David

Einmal vor einigen Jahren da haben David und ich im selben Haus gelebt. Ich wusste das, weil Anna gerade in den USA war und zwei Karten an die selbe Adresse schrieb. Ich wußte das nicht, weil David und ich uns gegenseitig besuchten. Das machten wir nämlich nie. Aber wir schlossen unsere Fahrräder im Hof aneinander und einmal erfuhr ich von David via Facebook dass die Leuchtreklame des Puffs gegenüber ausgefallen war. Ich weiß noch, wie ich aufstand und aus dem Küchenfenster blickte, und feststellte, dass er Recht hatte. Es war eine sehr penetrante Leuchtreklame und ich wunderte mich, dass ich es mir nicht selber aufgefallen war. Ich schrieb David, dass ich sehr froh sei, ihn im selben Haus zu wissen, jetzt müsse ich nicht mal mehr aus dem Fenster schauen und wisse dank ihm trotzdem Bescheid, was sich davor abspiele.
Das war bei Weitem nicht das einzige Mal, dass David mich auf Dinge aufmerksam machte, die sich direkt vor meinen Augen abspielten, die ich aber dennoch nicht wirklich wahrnahm. Im Prinzip machte er das bei jedem Konzert, auf dem ich ihn traf. Er tat dies mit seinen Worten, mit seinen Wortspielen, die mich oft beeindruckten und zum lachen brachten. Und er tat dies durch seine Fotos, die mich so oft tief berührten. David wie er ganz vorne stand und trotzdem nicht den Blick versperrte. David, wie er durch seine Kamera so viel mehr sah, als ich mit dem bloßen Auge. David, wie er nie zu laut war, aber auch nie zu leise. Wie es immer angenehm war in seiner Gegenwart zu sein und schade, wenn er bei Konzerten fehlte.

Von meinem Badezimmer aus konnte ich auf die Fenster seiner Wohnung sehen und wir sprachen darüber, dass ich ihm jedes Mal beim Zähne putzen zuwinken würde und die anderen Leute im Haus hinter vorgehaltener Hand über die verrückte Winkerin tuscheln würden und ich fand das eine sehr super Idee und machte es dann doch nie, aber ich vergaß es trotzdem nicht und als David dann tatsächlich zu mir in meine Wohnung kam, da waren meine Kisten bereits gepackt und wir trugen sie gemeinsam zum Auto und ich entschuldigte mich, dass ich nie beim Zähneputzen gewinkt hatte und David lachte und alles war ziemlich gut.

Ich erinnere mich auch noch an eine Nacht, in der ich ziemlich betrunken von einer Party auf der etwas damals herzbetreffend schlimmes passiert war, nachhause kam und bereits bevor ich die Haustür aufschloss wusste, dass ich jetzt unmöglich gleich ins Bett gehen könne. Diese Wohnung, dieses kleine Zimmer, die unbequeme Matratze, das tiefe Atmen meines Mitbewohners hinter der zweiten Tür, all das erschien mir zuviel. Ich ging in den Innenhof und setzte mich auf die Treppen, ich stand wieder auf und betrat das Hinterhaus. Die Sonne ging gerade auf, ich ging das schrecklich enge Stiegenhaus bis zu obersten Stock und wieder zurück. Ich wünschte mir, David besser zu kennen und dadurch die Erlaubnis zu haben, morgens um fünf bei ihm zu klopfen. Oder mutiger zu sein und auf solch eine gefühlte Erlaubnis zu pfeifen. Ich ging dann trotzdem schlafen. Ich dachte daran, ihm davon zu erzählen, ich habe es dann nie gemacht.

Ich sah David das letzte Mal im Frühjahr auf einem Konzert in einem Lokal, das wohl auch den Ort darstellt an dem wir uns am öftesten trafen. Wir sprachen nicht viel. David schien ein wenig durch den Wind zu sein, ich war das auch. Ich dachte mir nicht viel dabei, es würde beim nächsten Mal schon wieder anders sein. Tage später schrieb er mir von einer DVD-Box, die er mir gerne borgen würde.  Bei dem Konzert, das als Übergabe angedacht war, war er dann schon nicht mehr da.

