Mein vermärztes Herz

Das ist ein seltsamer Monat, dieser März, der damit begann, dass meine Großmutter aufhörte zu leben. Am Abend zuvor noch, saß ich an ihrer Seite und hielt ihre Hand und wurde innerhalb neunzig Minuten so alt, wie ich mich noch nie zuvor fühlte, während ich Dinge erledigte, für die ich mich gleichzeitig wohl immer zu jung fühlen werde. Ich sprach mit Ärzten, ich sprach mit Pflegern, ich beantwortete die Frage: In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? mit fester Stimme, ich ließ mir Fachbegriffe erklären, ich strich eine Bettdecke glatt und küsste eine Stirn, von der ich unentwegt Angst hatte, sie könnte unter meinen Lippen erkalten. Im Bett neben meiner Großmutter lag Hilda, dick und alt, die zu Jahresbeginn angefangen hatte, eine Jacke zu stricken, aber diese nun wieder aufgetrennt und das Garn an ihre Tochter verschenkt hatte. Hilda seufzte, Hilda lachte, Hilda sagte: Ich werde sie nicht mehr tragen. Ich nickte und biss mir zum wiederholten Male auf die Lippen. Im Nachhinein betrachtet, glaube ich, dass Hilda und ich in diesem Moment die untröstlichsten Menschen in der gesamten Stadt waren.

Das alles ist jetzt noch nicht mal drei Wochen her und trotzdem fühlt es sich an, als würden Lichtjahre dazwischen liegen. In der Zwischenzeit ist der Frühling in Wien angekommen und man kann wieder im Park auf bunten Decken liegen und in den Himmel starren oder auf Parkbänken sitzen und auch in den Himmel starren. Um einen rum küssen sich wieder die Menschen oder würden es gerne, eine neue Generation Kleinkinder die endlich alt genug ist Fahrrad fahren zu lernen, ist über den Winter herangewachsen und im Eisgeschäft gibt es mindestens eine neue Sorte, die man dann aber eh nicht isst, weil man, wenn es um Eis geht nicht mutig genug ist, für etwas neues und man schlussendlich doch immer nur Schokolade, Heidelbeer, Tiramisu bestellt.
Dabei wäre das Gebiet des Eisessens ein Hervorragendes um sich ein wenig von dem Mut anzutrainieren, von dem man in der Nacht zwischen den Jahren sagte, man wird versuchen ihn in diesem Jahr ein wenig öfters an die Hand zu nehmen. Was damals ziemlich gut klang, weil es ein wenig Aufregung, ein wenig Sommer und vor allem viel Neues versprach. Aber mit den Worten, die man zwischen den Jahren benutzt, ist es ja so, dass sie in die Kategorie Unbedachtes fallen und man das eigentlich schon weiß, während man sie sagt und es aber vielleicht genau deswegen tut.

Ich jedenfalls bin auch heute, an diesem Tag an dem dieses seltsame Jahr nun schon 79 Tage alt ist und dieser ebenso seltsame Monat ganze 19, immer noch nicht fähig, den Konjunktiv ein wenig seltener zu benutzen und Punkte hinter Sätze zu setzen, an deren Enden völlig fälschlicherweise Fragezeichen stehen, sobald sie meinen Mund verlassen. Hinzu gesellt sich die Einsicht, dass es keinen Unterschied macht, ob ich Vorsätze zu Jahresanfang treffe, oder an beliebigen Tagen danach, ich vergesse sie einfach sowieso. Das musste ich vorgestern wieder feststellen, auf eben einer solchen Parkbank, in eben dieser Frühlingssonne, die einen immer beflügelt großartiges vollbringen zu wollen und bei deren Untergehen man dann es meist doch nur bis zur nächsten Grünfläche, die groß genug ist für eine Decke und ein Dutzend Leute, das es gilt zu beobachten, geschafft hat. Ich stellte das fest in dem Moment, in dem ich mein Notizbuch öffnete, in das ich am 24. 2. den einzigen Satz den ich bis jetzt mit meiner damals teuer gekauften Füllfeder geschrieben habe, kritzelte. Der Satz heißt: „Ab heute werde ich wieder Briefe schreiben“ und ich muss jetzt wohl nicht erwähnen, dass ich seit damals keinen einzigen selbst geschriebenen Brief zur Post gebracht habe und dass ich versuche, mich vor mir selbst durch die Betonung des Wortes „ab“ zu entschuldigen, lese ich diesen Satz. Mittlerweile habe ich links und rechts davon eine Klammer gesetzt und halte mich dabei selbst für schrecklich lächerlich.

Egal. Ich wollte ja eigentlich über den März schreiben, der so komisch ist, so tragisch komisch und so anders komisch und der schon so lange dauert, länger als das ganze restliche Jahr zusammen. Im Endeffekt aber ist das halt auch schon das einzige was ich gerade über den März berichten kann, für den ich noch ein Wort finden muss oder ein anderes oder vielleicht auch mal keines und mir stattdessen eingestehen sollte, dass es nicht immer wichtig ist, alles zu benennen.
Das denke ich mir in diesem März, an diesem Tag, der vor einem Jahr ein Samstag war, an dem ich auch im Gras lag, unter einem Baum tat ich das, in dessen Zweige ein Fußball hing und zehn Meter weiter eine Gruppe von Menschen einen Geburtstag feierte, ohne zu verraten wem er gehörte.
Man könnte fast versucht sein zu glaube, hier zeichne sich erneut ein Vorsatz ab, den es heißt zu brechen. Ich muss darüber aber erst nachdenken und bis ich dazu Zeit habe, sollte schon April sein. In einer beinahe kindlichen Naivität glaube ich, das würde helfen.

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