Vor Monaten

Heute wollte ich mir ein Nachthemd kaufen. Ein weißes Nachthemd, das über die Knie geht, aus Baumwolle. Der Wunsch das zu tun kam plötzlich.  bei genauerer Betrachtung allerdings, war er mir nicht unbekannt, auch vor ein paar Wochen wünschte ich mir das schon. Da sprach ich mit V. darüber, wann eigentlich der Zeitpunkt kam, an dem man aufhörte richtige Pyjamas zu tragen. Ich weiß es bis heute nicht genau, ich weiß aber, dass ich vor über vier Jahren in Kopenhagen schlafen ging, nachdem ich mir die Wiederholung des olympischen Segelrennens auf dänisch angeschaut hatte, bei dem das dänische Team im kroatischen Boot gewann. Das Wetter war so schlecht, dass der Bildschirm meist nur grau war, ab und an blitzte ein Boot auf, das dann auf und ab wippte. Ich sah mir das fast eine Stunde an, es war mitten in der Nacht, ich verstand kein Wort, obwohl ich mir seit Tagen einbildete dänisch wäre eine seltsame Mischung aus Deutsch und Englisch und gar nicht so schwer, das sagte ich auch zu einem jungen Paar, dem ich beim Umzug half, da Grete nichts mehr tragen durfte, da das Baby im Bauch sonst zuoft strampelte. Jedenfalls schaute ich mir die Wiederholung einer olympischen Disziplin, die mich nie zuvor und nie danach interessierte, in einer Sprache, die ich nie zuvor und nie danach sprach, mitten in einer Stadt in der ich nie zuvor und nie danach war an und saß dabei auf einer Matratze in einem Zimmer, in dem eine Stehlampe stand, die das damals in jedem zweiten Studentenzimmer auf dem gesamten Kontinent stand. Es war das Jahr der Urlaube, die nur mir gehörten, ich entdeckte das Alleinereisen für mich, es war etwas von dem ich mir einbildete, es lernen zu müssen, aber es fühlte sich dann immer ein wenig an wie ein zu großer Schuh. Ich gab trotzdem nicht auf und reiste weiter, einmal, da war dann schon Winter, da saß ich vor einem großen Aquarium, weit im Westen, in dem ein Mondfisch schwamm, den ich nach wie vor für den schönsten der Welt halte und schlief ein.
Seit diesem Moment bin ich geheilt. Ich reise manchmal immer noch alleine, aber nicht um mir etwas zu beweisen, sondern um mir etwas zu gönnen. Ich wünschte manchmal, ich hätte das früher begriffen.

Dänemark hätte eine Ausnahme sein sollen, dort wollte ich C. besuchen, der damals in einem Architekturbüro dort arbeitete und mich eingeladen hatte, aber wenige Tage zuvor stellte er fest, dass er die Wochenenden verwechselt hatte und just an dem Wochenende, für das ich meinen Flug gebucht hatte außerhalb der Stadt war. Als ich also in Kopenhagen ankam, wartete da kein C. auf mich, dafür aber ein Rad, das man fuhr wie eine Harley Davidson und dass der polnische Mitbewohner von A. „rad“ nannte, woraufhin ich einen Wortwitz machte, den niemand verstand außer mir. Ich fuhr also ein weiteres Mal alleine durch eine Stadt die ich nicht kannte und wunderte mich abwechselnd über Dinge und über mich. Ich sah die Meerjungfrau, ich ließ mir von einem Mann erzählen, der seine Küche mit Sand aufgeschüttet hatte, ich trank Bier in einem Aufzug, ich fuhr von dort nach da, ich fotografierte die Stehlampe, ich half bei einem Umzug, ich assistierte bei einem Filmdreh. Ich machte ein Foto von einem Baum vor einem Haus, ich fror nachts im Hafen, ich schlug die letzte Klappe, ich flog dann auch schon wieder zurück und hatte kein Stück Lakritze gegessen.
Jedenfalls in der Nacht in der ich mit A. die Wiederholung dieses Sportereignisses anschaute, da trug ich einen Pyjama, einen richtigen, den ich sehr mochte und A. sagte: I never met anyone at our age who does that.
Ich weiß nicht, aber vielleicht habe ich danach auch damit aufgehört. Ich hoffe dem war nicht so, ich möchte nicht, dass mich ein Satz ohne viel Bedeutung so beeinflussen kann, aber vielleicht war es so, wer kann das schon sagen, viereinhalb Jahre später, in einer anderen Jahreszeit, an einem Tag, an dem die nächsten olympischen Spiele noch weit weg erscheinen. Das letzte Mal sah ich einen olympischen Wettbewerb diesen Sommer im Wartezimmer meines Internisten, gemeinsam mit einem iranischen Ehepaar. Es war ein Turnwettbewerb der Frauen, später eine Zusammenfassung des 100m Schwimmens und einer Laufdisziplin, die vielleicht auch solang war, vielleicht aber länger. „Sie haben ein wunderschönes Herz“ sagte der Arzt nur wenige Minuten später, da drückte er mir gerade ein kaltes gegen die Brust und auf den anderen Monitor auf den ich mittlerweile starrte, war etwas pumpendes zu sehen, das hektisch war und mir gehörte. Seit dem Tag stelle ich mir den Beruf des Internisten nicht mehr ganz so schlimm vor, wie bis dahin. Schließlich dürfen sie solche Sätze zu wildfremden Menschen sagen und sie dabei noch wortwörtlich so meinen.
Wortwörtlich. Tagtäglich. Gibt es mehr solcher Wörter und wenn ja, wie heißen sie?
Egal. Ich wollte heute ein Nachthemd kaufen. Ein weißes, aus Baumwolle. Gerne mit einem Ansatz von Ärmeln, gerne über die Knie. Aber es gibt soetwas nicht. Als ich die Verkäuferin danach fragte, starrte sie mich kurz an und sagte dann: danach gibt es heutzutage keine Nachfrage mehr. Ich halte das für eine Fehleinschätzung, aber behielt diese Meinung für mich und kaufte stattdessen ein Rosinenbrötchen, das ich schon gegessen hatte, da war der Marktplatz gerade überquert und vor mir lag der Kaffeeberg, den ich hinunterging. Auf der anderen Seite des Parks brannte in 27 Fenstern der Klink Licht, vielleicht waren es auch 28. 29. 30. Ich zählte sie in einer Hast, die ich zuhause bereute. Ich weiß auch nicht warum.

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