Der Frühling ging vorbei, der Wind änderte sich. David verschwand. Es fiel mir, die ich mittlerweile 800km weit weg wohnte irgendwann im August auf. Ich war auf der Suche nach einer neuen Serie und erinnerte mich, dass David mir doch eben diese DVD Box versprochen hatte. Ich suchte nach der Nachricht auf Facebook, aber David war nicht mehr da. Sein Profil war gelöscht, seine Kommentare verschwunden. Was blieb waren Lücken. Lücken in der ellenlangen Konversation unter meinen Status über den Mann der sich eine Extrawurstsemmel mit 20dag Wurst gekauft hatte und dabei sehr glücklich aussah. Stundenlang hatten Anna, Carina, David und ich uns danach über Kindheitserinnerungen in der Feinkostabteilung, Annas erste Fertigpizza und warum Feta eines der besten Dinge der Welt sei unterhalten. Lücken in Konversationen über Ostern, über Maßstäbe, über Kindheitslieder und Castortransporte, die plötzlich alle keinen Sinn mehr machten.

Vielleicht kann man sich jetzt schon denken, worauf diese Geschichte hinausläuft. Ich konnte das nicht. Ich weiß noch, ich wunderte mich kurz, dass David verschwunden war, aber dachte dann nicht weiter drüber nach. Soviele Menschen hatten sich doch bei Facebook schon abgemeldet, sein Fotoblog war noch da, nicht mehr aktualisiert seit März, aber noch da. Das beruhigte mich. Und ich dachte, ich frage David halt das nächste Mal, wenn wir uns sehen. Und ich dachte, dass es jetzt ganz praktisch wäre im selben Haus zu wohnen, dann könnte ich vielleicht tatsächlich einfach klopfen, oder einen Zettel an sein Fahrrad kleben oder in den Briefkasten werfen.

Vor über einem Monat ist David gestorben. Er hat viele Fragen zurückgelassen und viel Trauer. Er hat Erinnerungen zurückgelassen. Erinnerungen an ihn, den schlacksigen David mit seiner analogen Kamera, der so schön lachte und so schön schwieg. David, der einmal mein Nachbar war und den ich nie zum Essen eingeladen habe. David mit seinem Fahrrad mit den bunten Aufklebern. David, der mehr Musik kannte, als jemals jemand sonst. David, der Computer reparieren konnte auch über hunderte Kilometer Entfernung. David, der Raumzeithypothesen aufstellte und im nächsten Satz über Käse sprach. David, der heute Geburtstag hätte und an den ich denke in einem Vorort von Stuttgart, in einer S-Bahn, Anna gegenüber. In einem Moment in dem dann alle anderen Worte fehlen und man den Konjunktiv so hasst, wie selten zuvor.

David, der fehlt.

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Eine Insel ist eine Heimat ist eine Insel

Seit drei Wochen ist Henry tot. Ich fand ihn in der Scheune unweit des Hauses, er lag da so und anfangs dachte ich kurz, dass er nur schläft. „Henry“ sagte ich, „Henry, komm steh, auf, das Essen ist fertig.“ Aber Henry bewegte sich nicht, er reagierte nicht und bereits in diesem Augenblick wusste ich: Das wird nie wieder gut. Ich sagte noch: „Es gibt Lammeintopf, es gibt Bohnen dazu. Ich habe auch einen Kuchen gebacken.“ Aber ich dachte bereits: „All das gibt es zum letzten Mal, all das werde ich nie wieder kochen, nicht für mich alleine und niemals mehr für dich.“

Ich drehte mich dann um, ich ging zurück zum Haus, es waren 68 Schritte, ich zählte einen jeden. Ich setzte mich an den Küchentisch, ich stand wieder auf, ich nahm Henrys Teller und stellte es in die Spüle, ich setzte mich wieder an den Tisch, ich stand wieder auf, ich nahm Henrys Teller und stellte es in den Schrank. Ich stellte mich danach ans Fenster und beobachtete die Wolken, sie zogen vorbei, als wäre nichts geschehen und für einen Augenblick dachte ich, dem wäre auch so.

