Eine Insel ist eine Heimat ist eine Insel

Seit drei Wochen ist Henry tot. Ich fand ihn in der Scheune unweit des Hauses, er lag da so und anfangs dachte ich kurz, dass er nur schläft. „Henry“ sagte ich, „Henry, komm steh, auf, das Essen ist fertig.“ Aber Henry bewegte sich nicht, er reagierte nicht und bereits in diesem Augenblick wusste ich: Das wird nie wieder gut. Ich sagte noch: „Es gibt Lammeintopf, es gibt Bohnen dazu. Ich habe auch einen Kuchen gebacken.“ Aber ich dachte bereits: „All das gibt es zum letzten Mal, all das werde ich nie wieder kochen, nicht für mich alleine und niemals mehr für dich.“

Ich drehte mich dann um, ich ging zurück zum Haus, es waren 68 Schritte, ich zählte einen jeden. Ich setzte mich an den Küchentisch, ich stand wieder auf, ich nahm Henrys Teller und stellte es in die Spüle, ich setzte mich wieder an den Tisch, ich stand wieder auf, ich nahm Henrys Teller und stellte es in den Schrank. Ich stellte mich danach ans Fenster und beobachtete die Wolken, sie zogen vorbei, als wäre nichts geschehen und für einen Augenblick dachte ich, dem wäre auch so.

Liv kam vorbei. „Wo ist denn Henry?“ fragte sie. „In der Scheune“ antwortete ich und Live verstand wohl mehr als ich, sprang auf und rannte die 88 Schritte, denn ihre Beine sind kürzer als meine, rannte dorthin, schrie kurz auf, rannte aus der Scheune, blickte zum Fenster, hinter dem ich immer noch stand, blickte zu mir und ich blickte zurück, ich wiederholte „Das wird nie wieder gut.“ Liv konnte das nicht hören, aber das änderte nichts.

Zwei Tage lag Henry noch in dieser Scheune. Ich besuchte ihn manchmal. Ich setzte mich neben ihn und sagte, dass das Wetter und die Wellen sich beruhigt hätten, dass bestimmt bald ein Arzt vom Festland hier auftauchen würde, er wäre schon auf dem Weg. „Das ist nicht so schlimm, Henry“ sagte ich auch, „Das ist nicht so schlimm, an das Warten müssen wir uns jetzt gewöhnen. Das ist wie eine Probe, das schaffen wir schon.“ Danach verließ ich ihn wieder, ging zur Anlegestelle und starrte auf das Wasser, auf dem irgendwann ein Boot auftauchen sollte, und mit ihm ein Arzt und mit ihm die Einsicht, dass all das gerade wirklich passierte.

34 Stunden, nachdem ich Henry zum ersten Mal in der Scheune liegend sah, war das tatsächlich der Fall. Der Arzt schüttelte meine Hand, sie war weicher als meine, er blickte mir in die Augen und folgte mir ohne ein Wort zu sagen zunächst zu Henry, seufzte dort kurz und später in das Haus, wo er sich mir am Küchentisch gegenübersetzte und wieder seufzte, ein wenig zu lang. Das war wohl das Herz, meinte er und das Alter. Das war wohl der richtige Zeitpunkt, keine Schmerzen, kein Bewusstwerden dessen, was gerade passierte, keine Angst. Er füllte einen Zettel aus, während er das sagte und reichte ihn mir später. Einen Zettel, der bestätigt, dass Henry tot ist, dass wir ihn begraben dürfen, unweit der Kirche. Ich las ein jedes Wort genau, ich blickte zum Arzt. Ich sagte: „Jetzt ist es vorbei.“

Der Arzt verließ die Insel eine Stunde später, er zog seinen Hut, als das Schiff ablegte. Liv weinte und ich nahm ihre Hand. Wir gingen den kurzen Weg zum Friedhof, wo schon die anderen acht warteten. Wir nahmen die Schaufeln und gruben ein Loch. Robert hatte einen Sarg gezimmert, Mary hatte ein paar Blumen gesammelt, Keith läutete die Kirchenglocke und über den Hügel kamen langsam Albert, Thomas, Paul und Charles. Auf ihren Schultern diese Truhe, in ihr dieser Mann, der einmal sagte: „Diese Insel werde ich  nie wieder verlassen.“ Und der dabei nicht gelogen hatte und das vielleicht schon wusste.

Wir sangen ein Lied, wir sangen noch eines. Wir bekreuzigten uns und es begann zu regnen. Ich schüttelte dreizehn Hände, ich küsste acht Wangen, ich legte meinen Kopf an eine Schulter, ich tat das vier Sekunden, dann nickte ich kurz und die anderen taten es mir gleich. Die Menschen und ihre sechsundzwanzig Hände folgten mir den schmalen Weg zurück zum Haus und versammelten sich später in dieser Küche, die plötzlich nur noch die meine war. Sie tranken Tee, wir sprachen nicht viel. Irgendwann wurde es dunkel, irgendwann wurde es Nacht. Draussen brachen die Wellen an den Klippen, eine Möwe schrie.
Es dauerte noch drei Tage und auch Albert würde sterben, noch vier Monate und auch Paul war tot. Noch ein Jahr und Liv würde zurück aufs Festland kehren. Noch ein Jahr mehr und Ludmilla würde nicht mehr erwachen. Noch drei Jahreszeiten dazu und die Insel wäre nur noch eine Insel, wäre keine Heimat mehr und trotzdem immer noch da.

Das wussten wir noch nicht in dieser Nacht, in der das Sterben begann. Das ahnten wir vielleicht, auch am nächsten Morgen taten wir das noch. Da schien kurz die Sonne und die Männer fuhren zur See. ich kochte Tee und dachte an Henry, der hinter diesem Hügel lag, acht Monate länger als ich.

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