dort oder da

Ruth, man hat dir so eben die Freundschaft gekündigt. Da vor der U4 Station Pilgramgasse. Ein Mädchen war es, das nicht mehr länger mit dir befreundet sein wollte, es schrie das durch die bereits dunkle Luft. Du hast nicht geantwortet, Ruth. Zumindest solange nicht, bis die Ampel grün war und ich die Straße überquerte und Schritt für Schritt mich der Wohnung näherte, die nun schon seit fast eine Woce die einzige ist, die ich habe.

Es ist schon wieder Ende Oktober, Ruth, man muss sich das mal vorstellen. Vor einem Jahr saß ich in einem Flugzeug und draussen tobte der schlimmste Sturm, der mich dazu brachte eine Nacht in Minneapolis zu bleiben und am Morgen in einem Bus neben einem kleinen Mädchen mit einem Zauberstab zu sitzen. Später dann New York, noch später dann London und irgendwann wieder Wien, wo ich müde einen Film sah in dem Frauen wirr auf der Straße tanzten und D. mit mir ein Zimmer teilte und mich heimkommen ließ, so sehr.

Als ich über die Straße ging und deine Freundschaft zu dem Mädchen formal gesehen schon  gekündigt war, da war mein kleiner linker Fingernagel türkis. Er ist das immer noch. Seit fünf Tagen ist er das schon und wenn ich darüber nachdenke, was von Berlin übrigbleibt und dann auf meine Hände schaue, dann macht mich dieser Umstand ruhig und ich denke an C. und ihr leeres Zimmer und ihre Herzlichkeit, die mich so frohlocken lässt, ein jedes Mal, wenn wir uns wiedersehen.

Frohlocken ist etwas, das sollte man öfters machen. Das sei dir gesagt, Ruth. Und ich hoffe, das nächste Mal, wenn dir jemand etwas vor einer U-Bahn-Station hinterherschreit, dann ist es ein Satz wie: Du bist so schön Ruth, so schön wie noch nie. oder: Lass uns verreisen, Ruth! Nur du und ich. oder: Ruf mich an Ruth, ruf mich an, sobald du zuhause bist.

Und wenn das passiert, Ruth, dann dreh dich kurz um und lächle viel und sei dir gewiss davon an einem Abend in der Zukunft zu erzählen. Sei sie fern oder nah.

Sei sie dort oder da.

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(damals im) Juli.

(irgendwann im Juli, diesem seltsamen Monat, in dem man Eis an den falschen Tagen aß, da schrieb ich das:)

Es ist die Woche der überlebenden Tiere. Am Montag sprang ein Fisch aus dem Aquarium, fiel hinter dem Regal hinunter und erst als wir ihn für eine Maus hielten und über die wahre Identität des japsenden Dinges zwischen den Staubbergen erschraken, wurde er gerettet. Der Fisch trug Flusen, als er wieder, sichtlich schockiert über das eben Erlebte, zwischen seinen Aquariummitbewohnern herumschwamm, er atmete schnell und für kurze Zeit schwamm er rückwärts.

Dann dienstags: Eine Motte im Karlsplatzbrunnen. Und C. und ich die sie herausfischen. Und die Motte, die weiterfliegt und der Sommer der kurz da ist und sich auch so anfühlt. Ich sage: Ich sollte mir die Tiere zum Vorbild nehmen und fahre dann nachhause, eingezwängt in der Ubahn zwischen einer 10köpfigen Skateboardergang von denen mindestens die Hälfte lange Korkenzieherlocken hat und mindestens einer Gonzales heißt. Später ein junger Mann in der Straßenbahn neben mir, der Mokassins trägt und sich bei einer jeden Kirche an der wir vorbeifahren bekreuzigt.

Jetzt ist also der Juli bald rum, denke ich und seufze laut. In meinem Zimmer stapeln sich schon wieder die Kisten, ich habe das Gefühl, das hört niemals auf. Ich trinke zuviel Kaffee und wenn ich das nicht tue, trinke ich Cola. Das habe ich 27 Jahre lang nicht gemacht. Ich wünschte, es gäbe einen Namen für diese verregneten Tage mitten im Juli. Ich wünschte, ich könnte ihn dir beibringen. Es wäre ein weiteres Wort auf der langen Liste der Ausdrücke von denen ich mir einrede, dass sie uns gehören. Vielleicht sollte ich dir davon einmal erzählen, aber vielleicht lachst du dann auch wieder nur und sagst: Du nimmst das alles viel zu ernst.

Ich habe einen roten Fleck auf dem Oberarm, der geht auch nicht weg, wenn ich draufdrücke. Im Unterricht sitze ich in der Ecke und mache es trotzdem. Die Schüler erzählen über ihre Traumhäuser und später gehen sie in ihre kleinen Wohnungen, die alle skizziert sich auffällig ähneln und ich bleibe noch ein wenig im Raum sitzen, wische die Tafel und denke ohne Unterlass das gleiche Wort.

Ich habe viele Briefe angefangen, in den Minuten, die ich vor dir wach war. Ich habe keinen fertiggeschrieben. Sie liegen schwer in meiner Tasche und ich weiß nicht was zu tun. Auch schrieb ich an dich, als ich in einem Flugzeug saß und mir sicher war, dass du, würdest du zur richtigen Zeit am nächsten Tag aus dem Fenster eines anderen Flugzeug blicken, genau das gleiche Kraftwerk sehen können wie ich. Und ich schrieb dir auch, als noch Schnee vor dem Fenster lag und du in einer anderen Stadt warst, aus der du mir schriebst, aber nie das, was ich wollte. Wer hätte damals schon an den Sommer gedacht und wenn, dann an etwas anderes als Seenufer und viel zu viel Vanilleeis?

