Istanbul (und das danach)

In den letzten Stunden in einer Stadt kommt dann die Unsicherheit wieder, die man in den Tagen davor abgelegt hat. Man ist sich plötzlich der Möglichkeit über die kaputten Treppen zu stolpern wieder bewusst, man sieht die schnell fahrenden Taxis wieder als lebensbedrohliche Gefahr an und vor allem blickt man wieder dreimal in den Stadtplan bevor man dann um eine Ecke biegt, hinter der man das gleiche nochmals macht. Man ist wieder Gast und man weiß es wieder, man macht sich bereit für eine Reise, die anders als jene einige Tage zuvor ein Ziel hat, an dem einem niemand etwas erklären muss und man sich genauso wenig jemand anderen. Man fragt sich vielleicht, ob das etwas gutes ist oder etwas schlechtes, man weiß dabei aber auch: Hierbei geht es tatsächlich nur um das Fragen, die Antwort ist irrelevant.

Ich habe zu viel Lira abgehoben und finde mich in drei verschiedenen Geschäften wieder auf dem Weg zu meinen gepackten Sachen. Ich stehe in Läden und starre auf Apfelteeinstantpulver, Sandalen in ultramarinblau und eine Tasche mit einem Turm darauf. Ich kaufe nichts, es gibt nichts, dass ich mitnehmen möchte, ich sehe das ein und wundere mich, während ich weiter einen Fuß vor den anderen setze, die Sandalen klappern dabei plötzlich unglaublich laut.

Aber so ganz stimmt das ja auch nicht. Es gibt da diesen Ausblick, den hätte ich auch gerne von meinem Bett in Wien aus, es gibt da diese Straßenkatze, bei deren Anblick ich an Mr. Spock denken mus und es gab da diese zwei Momente, in denen ich mir einer Möglichkeit bewusst  und dieses Bewusstsein ausreichend für etwas Glück war. All das hätte ich dann doch gerne in meine Tasche gepackt, die laut Check-In-Waage nur halb so schwer ist, wie sie sein könnte, anders als der mit Gaffer-Tape umklebte Koffer der Japanerin neben mir. „Five kilo too much“ sagt die Flughafenangestellte und die Japanerin lacht. In diesem Moment ist egal weshalb.

Im Hafen von Istanbul wohnen über 180 Quallen. Das haben G. und ich gezählt, nachdem wir den Ausstieg verpasst hatten und noch einmal auf dieser Fähre über den Bosporus schlänkerten. Die Quallen sind allesamt weiß und sehen aus wie mißglückte Papierweihnachtssterne die schon zu lange im Wasser schwimmen. Manchmal sehen sie auch aus wie etwas durch das man hindurchgreifen könnte und manchmal wie etwas, das man sich nur einbildet. Die Quallen treiben auf und ab und manchmal weg. Sie tun dies auch noch, da hat das Schiff längst angelegt, G. und ich uns verabschiedet und ich den Koffer gepackt und laut ratternd über die Istiklal bis zu diesem Bus gezogen, vor dessen Fenster Istanbul ein letztes Mal vor mir vorbeirauscht und die Frau neben mir sich ihre Wimpern dreimal tuscht.

Wahrscheinlich treiben die Quallen auch jetzt noch, über ein Monat später in alle Richtungen und durch alle Zeiten. Ein wenig habe ich versucht es ihnen gleichzutun, aber ich bin noch immer gut im Scheitern, denke ich dann oft und lege morgen ein weiteres Buch auf die Postkästen, mit dem Vermerk, es suche einen neuen Besitzer. Wenn ich abends nach einem barfuß-Tag im Büro und dem immer gleich langen Weg nachhause wieder das Stiegenhaus betrete, ist es immer schon weg. An der Gegensprechanlage klebt ein Zettel auf dem steht, dass morgen wieder alles funktioniert, er ist unterschrieben mit „ihr Hauselektriker“ und ich überlege kurz einen Zettel dazu zu kleben auf dem „wirklich alles?“ steht, aber denke dann an die Enttäuschung, die ich verspüren würde, würde er nicht antworten.

Später weiß ich wieder, dass das falsch war, dieses Vorausgreifen der Gefühle, dieses etwas nicht zu machen, weil das was daraus resultieren sich nicht richtig anfühlen könnte. Das ist ein wenig wie nicht Eislaufen zu gehen, weil man danach erkältet sein könnte oder ein Buch anzufangen, das auf einer jeden zweiten Seite einen Satz hat den man anstreichen möchte und es dann nicht fertigzulesen, weil man Angst hat, es könnte aufhören so gut zu sein. Das ist wie einen Film seit fast zehn Jahren nicht anzuschauen, weil man befürchtet, man müsste das ‚Lieblings‘ davor dann weglassen, würde man wieder von ihm erzählen. All diese Dinge sind dieses Jahr bereits passiert und ich weiß nicht wieso. Das Buch, das es heißt irgendwann einmal fertig zu lesen trägt als Titel den Namen eines amerikanischen Bundesstaates den ich nie besuchte und der rückwärts fast genauso klingt wie vorwärts. Es erzählt von Erinnerungen, rund, kompakt und schimmernd, es erzählt von einer ersten Begegnung in einem Bahnhof und einer Karte, auf der nichts steht außer „Gern hätte ich unsere erste Begegnung noch vor mir und auch die ersten Worte, die wir miteinander sprachen.“