Liv kam vorbei. „Wo ist denn Henry?“ fragte sie. „In der Scheune“ antwortete ich und Live verstand wohl mehr als ich, sprang auf und rannte die 88 Schritte, denn ihre Beine sind kürzer als meine, rannte dorthin, schrie kurz auf, rannte aus der Scheune, blickte zum Fenster, hinter dem ich immer noch stand, blickte zu mir und ich blickte zurück, ich wiederholte „Das wird nie wieder gut.“ Liv konnte das nicht hören, aber das änderte nichts.

Zwei Tage lag Henry noch in dieser Scheune. Ich besuchte ihn manchmal. Ich setzte mich neben ihn und sagte, dass das Wetter und die Wellen sich beruhigt hätten, dass bestimmt bald ein Arzt vom Festland hier auftauchen würde, er wäre schon auf dem Weg. „Das ist nicht so schlimm, Henry“ sagte ich auch, „Das ist nicht so schlimm, an das Warten müssen wir uns jetzt gewöhnen. Das ist wie eine Probe, das schaffen wir schon.“ Danach verließ ich ihn wieder, ging zur Anlegestelle und starrte auf das Wasser, auf dem irgendwann ein Boot auftauchen sollte, und mit ihm ein Arzt und mit ihm die Einsicht, dass all das gerade wirklich passierte.

34 Stunden, nachdem ich Henry zum ersten Mal in der Scheune liegend sah, war das tatsächlich der Fall. Der Arzt schüttelte meine Hand, sie war weicher als meine, er blickte mir in die Augen und folgte mir ohne ein Wort zu sagen zunächst zu Henry, seufzte dort kurz und später in das Haus, wo er sich mir am Küchentisch gegenübersetzte und wieder seufzte, ein wenig zu lang. Das war wohl das Herz, meinte er und das Alter. Das war wohl der richtige Zeitpunkt, keine Schmerzen, kein Bewusstwerden dessen, was gerade passierte, keine Angst. Er füllte einen Zettel aus, während er das sagte und reichte ihn mir später. Einen Zettel, der bestätigt, dass Henry tot ist, dass wir ihn begraben dürfen, unweit der Kirche. Ich las ein jedes Wort genau, ich blickte zum Arzt. Ich sagte: „Jetzt ist es vorbei.“

Der Arzt verließ die Insel eine Stunde später, er zog seinen Hut, als das Schiff ablegte. Liv weinte und ich nahm ihre Hand. Wir gingen den kurzen Weg zum Friedhof, wo schon die anderen acht warteten. Wir nahmen die Schaufeln und gruben ein Loch. Robert hatte einen Sarg gezimmert, Mary hatte ein paar Blumen gesammelt, Keith läutete die Kirchenglocke und über den Hügel kamen langsam Albert, Thomas, Paul und Charles. Auf ihren Schultern diese Truhe, in ihr dieser Mann, der einmal sagte: „Diese Insel werde ich  nie wieder verlassen.“ Und der dabei nicht gelogen hatte und das vielleicht schon wusste.

Wir sangen ein Lied, wir sangen noch eines. Wir bekreuzigten uns und es begann zu regnen. Ich schüttelte dreizehn Hände, ich küsste acht Wangen, ich legte meinen Kopf an eine Schulter, ich tat das vier Sekunden, dann nickte ich kurz und die anderen taten es mir gleich. Die Menschen und ihre sechsundzwanzig Hände folgten mir den schmalen Weg zurück zum Haus und versammelten sich später in dieser Küche, die plötzlich nur noch die meine war. Sie tranken Tee, wir sprachen nicht viel. Irgendwann wurde es dunkel, irgendwann wurde es Nacht. Draussen brachen die Wellen an den Klippen, eine Möwe schrie.
Es dauerte noch drei Tage und auch Albert würde sterben, noch vier Monate und auch Paul war tot. Noch ein Jahr und Liv würde zurück aufs Festland kehren. Noch ein Jahr mehr und Ludmilla würde nicht mehr erwachen. Noch drei Jahreszeiten dazu und die Insel wäre nur noch eine Insel, wäre keine Heimat mehr und trotzdem immer noch da.

Das wussten wir noch nicht in dieser Nacht, in der das Sterben begann. Das ahnten wir vielleicht, auch am nächsten Morgen taten wir das noch. Da schien kurz die Sonne und die Männer fuhren zur See. ich kochte Tee und dachte an Henry, der hinter diesem Hügel lag, acht Monate länger als ich.