moment, dem sie sich überlegen fühlte. Ich würde gehen, wenn ich könnte, dachte sie und bat den Mann trotzdem nicht um das selbige.
Jetzt aber will der Mann gehen, will das von sich aus oder will das, weil er weiß, dass Vera das will. Will vielleicht auch nicht gehen, will bleiben, will wissen, warum er hier ist, will die richtige Antwort auf die falschen Fragen oder die falschen Antworten auf die richtigen Fragen, will Vera doch noch küssen, nur einmal vielleicht, will dann vielleicht gehen, will es auch nicht, will Vera anblicken und wissen, das es alles lange vorbei, das es vielleicht nie begonnen hat, will wissen, dass das in Ordnung ist, in dieser Stadt und auch in jeder anderen.
Vera nimmt ihren Mantel vom Haken, sie zieht sich ein Paar Schuhe an, sie zieht sie wieder aus, sie zieht ein anderes an, sie schüttelt den Kopf, ohne dass es jemand sehen sollte. Der Mann beobachtet sie, es gibt nichts mehr zu sagen, es gab das auch gestern schon nicht mehr, aber jetzt ist es offiziell. Vera steht auf mit einem Ruck, sie steht vor dem Mann, vielleicht einen Tick zu nahe. Sie blickt den Mann an, sie denkt: wenn ich die erste bin, die zur Seite blickt, dann darfst du mich küssen. Doch dann dreht der Mann den Kopf, blickt aus dem Fenster und Vera ist erleichtert.
Was noch?
Eigentlich nicht viel. Und eigentlich alles.
Vielleicht aber auch nur das: An diesem Tag laufen schon zu Mittag die Mäuse quer durch die Fußgängerzone, ohne das Vera in diesem Moment davon weiß. Sie hat die Butter vergessen in den Kühlschrank zurück zustellen, wenn sie wieder nach Hause kommt, wird sie  ihren Finger darauf drücken, wird ihn ansehen und überlegen abzulecken. Wird es nicht tun. Wird ihn unter den Wasserhahn halten in einem Moment, in dem der Mann immer noch die gleichen Lippen hat wie vorletzten Sommer und sich immer weiter entfernt. Noch einen Schritt, noch eine Straße, noch ein Gefühl.
Dann ist es gut.
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