Ach Addy V

Und so gingen dann die Jahre durchs Land, Else starb in Brighton, Sophie wurde verrückt, Stephanie alt und langsam und ich kaufte einen Hund, den ich Pluto nannte.

Die Nichten und Neffen wurden Mütter und Väter,

sie zogen durch die Länder und schickten Karten zu Weihnachten, die sich einzig durch die Jahreszahl unterscheiden.

Ich verliebte mich noch ein einziges Mal in einen Mann der einen Namen hatte, als wäre er am Meer geboren und der auch im Alter nicht schrumpfte.

Wir lebten in einem Haus unweit des Waldes, wir tranken schwarzen Kaffee zum Frühstück und verwendeten nie Kosenamen. Er starb drei Jahre vor mir und auf all den Bildern,

die mir von ihm blieben, sieht man ihn kaum, als wäre er ein Gespenst, eine Fata Morgana und ich wünschte mir, als der Regen einsetzte und mein Herz aussetzte, dass dem wirklich so wäre und ich auch von den Fotos verschwinden würde und all das was von mir übrigbleibt nur noch eine Ahnung wäre, eine Ahnung und ein Versprechen, das alles einmal gut war.

[Ende]

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Addy (IV)

Und dann kam der 26. Juni 1918. Der Tag an dem ich beschloss Robert ein letztes Geschenk zu machen und auf eines der Bilder die ich ausgearbeitet beim Fotografen abholte den Satz

„Meinem einzig lieben Schatzi von deiner dich ewig liebenden Addy“ schrieb. Es war ein warmer Tag und einige 100 Kilometer weiter starb gerade Peter Rosegger, von dem mein Vater sagte, dass er ihm einmal im Zug gegenüber gesessen war und Rosegger so getan hatte, als wäre er jemand gänzlich anderer.

Mein Vater.

Zeit seines Lebens erzählte er von den Begegnungen mit berühmten Menschen, die niemals jemand nachweisen, aber auch niemals jemand als Lügen enttarnen konnte. So hatte er sich  mit Arthur Schnitzler

an einem Herbsttag des Jahres 1904 im Café Rüdigerhof einen Tisch geteilt, es jedoch verabsäumt ihn anzusprechen. Der Herr Schnitzler war nämlich, so erzählte mein Vater gerne, sehr in die Korrekturen eines Textes vertieft und als im Herbst des selben Jahres „Das neue Lied“ in der „Neuen Freien Presse erschien“ hielt mein Vater aufgeregt einem jeden der es wissen wollte oder auch nicht, die Zeitung unter die Nase und erklärte, dass er leibhaftig dabei gewesen wäre, als Schnitzler jenen fertig stellte.

Ein ander Mal bestand mein Vater darauf, dass er Katharina Schratt

die gemeinsam mit einem Affen und einem Hund mit einer Kutsche vor ihrem Haus am Kärntner Ring ankam beim Aussteigen aus eben jener geholfen hatte. Der Affe hatte sich dabei an den Oberarm meines Vaters geklammert und war ihm später auf den Kopf geklettert, die Schratt hatte milde gelächelt und den Affen, den sie Waldi nannte, kurz auf den Hintern geklopft und als dieser immer noch keine Anstalten machte den Kopf meines Vaters zu verlassen nur entschuldigend mit den Schultern gezuckt.

Auch hatte einmal neben Theodor Herzl

im Burgtheater gesessen, wurde von Stefan Zweig

im Stadtpark gegrüßt und empfohl Alma Mahler

die Topfenschnitte im Café Central.

Er schüttelte Arnold Schönberg

die Hand, er beobachtete Adolf Loos

wie jener wiederum den Bau seines Hauses am Michaelerplatz beobachtete und war sich zu 90% sicher, dass das Ehepaar Schiele

bei einem Konzert im Musikverein nur eine Loge weiter von ihm saß.

Mein Vater, Sohn einer gutbürgerlichen Kaufmannsfamilie aus Böhmen, hat Wien in seinem ganzen Leben nie länger als drei Tage verlassen und war nie weiter als bis zum Semmering gekommen, trotzdem bezeichnete er sich Weltenbürger, nur musste die Welt eben nach Wien kommen, dort so mein Vater, wäre sie bei ihm zu jeder Tages- und Nachtzeit herzlich willkommen.

