Wir wünschten nur, es hätte Zeit

Sie hat sich immer gedacht, dass da noch Zeit ist, ihm davon zu erzählen. Das nächste Mal, überlegte sie sich, das nächste Mal ist das bestimmt besser. Da läuft ein besseres Lied oder die Luft zwischen ihnen ist ruhiger oder ihre Müdigkeit fühlt sich anders an. Sie dachte auch, sie lässt sich noch Zeit damit, nicht hinter der Tür, sondern in ihr auf ihn zu warten während sie seine Schritte bereits hörte, da war er gerade mal in den Innenhof rein. Das ist gar nicht so einfach nämlich, diese Überlegung, jedes Mal aufs Neue, wo man sich begrüßt. Locker lässig aus dem Wohnzimmer kommend, ungeduldig wartend, halb von der Tür verdeckt, oder eben endlich ehrlich im Stiegenhaus bereits, weil eigentlich hat man gerade wirklich nichts anderes zu tun, als diesen jemand zu begrüßen, der auf dieses Klingelschild ohne Namen gedrückt hat und damit etwas mit ihrem Puls gemacht hat, sie weiß auch nicht wie.

Dann hat sie sich auch noch gedacht, sie lässt sich noch ein wenig Zeit für die ein oder andere Geste, für den ein oder anderen Kuss, unvermittelt auf die Schulter vielleicht, oder auf den Handrücken. Ihree Hand auf seinem Bauch beim Schlafen, das muss jetzt noch nicht sein. Ihre Stirn an seinen Rücken, auch das vielleicht in ein paar Wochen.

Und jetzt aber das Malheur dazustehen mit all den Gesten und den Worten und den Überlegungen, die einen auf sich selbst zurückwerfen und die man plötzlich gar nicht mehr teilen will oder halt nicht so, wenn dann vielleicht ein wenig anders. Sie ist sich nicht sicher. Jetzt also die Möglichkeit, dass er gar nicht mehr vorbeikommt oder doch, aber sie ihn nicht mehr küssen will und die Luft zwischen ihnen gar nichts macht. Und jetzt also das Bedürfnis, ihm das alles noch schnell mitzuteilen, so im Fast Forward, bevor auch noch die Luft aus dem letzten Gefühl raus ist. Ihm noch schnell entgegen zu schleudern, was da nicht alles tolles ist, was sie so kann (nämlich nicht nur Wörterrückwärtssprechen, sondern auch Origamiblumen), was sie nicht alles gutes noch machen könnte (wieder damit anfangen freihändig Fahrrad fahren zu üben, um im Sommer auf dem Nachhauseweg seine Hand zu halten und in der anderen Eis, eine Postkarte schreiben oder an jedem Montag mit immer einem Wort darauf, das nur ihnen gehört), alle Sätze von denen sie sicher ist, sie würden etwas in ihm auslösen, und all die Lieder, zu denen sie sich richtig bewegt (Kings of Convenience – I rather dance with you, Rick Astley – Never let you down, Plastic Bertrand – Ca plane pour moi, Tanze Samba mit mir – Tony Holiday).

Sie fängt an gedanklich Listen zu machen, Gespräche durchzudenken, die es jetzt nicht mehr heißt zu führen, meist ist der Schlaf nicht weit weg, entweder er kommt zum Fenster herein oder geht gerade wieder weg. Sie stellt sich vor, vor ihm zu stehen und Dinge zu sagen, das ganze ungefähr so:

Gespräch 1: „Wir sollten verreisen, bald, nur für ein paar Tage. In ein kleines ungarisches Dorf, wo sonst niemand hinfährt. Wir essen dort Knödel und sitzen abends am Fensterbrett und erzählen uns von allem das nicht hier ist.“

oder auch so:

Gespräch 2: „Ich habe gestern an dich gedacht. An den Moment, an der Straßenkreuzung damals, da war es noch wärmer. Da hast du dein Gesicht auf diese Art und Weise verzogen, die ich so nicht kannte und ich ertappte mich dabei, mir vorstellen zu können, mich in dich zu verlieben.“

Sie überlegt sich, dass er vielleicht noch wissen sollte, dass sie manchmal Angst davor hat, morgens aufzuwachen und nichts mehr sehen zu können oder vor kleinen Kindern, die sich zu schnell bewegen, vor Narkose, brechenden Körperteilen und dem Inhalt dieser einen Mail, mittlerweile ein halbes Jahr alt. Ob sie ihm noch schnell sagen sollte, dass es sie vor weichgekochten Pilzen ekelt, vor schmatzenden Menschen, Kopfverletzungen und dem Geruch von frisch gemalten Straßenmarkierungen. Dass sie glaubt, eigentlich keinen Wecker benutzen zu müssen, weil sie immer zwei Minuten vor dem Läuten aufwacht, aber Angst davor hat, dass das bei der Probe aufs Exempel dann doch nicht mehr stimmt. Dass sie früher gut im Salti vorwärts am Trampolin war, bis sie eines Tages danebensprang und dass sie von ihrer Kindheit erzählen kann, als wäre es eine andere.

Sie überlegt sich das und ist ruhig dabei. Sie blickt aus dem Fenster und trinkt Tee. Manchmal greift sie zum Telefon und überlegt ihn anzurufen, aber weiß immer bereits davor, dass das keinen Sinn mehr macht. Dass das nichts mehr zurückbringt, das vielleicht nie da war und es ärgert sie, dass sie auch das so niemals wird sagen können, so wie sie ihn nie bei dem Namen rufen wird, von dem sie sich dachte, er könnte zu ihm passen. Aber auch dieses Ärgern ist ein ruhiges, das sie nicht vom Schlafen abhält oder vom vor die Türe gehen und vielleicht ist es auch gar kein Ärgern, sondern mehr eine Nebenwirkung der Einsicht, dass der Abschied nichts ist, das vor ihnen liegt, sondern gerade schon passiert, dass es eigentlich schon länger nur noch um sie selber, statt um ein ‚wir‘ geht, dass sie traurig sind, diese ganzen Dinge, die Erinnerungen sein sollten, aber nun dazu verdammt sind Möglichkeiten zu bleiben, aber dann halt auch wieder nicht traurig genug.

Sie überlegt dann noch, ob es ein Wort für diese Nebenwirkung gibt, aber es fällt ihr keines ein. Sie denkt sich, dass das schade ist und trinkt einen weiteren Schluck Tee, der nach Kräutern schmeckt und in zehn Minuten schon kalt sein wird. Es ist schon wieder Sonntag und das Jahr geht voran, bald ist der Schnee weg und als sie vom Fensterbrett hüpft läutet ihr Telefon, es tut dies viermal, dann ist es endlich still.

Advertisements