Und du ein Teich

Es gab da diesen einen Mittwoch, da hat es seit langem mal wieder geregnet und im Postkasten lag eine Karte von dir. Schon bevor ich sie gelesen hatte, wusste ich, dass du sie geschrieben hast. Kleine, gedrängte Buchstaben reihten sich aneinander, als hätten sie Angst von diesem Stück Papier zu fallen, von dem du schriebst, es wäre mit dir an einem Teich, wo du saßest und an mich dachtest.

Bis heute glaube ich, dass ein jedes Wort auf dieser Karte gelogen ist. Das fängt damit an, dass man keine Karten an  Teichen sitzend schreibt. Man macht das am Meer, an Seen, an Flüssen, von mir aus auf einem Berg oder in einem Café, gerne auch noch schnell an Flughäfen oder in einem Park, man macht das nicht an Teichen. Das kommt unter anderem daher, dass man sowieso wenig an Teichen macht. Weder legt man an ihre Ufer Handtücher, noch trifft man sich dort auf ein Gläschen Wein, Tretboote haben keinen Platz und die Aussicht ist auch nicht besonders. Ich denke auch, man sollte keine Karten von Orten schreiben, die es nicht einmal verdienen einen speziellen Namen zu haben oder hast du schon jemals vom Genfer Teich, vom Teich Blanc, vom Kaspischen Teich oder auch vom Trafalgar Teich gehört?

Ein Teich ist ein Nicht-Ort. Er existiert in dem er nicht existiert. Man kann ihn betrachten, aber nichts mit ihm machen. Keine großen Ideen werden an Teichen geboren. Man wundert sich nicht über Teiche, denn nicht mal dafür reichen sie aus. Zu dem Zeitpunkt als mich die Karte erreichte, warst du also praktisch bereits ein solcher Teich für mich.

Es gab da auch schon früher mal einen Mittwoch, damals regnete es auch, aber auf eine andere Weise. Es war ein lauter Regen, der auch nachts nicht aufhörte und im Postkasten lag keine Karte von dir, aber das war auch nicht notwendig, weil du ja neben mir lagst. In meiner Erinnerung hast du das tagelang ohne Unterbrechung gemacht. Du hattest damals einen Atem, der gleichmäßig war und gut zu meinem passte. Vielleicht hast du den sogar immer noch, aber dann würde ich mich fragen: Wozu? Unsere Atem gehören schon lange wieder nur noch uns, vielleicht manchmal kurz jemand anderen, aber nie wieder einander. Ich habe manchmal überlegt, ob mich das traurig macht, aber ich kam zu keinem Schluss. Und Schlüsse, das habe ich mittlerweile begriffen, sind etwas das wichtig ist im Leben.

Es gab da also diesen Freitag, an dem du an einem Teich gesessen bist und mir geschrieben hast, dass du gerade an mich denkst. Das an mich denken war etwas, das du davor lange nicht gemacht hast und das war auch in Ordnung so. Bestimmt geht es dir gut, hast du geschrieben, das freut mich sehr. Du warst der Annahme, dass in dem Teich mindestens drei Goldfische leben würden und ich diese mögen würde, wäre ich dort bei dir. Das war auch schon alles, was du schriebst.

Ich legte meinen Kopf schief und wunderte mich ein wenig, ob es tatsächlich so sein kann, dass du glaubst, dass ich Goldfische mag, die es eventuell gar nicht gibt. Und ich fragte mich, was meine Antwort darauf sein könnte, aber bemerkte im selben Augenblick, dass es ja gar keine Fragen gab, die eine solche benötigen würden. Rückblickend gesehen, glaube ich, dass das auch das Problem war, das dich irgendwann weniger beständig machte als den Regen und mich in Zimmerecken trieb von denen aus ich mit dem Finger auf dich zeigte. Das Problem, das uns Tag für Tag ein wenig mehr die Fragen ausgingen, aber dafür die Antworten immer mehr wurden und sich stapelten bis vor die Tür, vor der du irgendwann standest und etwas sagtest, dass ich sofort wieder vergaß.

Damals hat es übrigens nicht geregnet und der Briefkasten war später leer, wie schon die Tage zuvor und auch jene danach.

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