Das Foto überreichte ich Robert abends, als ich zum Essen in seinem Elternhaus eingeladen war, er nahm meinen Kopf in seine Hände und küsste mich auf die Stirn. „Wie gut wir es doch haben“, sagte er und ich blickte zu Boden und blickte danach wieder auf, lächelte kurz und weinte zuhause auf dem Boden sitzend, weil es nicht stimmte, weil Robert und ich es niemals mehr gut haben würden und er das eigentlich genauso wusste wie ich auch. Roberts Abreise war drei Wochen später, er reiste über den Landweg nach Frankreich von wo aus er nach England übersetzte und dort ein Schiff nahm, das ihn bis nach Argentinien brachte.

Noch fünf Wochen zuvor hatten wir einen Ausflug unternommen, waren unweit vor den Toren Wiens zusammen mit Else und Stephanie auf einen Fels gestiegen, von wo aus Robert den wunderschönen Ausblick gelobt hatte und Elsa dreimal tief ein- und ausatmete, während

unser Bergführer, den Robert uns als Friedl vorgestellt hatte und der direkt aus der Unterwelt kam, ich war mir dessen sicher, einige Meter unter uns in der Felswand Platz nahm. Während des etwas beschwerlichen Aufstiegs erzählte er ununterbrochen von seiner Familie, dem Bauernhof, den hübschen Kindern und der vielen Arbeit. Elsa hatte anders als ich einen Narren an ihm und seinem, wie sie sagte „entzückenden“ Akzent gefressen und schenkte ihm am Ende des Ausflugs eine weiße Schleife, die sie aus unerfindbaren Gründen in ihrer Tasche gefunden hatte und der Friedl wiederum schickte uns Jahre später ein Bild von seiner Familie und sich und vor allem von seiner Lieblingstochter, die jene Schleife wie eine Krone im Haar trug.

Auch ein mit Robert befreundeter Fotograf hatte uns begleitet und schoss von uns drei Schwester, wie wir ihn auf dem Felshaufen umringen ein Foto, das mir Robert zum Abschied schenkte.

Nichts weiter als dieses Foto schenkte er mir und ich stellte es auf meinen Sekretär neben das Foto meiner Eltern und jedes Mal wenn ich es in den folgenden Monaten und Jahren ansah, so wurde mir ein wenig traurig ums Herz und ich dachte an Argentinien und all die Steine, Robert in der Zwischenzeit dort sicher schon gefunden und benannt hatte und daran, dass ich es bereits von Anfang an wusste, dass er nicht wiederkommen würde.

[…]

Ach Addy (III)

Nachdem Else gestorben war und wir ihren Leichnam kostspielig zurück nach Wien schicken ließen, begruben wir sie an einem Samstag Vormittag auf dem Zentralfriedhof. Peter hielt eine flammende Rede auf die Schönheit und die Vergänglichkeit, jemand sang das Ave Maria und Sophie drückte meine Hand ohne Unterlass und wurde nach diesem Tag nie wieder froh.

Doch all dieses Unheil war noch nicht abzusehen, an jenem sommerlichen Tag im Mai 1913, an dem Else ihren Peter ehelichte und wir uns alle vor dem Eingang des Gasthauses zusammenfanden um ein Foto von dem Brautpaar und den zwanzig geladenen Gästen unserer Familienseite zu machen. Unter anderem hatte sich Vetter Albert,

der niemals aus dem Krieg zurückkam eingefunden, gemeinsam mit seiner Verlobten, die an diesem Tag, wie auch an den meisten anderen, so gut wie gar nichts sagte und von der niemand wusste, wo er sie kennengelernt hatte, ein Geheimnis, welches der gute Albert mit in sein Grab nahm.

Unsere Mutter war als eine der wenigen Frauen auf der Hochzeit nicht in weiß gekleidet, aus Trauer, wie sie erklärte, um ihre verlorene Tochter. Denn Peter, und daraus machte sie keinen Hehl, hielt sie für nicht standesgemäß, hielt ihn für einen Schürzenjäger, auch noch mit einem italienischen Nachnamen –Mazzani- und obendrauf der Else nicht intellektuell gewachsen. Dass der Peter einen Abschluss in Medizin hatte und bereits in der Praxis seines Vaters mitarbeitete, interessierte sie kein stückweit

und so hatte unsere Mutter ihre Hände den ganzen Tag über zu Fäusten geballt und tanzte nur ein einziges Mal, auf nachdrückliche Bitte meines Vaters. Jener wiederum hielt den Angetrauten meiner Schwester für einen herzensguten, wenn auch etwas tölpelhaften Menschen und schlug ihm immer wieder wohlwollend auf die Schulter, woraufhin Peter ein wenig eingeschüchtert lächelte und meine Schwester oft die Augen verdrehte. Frieda,

