Ach Addy (III)

Nachdem Else gestorben war und wir ihren Leichnam kostspielig zurück nach Wien schicken ließen, begruben wir sie an einem Samstag Vormittag auf dem Zentralfriedhof. Peter hielt eine flammende Rede auf die Schönheit und die Vergänglichkeit, jemand sang das Ave Maria und Sophie drückte meine Hand ohne Unterlass und wurde nach diesem Tag nie wieder froh.

Doch all dieses Unheil war noch nicht abzusehen, an jenem sommerlichen Tag im Mai 1913, an dem Else ihren Peter ehelichte und wir uns alle vor dem Eingang des Gasthauses zusammenfanden um ein Foto von dem Brautpaar und den zwanzig geladenen Gästen unserer Familienseite zu machen. Unter anderem hatte sich Vetter Albert,

der niemals aus dem Krieg zurückkam eingefunden, gemeinsam mit seiner Verlobten, die an diesem Tag, wie auch an den meisten anderen, so gut wie gar nichts sagte und von der niemand wusste, wo er sie kennengelernt hatte, ein Geheimnis, welches der gute Albert mit in sein Grab nahm.

Unsere Mutter war als eine der wenigen Frauen auf der Hochzeit nicht in weiß gekleidet, aus Trauer, wie sie erklärte, um ihre verlorene Tochter. Denn Peter, und daraus machte sie keinen Hehl, hielt sie für nicht standesgemäß, hielt ihn für einen Schürzenjäger, auch noch mit einem italienischen Nachnamen –Mazzani- und obendrauf der Else nicht intellektuell gewachsen. Dass der Peter einen Abschluss in Medizin hatte und bereits in der Praxis seines Vaters mitarbeitete, interessierte sie kein stückweit

und so hatte unsere Mutter ihre Hände den ganzen Tag über zu Fäusten geballt und tanzte nur ein einziges Mal, auf nachdrückliche Bitte meines Vaters. Jener wiederum hielt den Angetrauten meiner Schwester für einen herzensguten, wenn auch etwas tölpelhaften Menschen und schlug ihm immer wieder wohlwollend auf die Schulter, woraufhin Peter ein wenig eingeschüchtert lächelte und meine Schwester oft die Augen verdrehte. Frieda,

unser Nesthäkchen war gerade erst von einer Scharlacherkrankung genesen und hatte sich für das Foto hinter dem Brautpaar positioniert, auch sie lächelte wenig an diesem Tag und fühlte sich eigentlich noch zu schwach um Teil der Hochzeitsgesellschaft zu sein, aber all ihr Bitten und Flehen, gleich nach der Messe wieder zurück nach Hause gebracht zu werden, verhallten ungehört und so saß die kleine Frieda weinerlich an der Hochzeitstafel und aß gerade mal zwei Bissen von dem Hochzeitsbraten. Später am Abend fand ich sie auf den Stufen des Gasthauses vor und legte meinen Arm um ihre Schultern. „Das ist einfach nicht gerecht“, sagte sie, „wenn der Scharlach jetzt wieder kommt und ich daran sterbe, dann ist das alleine eure Schuld.“ Aber der Scharlach kam nicht wieder und aus der kleinen hypochondrischen Frieda wurde eine große hypochondrische Frieda, mit einem Abschluss in Mathematik und der Vorliebe für fremde Länder, welche sie im Alter von 27 Jahren als erste Person unserer Familie Australien bereisen ließ. Von ihrem Aufenthalt dort schrieb sie flammende Briefe an uns, schrieb „Was Glück ist, kann man erst begreifen, wenn man den Ayers Rock gesehen hat“ oder „nicht nur scheint die Sonne hier heller, nein auch das Gras ist grüner“ oder auch „Melbourne ist die Stadt für mich, die Wien niemals sein wird“. Zurück kam sie trotzdem, mit einem Herzen voller Fernweh und Geschichten, von denen sie noch ihren Enkelkindern erzählte und in denen bei jedem Mal ein Känguru mehr vorkam.

Auch von Peters Familie waren an die zwanzig Menschen geladen, ein Foto davon ging jedoch nie in unseren Familienbesitz über und so sind die Erinnerungen an jene Menschen zum Großteil ein wenig unscharf geworden mit der Zeit, nicht allerdings die Erinnerung an Robert,

einem entfernten Cousin des Bräutigams, der nach der Tafel plötzlich neben mir stand und mich zum Tanz aufforderte. Robert hatte braunes Haar und eine sehr aufrechte Haltung, er sprach mit einem leichten salzburgerischen Akzent und während des Tanzens flüsterte er mir „Ich beobachte Sie schon den ganzen Abend“ ins Ohr. Ich lachte peinlich berührt auf und biss mir daraufhin auf die Lippen, ich verkrampfte meine Finger in mein Kleid, als wir danach wieder Platz genommen hatten und als Robert meine Eltern um Erlaubnis fragte, mich ins Theater auszuführen, schloss ich die Augen und wünschte mich ans andere Ende des Saals. Meine Eltern stimmten hocherfreut zu, in meiner Erinnerung scheint es mir sogar der einzige Augenblick an diesem Tag gewesen zu sein, an dem meine Mutter kurz lächelte und so holte mich Robert, einige Tage später von meinem Elternhaus ab und geleitete mich ins Burgtheater, wo wir ein Stück, dessen Namen ich sogleich vergaß anschauten und doch eigentlich nur uns sahen. Robert hatte eine kleine Lücke zwischen seinen Vorderzähnen und rauchte ohne Unterlass, er erzählte von seinen Hunden und rezitierte an einer unpassenden Stelle Goethe, doch all das bemerkte ich nicht. Wir gingen später ein Stück gemeinsam den Ring entlang, ich erzählte Robert, dass ich gerne Schauspielerin geworden wäre, aber das Talent nicht ausgereicht hätte und Robert hielt mir seinen Arm hin, so dass ich mich unterhaken konnte und ich dachte tatsächlich für einen kurzen Moment, ich wäre die glücklichste Person auf der ganzen, weiten Welt.

[…]

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