Jetzt aber ist der Sommer da und die Seen weit weg. So wie du, der du in einem anderen Land vielleicht gerade deinen Kopf zu einer Wand drehst, die kühl ist und auch morgen früh noch da. Morgen rufst du dann vielleicht auch wieder an und sagst Dinge die nichts bedeuten und ich sitze am Fenster und versuche den Himmel zu sehen und dir etwas zu sagen, dass bis jetzt nur ein Gefühl ist und für das ich keine Worte habe. Und vielleicht seufzen wir mal wieder im gleichen Augenblick. Das haben wir lange nicht gemacht und ich weiß nicht warum nicht und warum damals schon.

Es gibt da dieses Kinderspiel. Es heißt „Zimma, Kuchl, Kabinett“, manchmal heißt es auch „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm“. Ich wollte dir oft davon erzählen, ich weiß auch nicht wieso. Aber das war nicht so schlimm. Das Problem ist, dass ich gerade nicht mehr weiß, ob ich dir überhaupt noch davon erzählen möchte. Und ich sitze auf dem Boden und die Antwort kommt nicht zur Tür herein und auch nicht durchs Fenster und nachts kriecht sie nicht zu mir ins Bett und morgens stellt sie nicht den Wecker vor mir aus. Und dann denke ich, vielleicht ist das ja auch schon eine Antwort und versuche daraufhin die Frage zu vergessen.

Und das Schlimme ist: All das funktioniert.

—-

(Nach diesem Absatz schrieb ich noch eine Gleichung über die Fische und die Menschen, die aber unschlüssig war und das auch blieb, selbst Tage später, als ich sie nochmals las. Da war immer noch Juli und es regnete ein wenig vor dem Fenster. Ich überlegte wegzufahren. Einen Tag oder zwei. Ich wusste nicht wohin. Ich beschloss es sein zu lassen und packte einen weiteren Karton mit Dingen voll, setzte mich auf das Bett und beschloss in meiner neuen Wohnung wieder damit anzufangen Dinge mit Bleistift an die Wand zu schreiben.

Im Nachhinein wirkt dieser Entschluss albern und wie etwas, dass zu der alten Wohnung gehört und zu diesem Monat in dem schon alles entschieden war, aber man noch nicht im Stande war, das zu artikulieren, nicht aber an diese Wände hier, an denen nun vier Bilder hängen, zu nah beieinander und trotzdem ohne Zusammenhang, über die ich Geschichten erzählen könnte, die vielleicht irgendwann einmal der Wahrheit entsprachen, wenn man an so etwas glaubt. )

This picture is the proof

This picture is the proof:

Once I stood near the pacific ocean and looked into a book while a boy on a skateboard drove past me and I didnt even notice him. I had sand in my shoes, I had memories in my head, later on I sat in a car and constantly tried to find words for this city that I didnt feel even if I breathed in so deep that I thought for one moment my lung would explode.

This picture is the proof:

Once I stood next to a house and my hair was shorter than it is now. I wore a blue jacket, that I had bought a week earlier in the first foreign city that I claimed to be mine. I slept in a small bed next to an unpainted wall where I couldnt hear the ocean but imagined I would. It took more than half a year till I slept in such a small bed again that wasnt mine but yours. In a room that was furnished just a bit more than the one next to the ocean. I never told you that. I never thought about this till now.

This picture is the proof:

Once I was a woman at the age of 26 years and 121 days. I was as far away from home as I had never been before. I carried all my important belongings in a grey bag that day which I would lose just months later.  I thought about this city far away which I wasnt able to call the place I belonged to back then. I thought about that a lot and I knew I had to leave right after my return. I knew my heart would break for unnumerous reasons if I didnt do so. I was right. I just didnt realise that moving to this other city wouldnt help a bit.

This picture is the proof:

The most beautiful light blue shoes are mine. I bought them in Cologne while I was waiting for G. a long time ago. I havent wore them for some months now. I should start doing that again. I should also wear this blue trousers again, roll them up a bit and pretend the summer is not about to leave. My feet were still a bit wet from this ocean I walked in for the first and last time this day. I thought by myself: Two oceans in less than two years. I thought by myself: I am a lucky girl.

This picture is the proof:

365 days pass in a second and still there is so much time to fail, to win, to lose, to survive and wake up after a short or longer sleep and think for a short second: Everything is in its right place. Oh how much I moved myself in these days. Oh how much I was angry at myself that I am not able to call anything my home. Oh how I hated and was excited about all these new places I tried to make mine at the same time. 365 days and I realized: the difficult thing is not to move. The difficult thing is to stay. I realized: my heart is where my home is and not the other way round. I realized: I am not good at running away. I realized: Its all ok. Its all just fine. But you dont have to know that all the time. I realized that waiting at a red traffic light, underneath a sky that was already getting dark and on my way to a house of which I still remember the name on the doorbell and the number of the steps that lead to one door.

(This picture is the proof: Once I woke up in L.A.. I went to the beach. I looked in a book. A guy on a skateboard drove by. I didnt notice him at all. I wore a blue jacket, blue trousers, blue shoes. Everything I wished the following year to be didnt happen. Everything I wished the following year to be still became true. That’s how it is. I still dont know how to explain it. I still just know: I am not ready yet. Not finish. Not a bit.)