Ich habe viel über erste Begegnungen gesprochen in den letzten Wochen und ich erinnerte mich plötzlich an eine die mir einmal viel bedeutete. Damals war Sommer 2002 und die Matura knapp vorbei. Ich stand in einer Gasse meiner Schulstadt und ein Mann rannte an mir vorbei, er rannte dann wieder zurück, blieb vor mir stehen und überreichte mir ein Büschel ausgerissene Pelargonien. „Ich werde mich für immer schämen, aber ich hatte das Bedürfnis das zu tun“ sagte er und ich gab ihm meine Telefonnummer. Wir trafen uns wenige Tage später in einem Park und küssten uns im strömenden Regen. Er spielte Klavier für mich und hatte eine gescheiterte Skateboardkarriere hinter sich. Wir sahen uns nicht wieder danach, bald kam der Herbst und da war das auch schon fast egal. Jahre später erblickte ich ihn bei einer Demonstration, er hielt ein Plakat einer kommunistischen Vereinigung in die Höhe und es war mir nicht unangenehm ihn dabei zu beobachten, weil ich wusste, er würde mich nicht mehr erkennen. Er küsste später ein Mädchen an einer Straßenecke, da gingen die Menschen schon lange wieder in verschiedene Richtungen und ich fuhr auf meinem Fahrrad vorbei, ich fuhr einen Heimweg, den es lange nicht mehr gibt, zu einem Zuhause, das längst nicht mehr das meine ist und zu einer Person, die dort lange nicht mehr wartet.

Die Wege nach Hause sind immer etwas von dem ich mich am schwersten trenne. Sie sind die Orte zwischen den Geschehen, man ist nicht mehr weg, aber noch nicht wieder da. Etwas ist geschehen, aber noch nicht vorbei. Man kann theoretisch noch umdrehen, aber macht es nicht. Heimwege sind die Zeitspannen die nur einem alleine gehören, sind die Orte, die kein anderer jemals so wahrnehmen kann wie man selbst.
In einer meiner ersten Nächte in dieser Stadt, als ich noch jenseits des Kanals wohnte, stand ich eines Abends auf dieser Brücke und nahm mit einem schlechten Aufnahmegerät die Geräusche auf, die die Autos durch das Fahren über die querenden Straßenbahnschienen verursachten. Man hatte mich gefragt, was es wäre, das in mir das Gefühl des Nachhausekommens auslöse in dieser Stadt und es war dieses Geräusch, das mir als erstes einfiel. Über ein Jahr war es das noch, dann war es plötzlich eine Person, mit der ich manchmal an der Ampel wartete und dem Rattern zuhörte und die dann meine Hand drückte im richtigen Moment.

Mittlerweile haben sich diese Nachhausewege unzählige Male geändert, aber ich erkenne sie alle noch wieder. Ich weiß noch, wie lange es von dieser einen Ampel bis zu dieser einen Wohnung dauert. Ich weiß noch, wo man am besten umsteigt und wo am schlechtesten, möchte man von diesem einen Gebäude zu diesem anderen. Ich erinnere mich genau, an welcher Ecke ich vom zweiten auf den ersten Gang schaltete und wo die Gehsteigkanten abgeflacht sind.
Ich kann berichten: Es gibt ein Haus, das trägt die Nummer 21 und in diesem Haus gibt 48 Stufen, die man gehen muss, bis man vor einer Tür steht, die einmal weiß war und es vielleicht noch ist. Es gibt ein anderes Haus, es trägt die Nummer 8 und es steht an einer Ecke, es hat keine Gegensprechanlage und die Tür ist meistens offen, die Fliesen im ersten Stock sind locker, man muss einen großen Schritt vom letzten Stiegenabsatz machen, will man die Nachbarn nicht wecken des Nachts. Und es gibt ein Haus, es trägt die Nummer 6 und in ihm wohnte einmal Brahms, es wurde errichtet von einem Architekten, der später Selbstmord beging und seinem Lebenspartner, der kurz darauf an gebrochenem Herzen starb. So lässt sich das zumindest gut erzählen, an Tagen in einem Sommer, der einen morgens zu früh aufwachen lässt und manchmal auf einen vergisst. Ein Sommer in dem das Haus, das man am öftesten betritt eine 12 trägt und man sich manchmal wünscht, man hätte mit dem Rauchen angefangen, während der Nachbar am Fenster sitzt und „Hello Sweetheart“ in den Computer sagt. Ein Sommer an dessen Ende die Heimwege plötzlich in die andere Richtung gegangen werden müssen und man wieder öfters in der S-Bahn zum Flughafen sitzen wird.

Im Rücken dann diese Stadt, nicht mehr Zuhause, aber ein Immernochda, im Rücken dann diese Menschen, nicht mehr Immerda, aber immer ein Zuhause.

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