Addy (IV)

Und dann kam der 26. Juni 1918. Der Tag an dem ich beschloss Robert ein letztes Geschenk zu machen und auf eines der Bilder die ich ausgearbeitet beim Fotografen abholte den Satz

„Meinem einzig lieben Schatzi von deiner dich ewig liebenden Addy“ schrieb. Es war ein warmer Tag und einige 100 Kilometer weiter starb gerade Peter Rosegger, von dem mein Vater sagte, dass er ihm einmal im Zug gegenüber gesessen war und Rosegger so getan hatte, als wäre er jemand gänzlich anderer.

Mein Vater.

Zeit seines Lebens erzählte er von den Begegnungen mit berühmten Menschen, die niemals jemand nachweisen, aber auch niemals jemand als Lügen enttarnen konnte. So hatte er sich  mit Arthur Schnitzler

an einem Herbsttag des Jahres 1904 im Café Rüdigerhof einen Tisch geteilt, es jedoch verabsäumt ihn anzusprechen. Der Herr Schnitzler war nämlich, so erzählte mein Vater gerne, sehr in die Korrekturen eines Textes vertieft und als im Herbst des selben Jahres „Das neue Lied“ in der „Neuen Freien Presse erschien“ hielt mein Vater aufgeregt einem jeden der es wissen wollte oder auch nicht, die Zeitung unter die Nase und erklärte, dass er leibhaftig dabei gewesen wäre, als Schnitzler jenen fertig stellte.

Ein ander Mal bestand mein Vater darauf, dass er Katharina Schratt

die gemeinsam mit einem Affen und einem Hund mit einer Kutsche vor ihrem Haus am Kärntner Ring ankam beim Aussteigen aus eben jener geholfen hatte. Der Affe hatte sich dabei an den Oberarm meines Vaters geklammert und war ihm später auf den Kopf geklettert, die Schratt hatte milde gelächelt und den Affen, den sie Waldi nannte, kurz auf den Hintern geklopft und als dieser immer noch keine Anstalten machte den Kopf meines Vaters zu verlassen nur entschuldigend mit den Schultern gezuckt.

Auch hatte einmal neben Theodor Herzl

im Burgtheater gesessen, wurde von Stefan Zweig

im Stadtpark gegrüßt und empfohl Alma Mahler

die Topfenschnitte im Café Central.

Er schüttelte Arnold Schönberg

die Hand, er beobachtete Adolf Loos

wie jener wiederum den Bau seines Hauses am Michaelerplatz beobachtete und war sich zu 90% sicher, dass das Ehepaar Schiele

bei einem Konzert im Musikverein nur eine Loge weiter von ihm saß.

Mein Vater, Sohn einer gutbürgerlichen Kaufmannsfamilie aus Böhmen, hat Wien in seinem ganzen Leben nie länger als drei Tage verlassen und war nie weiter als bis zum Semmering gekommen, trotzdem bezeichnete er sich Weltenbürger, nur musste die Welt eben nach Wien kommen, dort so mein Vater, wäre sie bei ihm zu jeder Tages- und Nachtzeit herzlich willkommen.

Das Foto überreichte ich Robert abends, als ich zum Essen in seinem Elternhaus eingeladen war, er nahm meinen Kopf in seine Hände und küsste mich auf die Stirn. „Wie gut wir es doch haben“, sagte er und ich blickte zu Boden und blickte danach wieder auf, lächelte kurz und weinte zuhause auf dem Boden sitzend, weil es nicht stimmte, weil Robert und ich es niemals mehr gut haben würden und er das eigentlich genauso wusste wie ich auch. Roberts Abreise war drei Wochen später, er reiste über den Landweg nach Frankreich von wo aus er nach England übersetzte und dort ein Schiff nahm, das ihn bis nach Argentinien brachte.

Noch fünf Wochen zuvor hatten wir einen Ausflug unternommen, waren unweit vor den Toren Wiens zusammen mit Else und Stephanie auf einen Fels gestiegen, von wo aus Robert den wunderschönen Ausblick gelobt hatte und Elsa dreimal tief ein- und ausatmete, während

unser Bergführer, den Robert uns als Friedl vorgestellt hatte und der direkt aus der Unterwelt kam, ich war mir dessen sicher, einige Meter unter uns in der Felswand Platz nahm. Während des etwas beschwerlichen Aufstiegs erzählte er ununterbrochen von seiner Familie, dem Bauernhof, den hübschen Kindern und der vielen Arbeit. Elsa hatte anders als ich einen Narren an ihm und seinem, wie sie sagte „entzückenden“ Akzent gefressen und schenkte ihm am Ende des Ausflugs eine weiße Schleife, die sie aus unerfindbaren Gründen in ihrer Tasche gefunden hatte und der Friedl wiederum schickte uns Jahre später ein Bild von seiner Familie und sich und vor allem von seiner Lieblingstochter, die jene Schleife wie eine Krone im Haar trug.

Auch ein mit Robert befreundeter Fotograf hatte uns begleitet und schoss von uns drei Schwester, wie wir ihn auf dem Felshaufen umringen ein Foto, das mir Robert zum Abschied schenkte.

Nichts weiter als dieses Foto schenkte er mir und ich stellte es auf meinen Sekretär neben das Foto meiner Eltern und jedes Mal wenn ich es in den folgenden Monaten und Jahren ansah, so wurde mir ein wenig traurig ums Herz und ich dachte an Argentinien und all die Steine, Robert in der Zwischenzeit dort sicher schon gefunden und benannt hatte und daran, dass ich es bereits von Anfang an wusste, dass er nicht wiederkommen würde.

[…]

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