Once VI

Once J. and I sat in front of a screen and looked at pictures of old, sad and already dead people. It was night in front of the window. It was autumn in front of the window. It was less than a week till he was about to leave the town to see all these places the old, sad and already dead people never saw. I tried to imagine how the people felt when they watched their own sadness projected on a white wall while they drank tea and ate cookies and talked about nothing at all. Did it embarrass them? Did it make them sad? Did they have to look away and ask their visitors if they might want some more food or tell them, that actually the weather was really nice that day? Or did they not notice it at all? Did they look at the pictures with the same sad faces as their picture-selves were starring at them? I wondered if in their memory the days were beautiful, happy days and they were irritated when they had to face that being on holidays, celebrating birthdays and christmas did not help at all to cover their inner feelings. And I wondered if the only way they could find sleep that night was to turn their backs to each other and while staring at the wall for these unbelievable long minutes before sleep finally protected them from their own thoughts.

J. and I ate pumpkin that day. We are good at doing so. We drank wine and sturm. We talked about places far away and places too close. We said the right things and were silent in the right moments. We once looked at each other and I realised: We don’t have anything in common with the old, sad and already dead people.

Needless to mention that I slept very good that night.

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Im Blick zurück

Da saß ein Mann vor Dora im Auto, der nichts dabei hatte außer einem gigantischen Strauß Rosen. Er sprach wenig und er enttäuschte sie in seiner Aufmachung, in seiner Statur, in der Art und Weise wie er einen anblickte, als sie mitten in Tschechien kurz an einer Tankstelle hielten. Sie dachte bis dahin, dass Männer die mit nichts außer einem gigantischen Blumenstrauß verreisen, ohne  Zweifel und ohne Widerspruch automatisch zu ihren Helden gehören würden. Einzusehen, dass dem nicht so sei, war nur eine der schmerzhaften Tatsachen, die Dora an diesen und an den kommenden Tagen noch lernen musste.

Es war bereits kalt vor dem Fenster und außer dem Mann und ihr saßen noch drei andere Menschen in diesem viel zu kleinen Auto. Das Mädchen neben ihr aß Butter mit Brot, sie tat dies, indem sie zuerst von der Butter abbiss und dann vom Brot, sie hatte wilde Locken und sprach in einem seltsamen Dialekt. Sie bat mitten in der brandenburgischen Einöde aussteigen zu dürfen, weil dort jemand auf sie wartete, der das Leben von Enten erforschte und immer wenn sie ihren Namen sagte, dann klang es so, als hätte er ein N zuviel. Dann noch dieses andere Mädchen, eine beliebige Künstlerin, die meisten aus dem Fenster blickte und dann dieser Fahrer, den niemand von ihnen mochte, der sie in dieses Auto gepfercht hatte unter Vorspielung falscher Tatsachen und auf den sie trotzdem angewiesen waren. Dora war die letzte, die am Ende mit ihm noch in diesem Gefährt saß. Sie brachte ihn dazu sie durch die halbe Stadt zu fahren, so dass sie schließlich nur noch 5 Gehminuten von ihrem eigentlich Ziel entfernt war. Er murrte etwas vor sich hin und Dora ignorierte es, die Scheiben waren beschlagen, sie dachte: Vielleicht darf ich Schnee sehen, bevor ich wieder fahre. Dieser Gedanke machte sie ruhig und sie vergaß für kurze Zeit, dass all die Antworten auf die Frage warum sie den weiten Weg in diese Stadt auf sich genommen hatte, Lügen gewesen waren, dass die einzige Wahrheit, die Dora sich jedoch noch nicht eingestehen konnte war: Um diejenige sein zu können, die als erstes geht.

Aber das mit dem Gehen klappte dann doch nicht so gut. Und Dora fand sich nur wenige Tage später mitten in der Nacht heulend unter einer Straßenlaterne wieder, sie fand sich mit zusammengeschnürtem Magen in einem Bett, das plötzlich anders roch, sie fand sich an einem Tisch gegenüber einer Person, in deren Augen nun ein anderes Gefühl wohnte, sie fand sich in einem Buchladen, in dem sie aus Verzweiflung vier Bücher kaufte und keines je ganz las und sie fand sich oft in der Nähe eines Mundes, von dem sie plötzlich nicht mehr wusste, wie er zu küssen sei.

Dass all dies passieren würde, wusste Dora bereits zuvor, aber da war dennoch diese irrationale Hoffnung, dass alles anders wäre, würde man sich nur von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen. Als würde diese körperliche Präsenz all die Zweifel auslöschen, die jedoch keine körperlichen waren. Als würden gemeinsame Frühstücke und die Möglichkeit während des Schlafens die Stirn an die Schulter des anderen zu legen irgendetwas retten, das bereits verloren gegangen war. In den Wochen der Abwesenheit, in den Wochen, in denen man alleine am Fensterbrett saß und dann die erste Kürbissuppe nur für sich selbst kochte und dem anderen nur davon erzählen konnte und irgendwann plötzlich nicht einmal mehr das.

