Kurz vor Mitternacht ist es Zeit sich an die Umärmelkanalungen zu erinnern

In der Station Margarethengürtel verabschieden sich drei Gehörlose wild gestikulierend von ihren Freunden, die noch mindestens zwei Stationen weiter fahren. Sie stehen bereits am Bahnsteig und winken und werfen Kussmünder und erzählen sich einen Witz, der so lustig sein muss, dass ich beinahe neidisch werde und sofort auch Gebärdensprache verstehen möchte. Der alte Mann, er wirft seinen Oberkörper vor und zurück, die Frau neben ihm hält seinen Arm, auch sie lacht und antwortet etwas, das ein weiterer Witz zu sein scheint. Sie klopfen noch einmal an die Scheibe, ein weiterer Kussmund fliegt durch die Luft. Die Türen öffnen und schließen sich. Irgendwann fährt der Zug tatsächlich.

Der U-Bahnfahrer meldet sich nur Sekunden später zu Wort. Es ist dieser U-Bahnfahrer der einem gelegentlich während den Fahrten mit der U4 oder begegnet, der am Schottentor von den sibirischen Steppen erzählt, die sich in den hinteren Wagonen befinden, wenn sich ein weiteres Mal alle Studenten in den ersten Wagen zu pressen versuchen und einmal sagte er: „Dass das Einsteigen nach der Durchsage „Zug fährt ab“ verboten ist, gilt auch für den jungen Mann im dritten Wagon. Vielleicht ist er gerade auf dem Weg zum ersten Rendez-Vous oder besucht seine Großmutter, weil sie Namenstag hat, aber das ändert nichts daran, dass er bitte das nächte mal eine Minute früher am Bahnsteig stehen sollte oder mit vier Minuten Wartezeit klarkommen muss.“ Ich habe mich damals so schrecklich geschämt, nur weiß ich immer noch nicht, ob für den Fahrer oder den Mann.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, sagt er diesmal, „wir alle wissen, dass Verabschiedungen schlimm sind, doch sollten wir auch, vor allem mit fortschreitendem Alter wissen, dass ein Hinauszögern solcher diese nicht einfacher machen. Ich bitte Sie, sich das das nächste Mal in Erinnerung zu rufen und danach zu handeln.“

Die Gehörlosen lachen noch immer, als er noch schnell eine angenehme Nacht wünscht, bevor er seine Stimme wieder in die Anonymität der Fahrerkabine zurückholt. Ich blicke sie an und schließe die Augen. Ich stelle mir vor, das U würde nicht für Untergrund, sondern vielleicht für Ukulele, Unwissen, Urlaub, Urknall oder auch uferlos, unsichtbar oder Umarmung stehen. Ich denke an das Wortspiel, man mir oft sagte und schrieb und das ich oft erwiderte, als ich für ein halbes Jahr auf der Insel wohnte, was im Endeffekt auch nichts anderes war als der Beginn eines Abschieds, der auch lange dauerte und nicht besser wurde, was aber ein Wissen ist, welches man erst in der Retrospektive erlangte, egal ob man  einer Gruppe Gehörloser angehört, U-Bahnfahrer ist oder knappe 23 und plötzlich nicht mehr weiß, was Heimat eigentlich bedeutet.  Als ich aussteige, habe ich das dringende Bedürfnis an die Scheibe des Zugfahrerabteils zu klopfen und ihn zu bitten, mich noch ein paar Stationen dort vorne mitfahren zu lassen. Ich würde versprechen, leise zu sein und mein Wundern für mich zu behalten, so wie mein Wissen, dass seine Nachricht zuvor nicht dort ankam, wo sie sollte, was aber dem Umstand keinen Abbruch tut, dass ich sie in meine Tasche gepackt habe und mit nach Hause nehme und vor dem Einschlafen noch einmal auspacke, dann in Reichweite neben die Matratze lege, bevor ich schlafe, tief und fest und von einem Heuboden träume, in dem ich einmal als Kind mir beinahe das Bein brach und die Anzahl der Katzenkinder die dort geboren wurde, die Anzahl meiner Finger bereits übertrumpfte, da war ich noch  nicht mal fünf.

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