All diese Momente

All diese Momente in denen du deine Schuhe noch einmal auf der Türmatte abgeputzt hast, obwohl sie gar nicht dreckig waren, nur um noch einen Augenblick mehr Zeit zu haben, bevor du durch diese Tür gehst, noch einmal kurz zu schlucken, die Hände an den Hosenbeinen abzuwischen, oder einfach nur das Geräusch der Sohlen auf der Matte zu hören, wie es ratscht, wie es altbekannt klingt, wie es sich nie geändert hat in all den Jahren.

All diese Momente, in denen du vorm Spiegel stehst und eine Grimasse ziehst, ein Lächeln übst, einen ersten Satz oder einen zweiten. In denen du die Augen groß machst und dann deine Zähne zeigst, in denen du „danke“ und „hallo“ und „genau“ sagst ohne dabei irgendjemanden zu meinen, aber dir der Möglichkeit bewusst bist, dass sich das später ändern könnte.

All diese Momente, in denen du auf deinem Fahrrad immer langsamer in die Pedale trittst, in denen du versuchst, so langsam wie nur möglich zu fahren, auf diese Ampel zu, von der du weißt, es sind vielleicht noch zehn Sekunden, bis sie grün wird, es sind vielleicht auch nur noch fünf. All diese Momente, in denen du mit dem Lenker schlängelst, kurz zurücktrittst und dann doch immer zu früh an der Haltelinie ankommst, den Fuß langsam zu Boden gleiten lässt und weißt, sobald er diesen berührt, wird es grün werden, genau in diesem Moment, als würde das Umschalten der Ampel durch die Berührung des Asphalts durch deinen linken Fuß an genau dieser Stelle ausgelöst.

All diese Momente, in denen du die Augen zusammenkneifst, mitten im Supermarkt, dir vielleicht sogar kurz mit der Hand gegen die Stirn klatschst, weil dir gerade wieder eingefallen ist, was gestern passierte. Das falsche Wort das du gesagt hast, die Reaktion, die eine falsche war, die Möglichkeit, in der du deine Verletzlichkeit zeigen konntest und davon Gebrauch machtest. Du stehst im Supermarkt, vielleicht gerade in der Gemüseabteilung, vielleicht schon beim Käse und verziehst dein Gesicht und auch dieses Bewusstwerden einer in diesem Moment unertragbaren Peinlichkeit ist schon wieder eine Peinlichkeit, weil dich immer jemand sieht, wenn du das machst, oder weil es sich zumindest so anfühlt. Die peinliche Berührtheit wird in diesen Momenten auf eine andere Ebene transferiert. Auf der sie sich dann zumindest leichter auflöst, in einem anderen Moment, da  schaust du gerade nicht hin.

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( Zur Metaebene sagte ich einmal Fetaebene, in einem Gespräch über einen Mann der sich eine Wurstsemmel mit 20 Deka Extrawurst bestellte und dann „Quanto costa“ fragte und dabei sehr glücklich aussah. Es ging in dem Gespräch zwar hauptsächlich um Wurst, aber auch um Tiefkühlpizza und einen der ersten warmen Tage und all die Kinder, die über den Winter zu laufenden Wesen herangewachsen waren, es ging auch um Feta, auf der Fetaebene betrachtet, ging es darum und gleich kommt Flo, wir essen dann solchen, es ist Samstag und das Frühstück gehört zelebriert. Sowie all diese Momente in denen wir an diesem Tisch sitzen und sich mein Zeithorizont wieder auf mehr als zwei Wochen ausdehnt und dann wieder zusammenschrumpuft und ich traurig sein werde, aber auch glücklich, und aufgeregt, vielleicht ein wenig zappelig und Flo dann einen Witz macht (das kann er gut) und irgendwie in diesen Momenten dann doch alles ok, ok bis super, super bis urgut, aber vor allem richtig ist. )

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