Sie weiß noch wie es war am Schreibtisch zu sitzen und dem anderen durch das Fenster beim Rauchen zuzusehen und sie weiß noch, wie sich die Blicke dabei nicht mehr trafen und sie weiß noch, wie ihr schlecht davon wurde und sie es trotzdem nicht wagte anzusprechen und es dann doch tat und froh war, dass der Film, der währenddessen im Fernsehen lief ein schlechter war, weil sie wusste, sie könnte ihn nie wieder zu Ende ansehen. Alles was daraufhin folgte dauerte viel zu lange. Die Worte zogen sich plötzlich über die doppelte Anzahl von Sekunden dahin, die Nächte mit ihrer Dunkelheit wollten kaum noch enden, der Regen tropfte in einer unausstehlichen Langsamkeit vom Himmel und der Mann und Dora gingen durch Straßen, an deren Ende sie nicht mehr glaubte.

Als Dora Tage später in einen Zug einstieg und ihn versuchte über die Schulter eines Chinesen hinweg zu küssen, als sie sich versprachen, dass vielleicht doch alles gut werden könnte, als der Zug losfuhr und das für einen kurzen Moment in Ordnung war, da fiel ihr wieder ein, dass sie immer noch keinen Schnee gesehen hatte und sie blickte auf ihre Schuhe, blickte dann aus dem Fenster und dann zur Seite und nirgends war der Mann und es roch auch nichts nach ihm und niemand der ihr auf dieser längsten Zugfahrt ihres Lebens begegnete hatte seine Stimme. Im nördlichen Niemandsland von Tschechien schließlich ging sie in den Speisewagen und bestellte sich ein Glas Rotwein. Der Zug schwankte ein wenig und der Wein war zu trocken für ihren Geschmack, der Kellner trug eine hässliche Uniform und Dora zählte eine Zeit lang die Straßenschilder vor dem Fenster mit. Es waren 34 bis zur nächsten Station an der eine Frau einstieg, mit wild geschminkten Augen und einer Frisur wie aus einem anderen Jahrzehnt.

Dora stellte sich vor, dass die Frau im Abteil warten würde, sobald sie hier endlich den Wein gezahlt hatte und sich dorthin zurückbegab. Die Frau würde nach einem billigen, süßen Parfum riechen und ihren Rock oft glatt streichen. Sie würde nicht in Prag aussteigen, sondern in der Stadt die danach kommen würde und deren Namen Dora sich immer noch nicht merken konnte und einmal würden sich kurz ihre Knie berühren und sie würden beide erschrecken und dann doch nichts sagen. Aber die Frau wartete nicht in dem Abteil und Dora sah sie auch nicht am Bahnsteig der Stadt die nach Prag kam und so schlief sie ein und träumte von einem Mann in Pluderhosen, der zwei Stockwerke unter ihr lebte und ihr Briefe schrieb, in denen er sie beschuldigte, die Ketten der Fahrräder im Hof aufzubrechen. Der Mann hatte feuerrotes Haar und eines Tages musste sie ihn dabei beobachten, wie er als Revanche ihr Fahrradschloss aufbrach und in Windeseile und ohne auf ihr Schreien zu hören davon fuhr und nie wieder zurückkam.

Dora wachte auf, kurz vor Wien. Sie blickte aus dem Fenster, vor dem es nun bereits dunkel war. Sie sah immer noch keinen Schnee und weinte daraufhin zwei Minuten lang, bevor sie aufstand, ihren Rucksack von der Gepäcksablage nahm und beschloss, jedes Mal wenn sie von diesem Tag erzählen müsste, erst von den Chinesen an dem einen Bahnhof und dann von der Frau an dem anderen Bahnhof zu berichten und schließlich vom Schnee der nicht da war und dann vielleicht, ein wenig, nur ganz kurz, in weniger als 7 Sätzen von diesem Mann, der schon längst wieder in seine Wohnung zurückgekehrt war und  auf dessen Nachtkästchen sie eine Kette zurückgelassen hatte. Ein wenig aus Trotz.

Der Zug hielt und Dora stieg als erstes auf. Sie blickte auf dem Bahnsteig nach links, sie blickte nach rechts. Sie sah kein einziges ihr bekanntes Gesicht. Noch Jahre später erinnerte sie sich an die Erleichterung, die genau in diesem Moment, genau in diesem Augenblick für eine kurze Zeit über sie hereinbrach.

Nico

This is the place where Nico is buried. Eva and I visited her on one of my last days in Berlin. It was cold but the snow was gone. Later on we went to a strange restaurant and looked at abandoned plastic animals. After that we took a bus home that only old people shared with us.

There is a picture of Nico on which she stands behind a bowl filled with oranges and bananas. Eva sent it to me and wrote: ‚Back then they had no interesting fruits.‘ Reading this sentence you might understand why I like her so much.

(I wonder how Nico’s funeral was like. If Lou Reed and all the others came to Berlin and walked through this forrest that seems to be neverending. I wonder which songs were played and how it sounded and I wonder who was the first person who came there and drank a bottle of wine next to the grave. For some reasons I think it was at a bright night and the person thought he’d always remember.)

If you ever think about going to Berlin you should all make this journey to this old and lonely graveyrad in the middle of the forrest. Next to Nico you could also visit some nameless russians who killed themselves because they couldnt cope with the end of the tsar regime, or the small gravestones of four children who all died at the day before Christmas in the early eighties or the grave of Minna Braun who was declared dead twice.

Or look for the grave of Lilo. Whoever she has been someone woke up once and his first thought was about her.