Auf dem Pferdefriedhof

Meinen ersten Samstag im Ruhrgebiet verbringe ich vorurteilsgeschwängert in einem Bergwerk. Gemeinsam mit Gabi und Doris lasse ich mir viel über Kohle erzählen, den Beruf des Kippers und wie Kohlenstoff die Wunden der Arbeiter blau färbte. Ich friere in den nicht geheizten Räumen, ich staune über Schraubenmuttern, zu schwer um sie aufzuheben. Ich fühle mich, und überrasche mich damit selber, seltsam geborgen zwischen den Touristen aus Hamburg, den staubigen Fußböden und der untergewichtigen Fremdenführerin, die große Augen hat und Handschuhe an, welche sie dann ständig auszieht. (der Knöpfe wegen, der Türschlösser, der Alarmanlagen).
Heute früh noch dachte ich alles hinschmeissen zu müssen, sofort mindesten fünf Freunde zu finden, abends zu trinken und zu tanzen, oder anderenfalls einfach meine Sachen zu packen um in Richtung alte Heimat zu fliehen, wo ich gedachte so lange zu bleiben, bis sich jemand erbarmt hätte mit mir mitzukommen, hierhin zurück nach Essen. Essen is the new loud, hatte ich vor einer Woche noch verkündet und alle hatten gelacht. Ich dabei am lautesten.
Heute Früh jedoch gab es immer noch kein Internet in der Wohnung, kein Festnetz und die fürs Frühstück gekaufte Mango schimmelte von innen nach außen. Joni sprach wenig und Juli war schon längst außer Haus. Im Bad war der Boden kalt und niemand hatte mich angerufen, auf diesem Telefon dessen Nummer nur vier Leute kennen. Das waren dann aber auch vier zuviel die sich nicht meldeten.
Joni und ich saßen also schweigend im Bus auf dem Weg zu seiner Mutter die uns zum Brunch eingeladen hatte und mich später mitnahm ins Bergwerk, wo ich dann plötzlich wieder lernte zu staunen und hierbleiben zu wollen, wenigstens für eine Weile.
Ich lerne hier auch, mich wieder mit mir selbst zu beschäftigen in dieser Stadt ohne Freunde, ich lerne es wieder abends im Bett zu liegen und nachzudenken, ich lerne es einen Schlafrhythmus zu haben, fixe Essenszeiten und Bücher zu Ende zu lesen, in weniger als einer Woche.
Ich denke zurück an letzte Woche, als ich noch betrunken von den Diplomfeiern und übermüdet ohne Ende meine Wohnung ausräumte. Dabei Wein aus billigen Gläsern trank und Lernunterlagen der letzten Jahre in die Tonne schmiss. Montags stieg ich immer noch übermüdet in ein Flugzeug, flog bis Düsseldorf, fuhr das erste Mal mit einer Schwebebahn, dachte an Elefanten, trottete hinter Joni in die Wohnung, legte mich früh schlafen und erwachte dienstags immer noch müde.
Dienstag fing dann das so genannte neue Leben an. Ein Leben mit einem acht Stunden Arbeitstag, mit Essen in der Kantine und einem eigenen Computer, eigenen Bürotelefonanschluss und eigenen Aufgaben. Nie hätte ich geglaubt, dass mich diese geregelten Tageszeiten so glücklich machen könnten.
Kasper heißt der Hund des Büros, zwei Stöcke hat es und ich sitze im ersten. Gegenüber die Kaffeeküche, die Sonnenterrasse, über mir das Filmfestivalkatalogarchiv, unter mir Filmrollen die mich ehrfürchtig werden lassen und staunen wie ein kleines Kind.
Morgens und abends siebzehn Minuten S-Bahn fahren, dabei ein paar Seiten lesen, sich mit Sitznachbarn unterhalten und über Mühlheim wundern, über Oberhausen, über die Bahnstrecke, die Häuser daneben, die Kontrolleurin, ihre Haare, ihr Gesicht, ihre Gestik, die mich an Bäckereiangestellte erinnert, aus noch nicht erkannten Gründen.

Nachmittags stand ich irgendwann vor einem Bild das ein Pferd zeigte. Mehrere hundert Pferde verbrachten ihr gesamtes Leben unter Tag, um bei den Bergarbeiten zu helfen. Die Bergwerksleute fütterten sie mit Stroh, im Stroh lebten Mäuse, die Bergarbeiter brachten Katzen mit unter Tag. Die Pferde sahen in die Kamera mit toten Augen und einem Leben von dem sie nichts wussten.
Teile der Stadt in der ich nun lebe haben sich 24 Meter gesenkt im letzten Jahrhundert. Pferde starben unter den Häusern meiner Nachbarn, Katzen erstickten an Mäusen unter den Schienen der Züge. Ein Bergarbeiter verbrannte 6000 Kalorien unter der Kreuzung, deren Ampeln rot sind in den falschen Momenten.

Ich lebe auf einem Pferdefriedhof, denke ich mir. Ich lege meinen Kopf zur Ruhe und denke an Sascha, das erste und einzige Pferd, das ich jemals mochte. Ich denke an Sascha und mich, das fünfjährige Mädchen mit den geflochtenen Haaren. Sascha ist rußgeschwärzt in meiner Vorstellung, er lebt zweihundert Meter unter mir. Er liebt Katzen und Pausenbrote. Nachts wiehert er sich glücklich in den Schlaf, morgens zieht er Kohle.

[vielleicht, denke ich dann, wohnt das glück in dieser stadt. ich hab es nur noch nicht gefunden.]

(januar|09)

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