unser Nesthäkchen war gerade erst von einer Scharlacherkrankung genesen und hatte sich für das Foto hinter dem Brautpaar positioniert, auch sie lächelte wenig an diesem Tag und fühlte sich eigentlich noch zu schwach um Teil der Hochzeitsgesellschaft zu sein, aber all ihr Bitten und Flehen, gleich nach der Messe wieder zurück nach Hause gebracht zu werden, verhallten ungehört und so saß die kleine Frieda weinerlich an der Hochzeitstafel und aß gerade mal zwei Bissen von dem Hochzeitsbraten. Später am Abend fand ich sie auf den Stufen des Gasthauses vor und legte meinen Arm um ihre Schultern. „Das ist einfach nicht gerecht“, sagte sie, „wenn der Scharlach jetzt wieder kommt und ich daran sterbe, dann ist das alleine eure Schuld.“ Aber der Scharlach kam nicht wieder und aus der kleinen hypochondrischen Frieda wurde eine große hypochondrische Frieda, mit einem Abschluss in Mathematik und der Vorliebe für fremde Länder, welche sie im Alter von 27 Jahren als erste Person unserer Familie Australien bereisen ließ. Von ihrem Aufenthalt dort schrieb sie flammende Briefe an uns, schrieb „Was Glück ist, kann man erst begreifen, wenn man den Ayers Rock gesehen hat“ oder „nicht nur scheint die Sonne hier heller, nein auch das Gras ist grüner“ oder auch „Melbourne ist die Stadt für mich, die Wien niemals sein wird“. Zurück kam sie trotzdem, mit einem Herzen voller Fernweh und Geschichten, von denen sie noch ihren Enkelkindern erzählte und in denen bei jedem Mal ein Känguru mehr vorkam.

Auch von Peters Familie waren an die zwanzig Menschen geladen, ein Foto davon ging jedoch nie in unseren Familienbesitz über und so sind die Erinnerungen an jene Menschen zum Großteil ein wenig unscharf geworden mit der Zeit, nicht allerdings die Erinnerung an Robert,

einem entfernten Cousin des Bräutigams, der nach der Tafel plötzlich neben mir stand und mich zum Tanz aufforderte. Robert hatte braunes Haar und eine sehr aufrechte Haltung, er sprach mit einem leichten salzburgerischen Akzent und während des Tanzens flüsterte er mir „Ich beobachte Sie schon den ganzen Abend“ ins Ohr. Ich lachte peinlich berührt auf und biss mir daraufhin auf die Lippen, ich verkrampfte meine Finger in mein Kleid, als wir danach wieder Platz genommen hatten und als Robert meine Eltern um Erlaubnis fragte, mich ins Theater auszuführen, schloss ich die Augen und wünschte mich ans andere Ende des Saals. Meine Eltern stimmten hocherfreut zu, in meiner Erinnerung scheint es mir sogar der einzige Augenblick an diesem Tag gewesen zu sein, an dem meine Mutter kurz lächelte und so holte mich Robert, einige Tage später von meinem Elternhaus ab und geleitete mich ins Burgtheater, wo wir ein Stück, dessen Namen ich sogleich vergaß anschauten und doch eigentlich nur uns sahen. Robert hatte eine kleine Lücke zwischen seinen Vorderzähnen und rauchte ohne Unterlass, er erzählte von seinen Hunden und rezitierte an einer unpassenden Stelle Goethe, doch all das bemerkte ich nicht. Wir gingen später ein Stück gemeinsam den Ring entlang, ich erzählte Robert, dass ich gerne Schauspielerin geworden wäre, aber das Talent nicht ausgereicht hätte und Robert hielt mir seinen Arm hin, so dass ich mich unterhaken konnte und ich dachte tatsächlich für einen kurzen Moment, ich wäre die glücklichste Person auf der ganzen, weiten Welt.

[…]

Ach Addy (II)

Elsa betete auch zwei Wochen lang für gutes Wetter an ihrem Hochzeitstag. Ein Wunsch der ihr ausnahmsweise erfüllt wurde, anders als der Wunsch vierfache Mutter zu werden, einen Garten voller Apfelbäume zu besitzen und irgendwann einmal Amerika zu sehen, denn Elsa starb zehn Jahre nach dem sie Peter geehelicht hatte. Überfahren von der ersten elektronischen Straßenbahn Europas lag sie an einer Kreuzung in Brighton, ihre Augen starr nach oben gerichtet, Blut im Haar und an den Händen und mit gekrümmten Beinen.

