Das Haus in dem du nie gewesen bist (II)

[…] Ich habe gestern nachgeschaut. Die Zeitung,  die ich lese, hat um die sechzig Seiten, seit ich das weiß, hat sich das Gefühl der Überforderung noch weiter in mir breit gemacht und ich sehe mich noch weniger im Stande, eine ganze solche zu lesen. Ich sitze am Frühstückstisch, ich sitze da so mit meinen Füßen auf dem leeren Sessel mir gegenüber und fange einen jeden Artikel an und höre einen jeden Artikel auf und vergesse dazwischen alles, was ich gelesen habe. Das war früher anders, da saß ich zwar auch so da, aber der Sessel war halt nicht leer und meine Füße, die sind auf dem Schoß eines Mannes gelegen, der wohl immer noch einen Namen hat, der von hinten fast so klingt wie von vorne, aber das darf diesem Mann nun jemand anders sagen und der Mann darf dann so tun, als würde er das zum ersten Mal hören, vielleicht glaubt er sogar, dass dem so ist, weil er es vergessen hat, wie wir damals in diesem Park lagen und der Sommer über uns hereinbrach und ich seinen Namen dreimal rückwärts sagte, weil solange dauerte es nämlich, bis er aufhörte eine meiner Haarsträhnen um seinen Zeigefinger zu wickeln und mich stattdessen ansah und auch meinen Namen rückwärts sagte und dann lachte und sagte, mit soviel Wahrheit in der Stimme, wie ich es nie wieder gehört habe: Das ist schon ein ganz schönes Glück das wir hier haben. Vielleicht hat er das vergessen, sowie wir irgendwann vergessen hatten, dass ich zuerst den Sportteil lese und er zuerst den Kulturteil und dass wir dann kurz beide den Politikteil lesen wollen, aber abwechselnd den anderen den Vortritt gelassen haben. Nur irgendwann, da haben wir beide als erstes zum Sportteil gegriffen und keiner zog die Hand zurück und irgendwann fehlte der Wirtschaftsteil in der Zeitung und irgendwann stand der Mann morgens in der Küche und trank den Kaffee im Stehen und die Zeitung lag auch abends noch vor der Tür. Und das schlimme daran war, es fiel mir nicht mal auf.

Also zumindest nicht gleich, und als es mir auffiel, da war es schon zu oft passiert um sich gegenseitig zu versprechen, dass es nicht von Bedeutung wäre. Draussen wurde gerade wieder Sommer und wir lagen so im Bett, so nebeneinander, mit unseren Köpfen auf getrennten Kissen und ich hab mich kurz umgedreht und gesagt: Jetzt haben wir immer noch kein Kind und lesen nicht einmal mehr Zeitung. Danach war es irgendwie vorbei. Der Mann hat zwar noch meinen Kopf getätschelt und meine Wange geküsst und ich habe meine Knie an seine Oberschenkel gedrückt, aber es ging dabei gar nicht mehr um den anderen sondern nur noch um sich selbst. Wir schliefen noch 38 Mal in diesem Zimmer, bevor wir es sein ließen, 38 Mal. Wir hätten in den Nächten alle überlieferten Stücke von Shakespeare lesen können oder so tun, als wäre die verbleibende Zeit ein amerikanisches Roulettebrett, eine jede Nacht ein Feld und am Ende sagst du dann immer Rot und ich sage immer Schwarz, aber wir lachen nicht mehr darüber und alles, was sich noch dreht, sind wir um uns selber, aber nicht mehr um den anderen. In Ägypten beerdigte man die Pharaonen mit 38 Katzen und brachte 38 Anchs an den Särgen an, das machte man bestimmt, um sicher zu gehen, dass im Totenreich auch alles in geregelten Bahnen verlief, dass der Tote es gut hatte dort und nicht unruhig stets zurückblickte, auf das was nicht mehr war.

Vielleicht hätten wir uns auch 38 Katzen ins Schlafzimmer holen sollen, eine jede Nacht eine mehr, bis wir in der letzten Nacht unter all den Katzen begraben plötzlich wieder gut schlafen hätten können und gelacht hätten, nicht nur wegen der Absurdität sondern auch wegen uns. Vielleicht wäre dann der nächste Morgen ein wenig später gekommen und wir wären nicht getrennte Wege gegangen und das nicht nur, weil die Katzen den Weg zur Tür versperrten und uns dadurch gezwungen hätten vielleicht doch mal etwas zu überdenken. Was auch immer es gewesen wäre.

