Ach Addy (II)

Elsa betete auch zwei Wochen lang für gutes Wetter an ihrem Hochzeitstag. Ein Wunsch der ihr ausnahmsweise erfüllt wurde, anders als der Wunsch vierfache Mutter zu werden, einen Garten voller Apfelbäume zu besitzen und irgendwann einmal Amerika zu sehen, denn Elsa starb zehn Jahre nach dem sie Peter geehelicht hatte. Überfahren von der ersten elektronischen Straßenbahn Europas lag sie an einer Kreuzung in Brighton, ihre Augen starr nach oben gerichtet, Blut im Haar und an den Händen und mit gekrümmten Beinen.

Neben ihr stand  weinend und händeringend der Fahrer der Straßenbahn, ein gewisser James Cornelly,

seines Zeichens Vater einer Tochter und eines Sohnes, Ehemann seit seinem 19. Lebensjahr

und ab diesem Tag nicht mehr im Stande seinen Beruf noch länger auszuüben und stattdessen dem Untergang durch übermäßigen Alkoholkonsum geweiht, der ihn den zweiten Weltkrieg nicht mehr erleben ließ und auch nicht die Geburt seines ersten Enkelkindes, – ein Junge, mit rundem Gesicht und bereits drei Zähnen noch bevor er das Licht der Welt erblickte.

Elses Tod bedeutete das Ende eines Familienurlaubs, der gut begonnen hatte.

Noch am Vortag saßen wir gemeinsam mit unserer Base Stephanie und deren Mann und den Kindern (Elsas Töchter Sophie und Aloisia, Stephanies Söhne Heinrich, Franz, Karl, Joseph und Ferdinand, sowie ein entfernter Cousin namens Georg, der seit seiner Kindheit an Asthma erkrankt war und auf Anraten seines Vaters sich unserem Seeurlaub angeschlossen hatte) gemeinsam am Strand von Brighton und ließen ein Foto für die zuhause Gebliebenen machen. Wir Frauen trugen Hüte, die wir nur wenige Tage vor unserer Abfahrt in Wien gekauft hatten und Ferdinand, der auf Grund einer Sonnenallergie unablässig nieste, saß unglücklich zwischen seinen Brüdern und Cousinen im Sand und machte ein Gesicht, als wäre das gesamte Unheil der Erde in diesem Moment über ihn hereingebrochen. Else versuchte ihn mit Geschichten über das Meer aufzuheitern, sie erklärte ihm, dass darin ein Schatz liegen würde, den man abends, wenn die Sonne untergeht glitzern sehen könnte, aber Ferdinand hatte daran kein Interesse, sondern rieb sich schlecht gelaunt seine Nase, bis Aloisia seinen Arm nahm und so sicher stellte, dass zumindest auf dem Foto sein blondgelockter Kopf zu sehen sei.

Später haben wir oft über den Tag gescherzt, haben gemeint, die Sonne damals in Brighton und was sie mit Ferdinand anstellte, wäre der Auslöser für seine spätere Obsession mit Schirmen gewesen. Wäre der Grund, warum er, bald nach Beendigung seiner Schullaufbahn in den Aufbau einer Regen- und Sonnenschirmfabrik investierte, welche er bis zu seinem Tod leitete. Nie sah man Ferdinand ohne Schirm das Haus verlassen und nie gab es ein anderes Geschenk für irgendjemanden von uns, außer einen weiteren Schirm. Unter der Woche ging er mit vor Stolz geschwellter Brust in seiner Fabrik auf und ab und am Wochenende grübelte er über den Entwürfen für das erste faltbare Schirmmodell, welches er schließlich 1928 als Patent anmeldete und nach seinem Bulldoggen „Knirps“ benannte.

[…]

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