Neben ihr stand  weinend und händeringend der Fahrer der Straßenbahn, ein gewisser James Cornelly,

seines Zeichens Vater einer Tochter und eines Sohnes, Ehemann seit seinem 19. Lebensjahr

und ab diesem Tag nicht mehr im Stande seinen Beruf noch länger auszuüben und stattdessen dem Untergang durch übermäßigen Alkoholkonsum geweiht, der ihn den zweiten Weltkrieg nicht mehr erleben ließ und auch nicht die Geburt seines ersten Enkelkindes, – ein Junge, mit rundem Gesicht und bereits drei Zähnen noch bevor er das Licht der Welt erblickte.

Elses Tod bedeutete das Ende eines Familienurlaubs, der gut begonnen hatte.

Noch am Vortag saßen wir gemeinsam mit unserer Base Stephanie und deren Mann und den Kindern (Elsas Töchter Sophie und Aloisia, Stephanies Söhne Heinrich, Franz, Karl, Joseph und Ferdinand, sowie ein entfernter Cousin namens Georg, der seit seiner Kindheit an Asthma erkrankt war und auf Anraten seines Vaters sich unserem Seeurlaub angeschlossen hatte) gemeinsam am Strand von Brighton und ließen ein Foto für die zuhause Gebliebenen machen. Wir Frauen trugen Hüte, die wir nur wenige Tage vor unserer Abfahrt in Wien gekauft hatten und Ferdinand, der auf Grund einer Sonnenallergie unablässig nieste, saß unglücklich zwischen seinen Brüdern und Cousinen im Sand und machte ein Gesicht, als wäre das gesamte Unheil der Erde in diesem Moment über ihn hereingebrochen. Else versuchte ihn mit Geschichten über das Meer aufzuheitern, sie erklärte ihm, dass darin ein Schatz liegen würde, den man abends, wenn die Sonne untergeht glitzern sehen könnte, aber Ferdinand hatte daran kein Interesse, sondern rieb sich schlecht gelaunt seine Nase, bis Aloisia seinen Arm nahm und so sicher stellte, dass zumindest auf dem Foto sein blondgelockter Kopf zu sehen sei.

Später haben wir oft über den Tag gescherzt, haben gemeint, die Sonne damals in Brighton und was sie mit Ferdinand anstellte, wäre der Auslöser für seine spätere Obsession mit Schirmen gewesen. Wäre der Grund, warum er, bald nach Beendigung seiner Schullaufbahn in den Aufbau einer Regen- und Sonnenschirmfabrik investierte, welche er bis zu seinem Tod leitete. Nie sah man Ferdinand ohne Schirm das Haus verlassen und nie gab es ein anderes Geschenk für irgendjemanden von uns, außer einen weiteren Schirm. Unter der Woche ging er mit vor Stolz geschwellter Brust in seiner Fabrik auf und ab und am Wochenende grübelte er über den Entwürfen für das erste faltbare Schirmmodell, welches er schließlich 1928 als Patent anmeldete und nach seinem Bulldoggen „Knirps“ benannte.

[…]

Ach Addy (I)

Am 16. März 1894 regnete es genauso wie am 22. Juli 1967. An beiden Tagen goss es wie aus Kübeln und die Menschen ließen ihre Fahrräder zuhause stehen und eilten an Hauswände gedrückt ins Trockene. Über zwanzig Regenschirme gingen innerhalb von zehn Minuten im achten Wiener Gemeindebezirk kaputt, daran war der starke Wind schuld und in der Neustiftgasse zerbrachen zwei Fenster, was man jedoch erst abends bemerkte.

Zwischen den beiden Tagen liegt mein Leben, das Leben der Adele Bachinger. Tochter, Akrobatin, Verliebte, Geliebte, Verlassene, Ehefrau, Hundebesitzerin, Patin, Naschkatze, Linkshänderin, Spaziergängerin, Allergikerin, Fahrradfahrerin, Überlebende, Sterbende zu guter Letzt.

