(damals im) Juli.

(irgendwann im Juli, diesem seltsamen Monat, in dem man Eis an den falschen Tagen aß, da schrieb ich das:)

Es ist die Woche der überlebenden Tiere. Am Montag sprang ein Fisch aus dem Aquarium, fiel hinter dem Regal hinunter und erst als wir ihn für eine Maus hielten und über die wahre Identität des japsenden Dinges zwischen den Staubbergen erschraken, wurde er gerettet. Der Fisch trug Flusen, als er wieder, sichtlich schockiert über das eben Erlebte, zwischen seinen Aquariummitbewohnern herumschwamm, er atmete schnell und für kurze Zeit schwamm er rückwärts.

Dann dienstags: Eine Motte im Karlsplatzbrunnen. Und C. und ich die sie herausfischen. Und die Motte, die weiterfliegt und der Sommer der kurz da ist und sich auch so anfühlt. Ich sage: Ich sollte mir die Tiere zum Vorbild nehmen und fahre dann nachhause, eingezwängt in der Ubahn zwischen einer 10köpfigen Skateboardergang von denen mindestens die Hälfte lange Korkenzieherlocken hat und mindestens einer Gonzales heißt. Später ein junger Mann in der Straßenbahn neben mir, der Mokassins trägt und sich bei einer jeden Kirche an der wir vorbeifahren bekreuzigt.

Jetzt ist also der Juli bald rum, denke ich und seufze laut. In meinem Zimmer stapeln sich schon wieder die Kisten, ich habe das Gefühl, das hört niemals auf. Ich trinke zuviel Kaffee und wenn ich das nicht tue, trinke ich Cola. Das habe ich 27 Jahre lang nicht gemacht. Ich wünschte, es gäbe einen Namen für diese verregneten Tage mitten im Juli. Ich wünschte, ich könnte ihn dir beibringen. Es wäre ein weiteres Wort auf der langen Liste der Ausdrücke von denen ich mir einrede, dass sie uns gehören. Vielleicht sollte ich dir davon einmal erzählen, aber vielleicht lachst du dann auch wieder nur und sagst: Du nimmst das alles viel zu ernst.

Ich habe einen roten Fleck auf dem Oberarm, der geht auch nicht weg, wenn ich draufdrücke. Im Unterricht sitze ich in der Ecke und mache es trotzdem. Die Schüler erzählen über ihre Traumhäuser und später gehen sie in ihre kleinen Wohnungen, die alle skizziert sich auffällig ähneln und ich bleibe noch ein wenig im Raum sitzen, wische die Tafel und denke ohne Unterlass das gleiche Wort.

Ich habe viele Briefe angefangen, in den Minuten, die ich vor dir wach war. Ich habe keinen fertiggeschrieben. Sie liegen schwer in meiner Tasche und ich weiß nicht was zu tun. Auch schrieb ich an dich, als ich in einem Flugzeug saß und mir sicher war, dass du, würdest du zur richtigen Zeit am nächsten Tag aus dem Fenster eines anderen Flugzeug blicken, genau das gleiche Kraftwerk sehen können wie ich. Und ich schrieb dir auch, als noch Schnee vor dem Fenster lag und du in einer anderen Stadt warst, aus der du mir schriebst, aber nie das, was ich wollte. Wer hätte damals schon an den Sommer gedacht und wenn, dann an etwas anderes als Seenufer und viel zu viel Vanilleeis?

Jetzt aber ist der Sommer da und die Seen weit weg. So wie du, der du in einem anderen Land vielleicht gerade deinen Kopf zu einer Wand drehst, die kühl ist und auch morgen früh noch da. Morgen rufst du dann vielleicht auch wieder an und sagst Dinge die nichts bedeuten und ich sitze am Fenster und versuche den Himmel zu sehen und dir etwas zu sagen, dass bis jetzt nur ein Gefühl ist und für das ich keine Worte habe. Und vielleicht seufzen wir mal wieder im gleichen Augenblick. Das haben wir lange nicht gemacht und ich weiß nicht warum nicht und warum damals schon.

Es gibt da dieses Kinderspiel. Es heißt „Zimma, Kuchl, Kabinett“, manchmal heißt es auch „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm“. Ich wollte dir oft davon erzählen, ich weiß auch nicht wieso. Aber das war nicht so schlimm. Das Problem ist, dass ich gerade nicht mehr weiß, ob ich dir überhaupt noch davon erzählen möchte. Und ich sitze auf dem Boden und die Antwort kommt nicht zur Tür herein und auch nicht durchs Fenster und nachts kriecht sie nicht zu mir ins Bett und morgens stellt sie nicht den Wecker vor mir aus. Und dann denke ich, vielleicht ist das ja auch schon eine Antwort und versuche daraufhin die Frage zu vergessen.

Und das Schlimme ist: All das funktioniert.

—-

(Nach diesem Absatz schrieb ich noch eine Gleichung über die Fische und die Menschen, die aber unschlüssig war und das auch blieb, selbst Tage später, als ich sie nochmals las. Da war immer noch Juli und es regnete ein wenig vor dem Fenster. Ich überlegte wegzufahren. Einen Tag oder zwei. Ich wusste nicht wohin. Ich beschloss es sein zu lassen und packte einen weiteren Karton mit Dingen voll, setzte mich auf das Bett und beschloss in meiner neuen Wohnung wieder damit anzufangen Dinge mit Bleistift an die Wand zu schreiben.

Im Nachhinein wirkt dieser Entschluss albern und wie etwas, dass zu der alten Wohnung gehört und zu diesem Monat in dem schon alles entschieden war, aber man noch nicht im Stande war, das zu artikulieren, nicht aber an diese Wände hier, an denen nun vier Bilder hängen, zu nah beieinander und trotzdem ohne Zusammenhang, über die ich Geschichten erzählen könnte, die vielleicht irgendwann einmal der Wahrheit entsprachen, wenn man an so etwas glaubt. )

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