and you

Advertisements

Tim (2)

Nachdem Tim und ich die Stufen des Turms wieder hinabgestiegen sind, schlendern wir über die Singerstraße zum Franziskanerplatz, wo wir erstmals vor dem Brunnen auf den Pflastersteinen sitzen, weil wie so oft kein Platz mehr an einem der Tische des Kleinen Cafés frei ist. Tim trägt eine Armbanduhr mit einem alten Lederband, er trägt sie an seinem rechten Handgelenk, das irritiert mich. Immer wieder starre ich auf seinen Unterarm und versuche mich zu erinnern, wie es war, wie es sich anfühlte, Tims große Hände auf meinem Körper. Ich weiß noch, er mochte es nicht, wenn ich sie in der Öffentlichkeit halten wollte, ich weiß noch, dass ich ihm einmal sagte, dass ich seinen Daumennagel für den schönsten der Welt halte, aber die Erinnerung an das Begehren Tims Händen und Berührungen gegenüber, es erscheint mir wie eine Sache, an die ich mich nur noch deswegen erinnere, weil mir jemand einmal davon erzählte. Tim bemerkt, dass ich auf seine Hände starre, er fragt natürlich warum ich das mache und ich sage, dass mich das Uhrband irritiert. Tim lacht dann, er schüttelt seinen Arm und legt ihn um meine Schultern. Tim blickt mich an und sagt (und ich weiß nicht, was er damit meint): Manches ändert sich tatsächlich nie.

Eines Nachts wachte ich in Tims Bett auf und wusste für einen kurzen Moment nicht mehr wo ich bin. Ich drehte mich zur Seite und erschrak, als ich einen Menschen neben mir liegen sah, Tim murmelte etwas im Schlaf, er schlief wie immer mit dem Rücken zu mir, an den ich später meine Stirn legte und versuchte wieder einzuschlafen. Ich dachte dabei, wie es wäre, wenn Tim und ich einfach beschließen würden hier zu bleiben, wie unsere gemeinsame Wohnung aussehen könnte und wie unsere Kinder heißen würden. Ich wusste keine Antworten. Am nächsten Morgen erwachte ich mit schlechter Laune, Tim hob mich hoch, als ich die Küche betrat und ich begann zu weinen und konnte ihm das nicht erklären. Tim hat damals ein Omelette für mich gekocht und unter dem Tisch seine Füße auf die meinen gestellt, er hat selber nichts gegessen, sondern mir beharrlich beim Kauen zugeschaut. Ich sah ihn nicht an, ich hatte meinen Kopf auf meine linke Hand gestützt und immer wenn ich dachte, ich wüsste endlich was ich zu sagen habe, da hatte ich es im nächsten Moment schon wieder vergessen. Tim stellte sich irgendwann hinter mich, er strich mir das Haar aus dem Nacken und legte seine Hand dorthin. Den ganzen Tag sprachen wir fast kein Wort, aber in der Nacht kam der tiefe Schlaf zurück und bereits am nächsten Tag war wieder alles so seltsam gut wie sonst auch.

Natürlich fragt Tim, was ich denn so getrieben hätte, in den letzten Monaten, in den letzten Jahren, aber ich weiß darauf keine Antwort. Ich denke, alles was ich ihm erzählen würde, würde das Bild das er von mir hat verändern und ich denke auch, dass ich das nicht will. Deswegen zucke ich wieder mit den Schultern und lächle Tim an, ich sage: Ach eigentlich nicht viel. Oder nicht viel spannendes. Es geht so dahin. Manchmal weiß ich gar nicht, wie es sein kann, dass bald schon wieder Herbst ist und warum ich noch immer hier bin. Tim nickt, sein Arm liegt immer noch auf meinen Schultern. ‚Du wunderst dich also noch immer über das Wetter‘, sagt er. Und ich nicke auch während er sagt. ‚Ich kenne wenige, die das auf eine so schöne Weise machen wie du‘.

Später essen wir einen Tafelspitz bei Plachutta. Tim wollte das volle Wienprogramm, ich habe mich nicht dagegen gewehrt. Überall um uns rum sitzen Touristen und ich stelle fest, dass ich Tafelspitz eigentlich gar nicht mag. Tim sagt oft Köstlich! oder Hervorragend! ständig fragt er den Kellner nach einem neuen Glas Leitungswasser, um dann nach dem ersten Schluck auf das Glas zu schauen und kurz den Kopf zu schütteln, als hätte er gerade das achte Weltwunder in seinen Händen. Ich erzähle ihm, dass ich das letzte Mal hier mit meiner Großmutter gewesen wäre, zwei Monate bevor sie starb. Ich erzähle ihm, dass sie ein Schnitzel mit Kartoffelsalat gegessen und ihre alte Perlenkette getragen hätte. Wie immer hinterließ sie zu wenig Trinkgeld und ich schämte mich dafür und war eigentlich auch froh, als ich wieder nachhause gehen konnte, während sie mit einem Taxi in den Norden der Stadt fuhr, wo sie seit dem Tod meines Großvaters alleine in einer lächerlich großen Wohnung lebte, in der es nach Lavendel roch, bei Tag und bei Nacht.

Tim ist im Gegenteil zu meiner Großmutter nicht knausrig mit dem Trinkgeld und beim Verlassen des Lokals hält er mir die Tür auf und wir steuern mit einer unausgesprochenen Selbstverständlichkeit auf den Stadtpark zu. Ich könnte wetten, dass Tim die Enten dort auch großartig findet und das wenige Wasser im Wienfluss, der ja gar kein Fluss ist und deswegen bestimmt auch schon wieder toll. Aber Tim sagt wenig, während wir vorbei an Zeitungslesern, Verliebten, Alkoholikern und Müttern mit Kleinkindern schlendern. Irgendwann setzen wir uns selber auf eine Bank und ich überlege, in welche Kategorie man uns stecken würde, würde man uns nur aus dem Augenwinkel sehen.