Geboren als zweite Tochter des Leopold Bachinger und der Henriette wuchs ich wohlbehütet gemeinsam mit meiner Schwester Elsa und dem Nesthäkchen Frieda an der Stadtgrenze zu Wien auf. Unsere Mutter die bis ins hohe Alter ihrer verpassten Karriere als Balletttänzerin nachweinte, zwang uns Mädchen beinahe noch bevor wir laufen konnten die ersten Ballettschuhe zu tragen, schrieb uns im Vorschulalter bereits in den ersten Tanzkurs ein und verpflichtete uns auch an den Wochenenden zu musikalischen Darbietungen. Frieda, die als einzige ein wenig das Talent meiner Mutter geerbt hatte, saß also Sonntag für Sonntag am Klavier und unterhielt die Teerunde unserer Mutter mit Stücken von Schubert, ich versuchte und scheiterte kläglich an der Violine und Elsa absolvierte in ihrem Leben an die 800 Gesangsstunden, die sie hasste, wie wenig anderes.

An den Wochenende kamen oft auch noch drei unserer Cousins zu Besuch und im Garten des elterlichen Hauses liefen wir mit kleinen Trommeln durch die Gegend und hofften, dass der Tag schnell vorbeigehen würde. Gustav, der jüngste der drei Burschen bevorzugte es seine Trommel meiner Schwester oder mir selber über den Kopf zu ziehen und Else weinte viel, schrie herum, wie  unverschämt das doch wäre und verweigerte es auch nur einem der drei zum Abschied die Hand zu geben und abends vor dem Schlafen gehen betete sie, dass es am nächsten Wochenende viel Regen geben oder Gustav mit einem gebrochenen Bein bestraft werden sollte. Elsa betete generell viel und gerne. Sie bat um bessere Noten, um einen Kehlkopfentzündung die sie vor ihren Chorauftritten verschonen würde, um ein Kätzchen das sie Luis nennen würde, um ein Pony das sie Wölkchen nennen würde, um eine Gans, die namenlos bleiben dürfte, aber im Gartenteich leben und ihr aus der Hand fressen sollte.

Später als ich einmal meinen Sommer auf einem Bauernhof südlich von Graz verbrachte und morgens von dem Geschnatter des Federviehs geweckt wurde, musste ich daran denken und war mir ziemlich sicher, dass es etwas Gutes hatte, dass Elsa nie eine Gans bekommen hatte, denn ihren Tod hätte meine Schwester nicht überwunden.

[…]

Wie alt wird ein Holunderbaum?

Heute besuchte jemand diese Seite weil er „vor dem einschlafen habe ich geometrische formen gesehen“ bei Google eingegeben hat. Letzte Woche suchte jemand nach „ich beiße mir nachts in die lippe“ und „ich küßte die postbotin“, am Wochenende war es dann „wie alt kann ein Holunderbaum werden“. Ich befürchte, die Menschen hinter diesen Worten haben nicht das gefunden, wonach sie suchten, genauso wenig wie die über 60 Leute die sich hierher verirrten, weil sie wissen wollen, warum es keine Eichhörnchen in Australien gibt. Aber ich hoffe, dass sie etwas anderes gefunden haben und vielleicht sogar einmal wieder kommen. Vielleicht sehen sie dann immer noch geometrische Formen, die sich aber gewandelt haben, von Dreiecke in Vierecke oder von Zylinder in Quader. Vielleicht ist ihre Lippe morgens immer noch wund und sie küssen die Postbotin doch noch ein weiteres Mal und die Postbotin, die sie das nächste Mal im Supermarkt an der Käsetheke wiedertreffen, blickt dann beschämt zu Boden und stellt sich an der anderen Kassa an (aber denkt dabei schon über das dritte Mal nach).

— [ Ein Holunderbaum, der eigentlich ein Strauch ist, kann bis zu 20 Jahre alt werden. Das heißt dann wohl auch, dass ein weiterer meiner Lieblingsbäume aus Kindertagen nicht mehr existiert. So wie der Ahorn neben meinem  Elternhaus, der Marillenbaum im Garten von Anna Tant und der Apfelbaum unweit jenes Holunderbaumes, dessen Früchte sauer waren und die Äste dürr, so dass man eigentlich nur auf einem einzigen sitzen konnte. Jahrelang nannte ich Baum kraxeln mein liebstes Hobby, sobald ich danach gefragt wurde. Heute allerdings erinnere ich mich nicht mal mehr an das letzte Mal, an dem ich auf einen Baum kletterte. Es könnte diese Begebenheit gewesen sein:

aber das würde auch bedeuten, dass ich in den letzten 1,5 Jahren auf keinen einzigen baum geklettert bin.  | Der Junge neben mir im Baum ist übrigens einer der besten der Welt. Neben ihm saß ich an meinen  allerersten Tag als Studentin, in meiner allerersten Vorlesung. Es war ein Montag und es war acht Uhr früh. Er trug ein selbstgemachtes Radiohead T-Shirt und ich wollte ihm sagen, dass Radiohead auch meine Lieblingsband ist, aber wusste nicht wie. Das ganze ist über neun Jahre her und ein jedesmal wenn wir das feststellen, kann es keiner glauben. Ich denke, das wird sich nie wieder ändern. ] —

