Ach Addy (I)

Am 16. März 1894 regnete es genauso wie am 22. Juli 1967. An beiden Tagen goss es wie aus Kübeln und die Menschen ließen ihre Fahrräder zuhause stehen und eilten an Hauswände gedrückt ins Trockene. Über zwanzig Regenschirme gingen innerhalb von zehn Minuten im achten Wiener Gemeindebezirk kaputt, daran war der starke Wind schuld und in der Neustiftgasse zerbrachen zwei Fenster, was man jedoch erst abends bemerkte.

Zwischen den beiden Tagen liegt mein Leben, das Leben der Adele Bachinger. Tochter, Akrobatin, Verliebte, Geliebte, Verlassene, Ehefrau, Hundebesitzerin, Patin, Naschkatze, Linkshänderin, Spaziergängerin, Allergikerin, Fahrradfahrerin, Überlebende, Sterbende zu guter Letzt.

Geboren als zweite Tochter des Leopold Bachinger und der Henriette wuchs ich wohlbehütet gemeinsam mit meiner Schwester Elsa und dem Nesthäkchen Frieda an der Stadtgrenze zu Wien auf. Unsere Mutter die bis ins hohe Alter ihrer verpassten Karriere als Balletttänzerin nachweinte, zwang uns Mädchen beinahe noch bevor wir laufen konnten die ersten Ballettschuhe zu tragen, schrieb uns im Vorschulalter bereits in den ersten Tanzkurs ein und verpflichtete uns auch an den Wochenenden zu musikalischen Darbietungen. Frieda, die als einzige ein wenig das Talent meiner Mutter geerbt hatte, saß also Sonntag für Sonntag am Klavier und unterhielt die Teerunde unserer Mutter mit Stücken von Schubert, ich versuchte und scheiterte kläglich an der Violine und Elsa absolvierte in ihrem Leben an die 800 Gesangsstunden, die sie hasste, wie wenig anderes.

An den Wochenende kamen oft auch noch drei unserer Cousins zu Besuch und im Garten des elterlichen Hauses liefen wir mit kleinen Trommeln durch die Gegend und hofften, dass der Tag schnell vorbeigehen würde. Gustav, der jüngste der drei Burschen bevorzugte es seine Trommel meiner Schwester oder mir selber über den Kopf zu ziehen und Else weinte viel, schrie herum, wie  unverschämt das doch wäre und verweigerte es auch nur einem der drei zum Abschied die Hand zu geben und abends vor dem Schlafen gehen betete sie, dass es am nächsten Wochenende viel Regen geben oder Gustav mit einem gebrochenen Bein bestraft werden sollte. Elsa betete generell viel und gerne. Sie bat um bessere Noten, um einen Kehlkopfentzündung die sie vor ihren Chorauftritten verschonen würde, um ein Kätzchen das sie Luis nennen würde, um ein Pony das sie Wölkchen nennen würde, um eine Gans, die namenlos bleiben dürfte, aber im Gartenteich leben und ihr aus der Hand fressen sollte.

Später als ich einmal meinen Sommer auf einem Bauernhof südlich von Graz verbrachte und morgens von dem Geschnatter des Federviehs geweckt wurde, musste ich daran denken und war mir ziemlich sicher, dass es etwas Gutes hatte, dass Elsa nie eine Gans bekommen hatte, denn ihren Tod hätte meine Schwester nicht überwunden.

[…]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s