Gandalf

In Ludwigsburg gibt es einen Hund, der den Namen Gandalf trägt. Man spricht in diesem Fall das erste „a“ kurz und das zweite dafür umso länger aus. Der Hund ist ein Pudel, einer der Art Riese. Er ist grau und all das weiß ich, weil ich ihm oft begegne, seit ich hier wohne. Das erste Mal, da war noch Oktober und ich saß am Brunnen, mitten auf dem Marktplatz und der Gandalf saß mit seinem Frauchen neben mir. Damals, also gleich zu Beginn unserer Bekanntschaft wurde mir sein Name verraten. Seit dem laufe ich ihm öfters über den Weg. Einmal auf dem Weg zur Uni, einmal in der Wilhelmsgalerie, da saß er vor dem Supermarkt und beachtete nichts, einmal, da ging ich gerade zum Bahnhof und einmal, da kam ich von diesem gerade wieder zurück. Es war die erste Rückkehr in diese Stadt in diesem Jahr und sie verwirrte mich. Gandalf tänzelte mir entgegen, auf diese Art, wie nur diese Riesenpudel tänzeln können, wenn sie eigentlich gehen sollten. Ich sah ihn an, wie er mir auf der Myliusstraße entgegenkam, ich sah ihn an und wurde etwas ruhiger. Dieser Hund, mit seinen absurden Locken, seinem tänzelnden Gang, dieser Hund, dessen Namen ich nur weiß, weil ein Zufall es so wollte, er war über die Monate ein Symbol geworden, für ein Gefühl, das etwas mit Ankommen zu tun hat. Wenn auch nur im kleinen Sinn.

Ich wünschte manchmal, ich würde Gandalf noch öfters sehen, er wirkt so fremd in dieser Stadt, wie ich mich manchmal fühle, er wirkt aber gleichzeitig so leichtfüßig, dass das gar nicht schlimm ist, dass er hier zu wohnen scheint und nicht in Florenz oder irgendwo Downtown New York, irgendwo so nah am Central Park, dass er dort jeden Tag hin ausgeführt werden würde. Singapur könnte ich mir auch noch vorstellen, das allerdings nur, weil ich mir Singapur nicht vorstellen kann und das sind ja manchmal die einfachsten Vorstellungen, weil sie nicht falsch sein können, erstmals nicht, weil man sie gar nicht überprüfen muss und auch nicht will. Nicht jede Vorstellung hat das Ziel bewahrheitet zu werden. Ich habe das gelernt. Ich habe das auch manchmal verstanden.

Das gute an dem Leben im Schwabenland ist zum Beispiel an verkaterten Sonntagen Flammkuchen zum Frühstück essen zu können und auf morgendlichen Weg zur Akademie die Möglichkeit zu haben eine frische Butterbrezel beim Bäcker mitzunehmen. Die zu essen dauert genau so lange, wie es dauert, bis man die letzte Straße erreicht hat, die es gilt zu überqueren. Nachdem man das gemacht hat, sind es nur noch zwei Stockwerke und schon sitzt man einen weiteren Tag in diesem Raum und diskutiert über comfort zones und Nachtwelten, über des Helden Reisen und zwischendurch erzählt man über seine Kindheit. In diesen Moment macht das alles hier sehr viel Sinn. So wie auch damals (gesetzt dem Fall, dass etwas schon damals genannt werden darf, das erst einen Monat her ist) als man im selben Stockwerk, aber an einem anderen Ende saß, bis in die Nacht tat man das und mit anderen Menschen tat man das und mit müden Augen tat man das und als man zuwenig Distanz, also gar keine mehr, dazu hatte, an dem man arbeitete, das aber absurderweise trotzdem die ganze Zeit den Titel „Uns geht es gut“ trug, und irgendwann plötzlich ein Film war, da war man längst vom Glauben abgefallen.
Was passierte an diesem Tag, als man in diesem Kino präsentierte, als man frühmorgens seltsame Nachrichten bekam, von jemanden den man weit weg glaubte, sich aber nahe wünschte und der plötzlich neben einem stand. Was passierte an diesem Tag, als der Film tatsächlich über die Leinwand flackerte, und man die Hand von diesem jemand drückte, von dem man erst begriff, dass er da sei, da brachte man ihn schon wieder zum Bahnhof. Was passierte an diesem Tag, als man dachte, man müsse vier Tage durchschlafen, um auch nur irgendwie das Schlafdefizit der letzten Woche wieder gut machen, das alles fühlt sich immer noch sehr surreal an. Aber dann sitzt man zweieinhalb Wochen später in Wien, da nennt sich das Jahr schon anders und der Film ist immer noch da und die Menschen sind es auch wieder, die anderen, in dieser Stadt, die man immer noch so sehr vermisst. vor allen wegen ihnen.
Man sitzt in dieser anderen Stadt, man sitzt und lacht. Man ist ganz schön froh. Das ganze Jahr ist man das schon. Man war das auch davor, als man Elefanten in Venedig suchte, am Heilig Abend an einem See stand und Silvester in einem einsamen Stiegenhaus Walzer tanzte. Später goß man großartige Dinge aus Blei, tanzte nocheinmal Walzer und am nächsten Tag wachte man auf, es war einfach so Jänner geworden. Man lag da und sah sich an. Das reichte aus für ganz viel Freude. Das reichte alle Mal

Irgendwann später an diesem Tag, da dachte ich kurz an Gandalf, der wohl schon viel länger wach war als ich und vielleicht auch schon durch die leeren Straßen der Kleinstadt tänzelte, in der wir beide heute noch schlafen werden. Ich hoffte, dass er keine Angst vor Feuerwerken hat und ich wünschte, dass er da sein würde, wenn ich nur eine Woche später die selben Straßen wieder entlanggehen würde. Der Wunsch ging in Erfüllung, die Hoffnung blieb bestehen. Und auch das Wissen, dass alles ganz schön viel Sinn macht, was so passiert und was passierte. Man braucht manchmal ein wenig, um das zu verstehen.

Hiermit also: Eine Hoffnung, ein Wunsch und ein Wissen. Für 2013. Für euch und für mich. Oh ja.

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