Foto © die  wunderbare Anna Kohlweis

 

Paula

„Ich lese Judith Hermann gerne, weil ich die Sätze mag, in denen ich danach denke“, sagt Paula zu mir, da gehen wir gerade die Straße hinauf, auf der kein Schnee mehr liegt. „Ich denke dann immer sehr distanziert von allen um mich herum und nehme meine Bewegungen aus einer Beobachterposition wahr, weißt du? Also zum Beispiel, würde ich dann jetzt denken: Und dann gehen wir die Straße hinauf, die schief ist und das Mädchen neben mir, hat ein Stummfilmgesicht.“
Paula bringt mich mit solchen Aussagen schon lange nicht mehr zum Lachen. Vielleicht hat sie das auch nie und ich will ihr eigentlich auch gar nicht unterstellen, dass sie das überhaupt will. Ich weiß selber nicht, was Paula eigentlich damit bezweckt.
„Ich habe noch nie einen Stummfilm gesehen“, antworte ich und dass es bald wieder schneien soll und ob sie noch mitkommen will, auf eine Tasse Tee, gerne auch schwarz, gerne auch Kekse, Paula, sogar Kekse für dich, Paula. Und natürlich will sie das und will auch noch neue Fotos der albernen Exfreundin ihres Exfreundes im Internet suchen. „Weißt du“, sagt sie dann, „ich habe begriffen: nichts an ihr ist besonders.“
Da sitzen wir also, Paula und ich und die Fotos der Exfreundin, die wirklich nicht besonders aussieht und ich nippe an dem Tee, den Paula erst in fünf Minuten anfangen wird zu trinken. Zu heiß für ihre empfindliche Zunge, erklärt sie immer und die Lippen werden davon auch nur spröde. Ich reiche ihr Honig und suche mir Stricksocken. Ich winkle die Beine an und sage ihr: „Paula, wir sollten uns jeden Tag fünf Minuten aussuchen, die wir uns momentgenau einprägen und uns am Abend vor dem Schlafengehen am Telefon davon erzählen.“
Ich weiß nicht auch nicht genau, warum ich das sage, eigentlich will ich gar nicht wissen, was Paula fünf Minuten lang macht. Ich befürchte, dass darin zuviel Internetrecherche und Zigaretten vorkommen, was mich langweilen würde und dann würde ich sie unterbrechen und alles endet dann jedesmal im Streit. Niemand schläft gut, niemand wacht gut auf, Paula würde noch mehr Kaffee brauchen und mir davon erzählen. Aber als mir diese Bedenken kommen, ist Paula längst restlos von meinem Vorschlag begeistert, sagt: „Auja“ und schlägt mir auf den Oberschenkel.
Ich sitze in der Straßenbahn am nächsten Tag und sehe aus dem Fenster. Ein altes Haus reiht sich an das nächste, an der einen Haltestation küsst ein Mann eine Asiatin, die einen langen Rock trägt und ich denke: Das habe ich noch nie gesehen, Asiatinnen die lange Röcke tragen. Und schon geht es weiter, Schienengeratter, ein Radfahrer überholt uns auf einem roten, alten Rennfahrrad, er trägt keine Handschuhe, er friert bestimmt. Als ich aussteige, denke ich an das Wochenende und dass Jan bald mal vorbeikommen soll, auf ein Glas Wein oder Orangensaft. Dann würde ich ihn fragen, ob wir mal wieder wegfahren, vielleicht über Pfingsten, das ist zwar noch lange hin, aber das wäre doch etwas.
Ich erzähle Paula abends davon und sie schweigt und seufzt, dann sagt sie: „Als ich Jan küsste, da waren seine Augen grün wie Moos und ich sagte ihm das und er freute sich nicht.“
Und dann schweige ich und sage: „Paula, ich muss mich hinlegen.“ Und Paula sagt: „In Ordnung.“
Ich sitze im Bett dann und denke nicht, nicht an Jan und nicht an Paula. Auf der Seite liegend schlafe ich ein und wache ebenso wieder auf. An der Haltestelle stehe ich neben einem Kind mit einem Ballon, Paula ruft an, ich sage: „Noch zwölf Minuten, dann bin ich da.“