Jamais vu

Als ich heute bei dem Bäcker ums Eck vorbeiging, erinnerte ich mich an dich. Das kommt manchmal vor und ich kann nie genau benennen warum dem so ist. Ich hielt kurz inne, ich drehte um und kaufte drei Semmeln, die nicht mehr warm waren. Die Verkäuferin schnalzte mit der Zunge, als sie mir das Wechselgeld zurückgab, ich sagte: Danke. Ich sagte: Auf Wiedersehen. Auf der Straße schien immer noch die Sonne.

Kennst du dieses Gefühl, wenn du dich plötzlich, für wenige Augenblicke in deiner gewohnten Umgebung ganz seltsam fremd fühlst? Du steigst die Treppen zur Ubahn hinunter und es ist dir, als würdest du das zum ersten Mal tun, du drehst den Schlüssel zweimal um und noch nie fiel dir auf, dass es kurz knackt, ziehst du ihn wieder aus dem Schloss. Dieses Gefühl beschlich mich, als ich mit den drei Semmeln in der Tasche langsam meinen Weg nachhause fortsetzte. Immer noch dachte ich an dich, daran, was du wohl gerade machst, ich fragte mich, ob du auch an mich denkst. Ich wusste immer noch nicht, was genau damals das Problem zwischen uns gewesen war.

Zuhause warteten Ines und Gregor auf mich. Ines trug dunkelroten Lippenstift, sie sagte: Los, los. Jetzt beeil dich, zieh dich um. Und Gregor saß auf meinem Bett und lachte. Ihr habt doch schon getrunken, meinte ich und reichte einem jeden eine Semmel. Gregor lachte noch mehr, er ließ sich zurückfallen und Ines antwortete: Das Warten wurde uns zu lange. Sie stand vor meinem Spiegel und formte einen Kussmund. Es war außer Frage, dass sie diesen heute auch verwenden würde.

Ich zog ein grünes Kleid an, das ich einmal gekauft hatte, da war noch Winter. Ines sagte: c’est magnifique. Gregor lachte immer noch. Ines hielt uns ihre Armbeugen hin und wir hakten uns unter, hakten uns an einer jeden Tür wieder aus, standen irgendwann auf der Straße, saßen irgendwann in einem Taxi, waren irgendwann da. Alles wird gut, sagte Ines leise und ich wusste nicht, zu wem. Gregor strich sein Sakko glatt, er räusperte sich. Wollen wir? fragte er. Wir wollen, sagte ich. Und dann öffnete er die Tür und wir begannen alle drei im selben Moment zu lächeln.

An den Wänden hingen gigantisch große Bilder, die Kellner trugen Anzüge, die auch Gregor gut gepasst hätten. Wir nippten am Champagner, Ines Absätze klapperten auf dem Marmorboden. Hat sie ihn geliebt? fragte mich Gregor später und ich wusste die Antwort nicht, aber wollte das nicht zugeben und konterte deswegen mit einem: Ist das denn wichtig? Da war Ines lange schon weg, gemeinsam mit einem Mann der eine Brille mit runden Gläsern trug und dem sie ihr Kinn auf die Schulter gelegt hatte, während er auf eines der großen Bilder zeigte und dabei einen Satz sagte, der viel zu lange dauerte. Monate später würde sie über ihn als der Geisterjäger sprechen und über sich als seine Gespensterbraut. Gregor würde währenddessen an einer Zigarette ziehen und sagen, dass der Vergleich hinkt, hinken würde, immer schon gehinkt hätte und Ines Antwort darauf, ein einfaches „ach was“ würde noch Minuten in der Luft hängen, nach dem es ausgesprochen war. Davon wussten wir jedoch noch nichts, da in diesem Moment, als Ines Kinn auf dieser Schulter lag, ihre Lippen nahe an einem Ohr, als Gregor vielleicht bereits über die Frage nachdachte, die er mir später stellte und ich in eine Ecke sah, in der ein Schirm lehnte, ich weiß auch nicht wieso.

Es war fast Mitternacht, als Gregor und ich beschlossen zu gehen. Außer uns waren noch fünf Gäste anwesend, doch wir verabschiedeten uns von keinem. Gregor winkte ein Taxi herbei, ich sagte, er müsse zahlen und setzte mich dann dennoch auf den Beifahrersitz, hörte während der gesamten Fahrt ein Summen von der Rückbank und drehte mich nicht um. Wir stiegen aus, Gregor ließ einen 10€-Schein zurück, der Fahrer bedankte sich nicht. Gregor strich ein weiteres Mal sein Sakko glatt, hielt mir seine Armbeuge hin, ich hakte mich ein weiteres Mal unter und zu zweit passten wir sogar durch das Haustor. Wie wunderbar, sagte Gregor da und ich nickte kurz, lachte dann. Drückte im nächsten Moment auf den Knopf und die Lifttür öffnete sich so langsam wie noch nie zuvor.

Wir tranken noch ein Glas Wasser, wir putzen unsere Zähne vollständig angezogen, wir räusperten uns im selben Moment. Gregor ging auf Zehenspitzen zum Wohnzimmer und legte sich dort auf die Couch, als wäre es die seine. Er streckte seine Beine in die Luft, sein linker Arm baumelte fast bis zum Boden, er lachte kurz. Ich überlegte, ob es möglich wäre meine Strümpfe auszuziehen, ohne dabei meine Hände zu benutzen, aber versuchte es dann doch nicht. Draussen schien der Mond, etwas flog am Fenster vorbei, vielleicht auch umgekehrt. Ines würde sich bis zum nächsten Nachmittag nicht melden.

Was wäre wenn, sagte Gregor dann noch und ich stand an den Türrahmen gelehnt und wusste plötzlich wieder, dass du schon lange nicht mehr da warst.

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