Im Schlafzimmer meiner Großeltern  hätte das nicht passieren können, es ist groß genug für 38 Katzen und zwei Menschen, die  mehr Tage miteinander verbracht haben, als die Katzen zusammen Leben haben, aber das ist mittlerweile egal, auch, weil der Mann mir den Schlüssel für die Wohnung in die Hand drückte und nicht mehr wiederkam, bevor er selber jemals hier gewesen ist. Er hat dieses Zimmer niemals gesehen, er ist nie neben mir auf diesem Bett gesessen, das nach all den feuchten Wintern des letzten Jahrhunderts auf einmal riecht, er hat nie Feuer in dem Ofen gemacht, der dort am Fußende des Sofas steht, er hat sich nie gewundert, ob man zu zweit in den Kleiderschrank passen könnte, das tat nur ich und einmal erzählte ich ihn davon, da saß ich auch hier und hielt ein Glas Wein in der Hand, und manchmal hielt ich den Hörer in die Luft und sagte dann: Hörst du die Stille? Hörst du das? Und der Mann sagte: Ich höre deinen Atem. Und ich entschuldigte mich dafür, nur weil ich wollte, dass der Mann dann sagt: Du brauchst dich nicht entschuldigen, ich höre ihn doch viel lieber als eine jede Stille. Und das hat er dann auch wirklich gesagt, weil er hat nämlich oft genau das gemacht, was ich wollte, nur irgendwie und irgendwann war das nicht mehr genug. Ich saß jedenfalls damals auf dem Bett in diesem Schlafzimmer, vor dessen Fenster der wilde Wein wuchs und in dem vor Jahren auch meine Mutter schlief, am Fußende des Ehebettes, auf einem schmalen Bett, unter dessen Matratze Bücher versteckt waren und unter dem eine immer leere Mausefalle stand.  Und ich hielt dieses Glas Wein in der einen Hand und dieses Telefon in der anderen und ich war schon wieder einen Tag älter geworden in seiner Abwesenheit und ich sagte am Schluss: Mein Warten bist du. Und ich schämte mich nicht dafür, ich schämte mich keine Sekunde lang dafür.

Josef hieß ein Kind, das hier früher schlief. Ein anderes Grete. Ein drittes Walter, ein viertes Hans, ein fünftes Anita. Ein sechstes starb, noch bevor es einen Namen hatte. Es liegt begraben in einem Grab mit einem Fliederbusch, der lange nicht gegossen wurde. Seit drei Jahren schon nicht mehr, solange sind auch die Großeltern nun schon beide begraben, an einer anderen Stelle und mit einem Grabstein, der ihre Namen und ihre Gesichter trägt. Ihr Geburts- und ihr Sterbedatum. Und doch nichts aussagt darüber, was sie für einander waren.

Diese Großeltern, die es nicht mehr schafften, ein Ur ihrer Position innerhalb der Familie voranzustellen, diese Großeltern, die oftmals sagten, daran wäre unsere Rastlosigkeit schuld. Vielleicht hatten sie damit Recht.

Wien, Berlin, London, Belgrad und Madrid. Da haben wir überall kurz gewohnt, da sind wir trotzdem nirgends zuhause gewesen.

Home is where your heart is. Home is where you find me. Home is where the key fits. Home is where there is no doubt. Home is whereever I’m with you. Home is where it happens. Home is where it feels like home. Home is where I ask you if you want Pizza for dinner and you say you just wanted to ask me the same and I say that’s awesome but I don’t want any mushrooms on my slices and you say I don’t like mushrooms either and I look at you and I have done that so many times before but I have the feeling I never really saw you as much as in this very moment and you smile and I say yes though there was no question to answer and you say yes as well and the pizza tastes great afterwards.

Pizza. Ich habe solange keine Pizza mehr gegessen. Das ist wie mit der Zeitung. Es ist zuviel für einen alleine. Es macht einen klein. (Pause)

 Letzte Woche rief ich den Mann an und sagte, dass ich das Zeitungsabo abbestelle, weil ich es nicht mehr schaffe, weil es zuviel wäre für mich alleine. „Oder willst du es haben?“ hab ich gefragt. „Willst du?“ und der Mann hat dann gesagt: „Ich hab schon eines.“ und ich hab gesagt, ja aber, findest du nicht auch, es ist zuviel für einen alleine? Jeden Morgen diese ganzen Artikel und die ganzen unterschiedlichen Zeitungsteile, diese Politik, innen und außen, diese Wirtschaft, dieser Sport, diese Kultur, dieses Panorama und das Kreuzworträtsel und dann auch noch das Fernsehprogramm und-“ „es ist eine Frage der Einteilung und des Willens“ hat der Mann gesagt. „Das ist es immer“ Und dann war schon wieder etwas vorbei.

[…]

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