Liposchka

Aber sag, Lipotschka, sag, wie geht das jetzt weiter? Wie werden die Sonntage werden, die du alleine aufwachst, in einem Bett, dass du wieder besseren Wissens eine Höhle nennst und in dem du deinen Kopf gegen die Wand schlägst des Nachts und es nicht bemerkst? Wirst du den Kaffee weiterhin ohne Zucker trinken, die Tassen zwei Tage zu lange stehen lassen und abends, wenn das Telefon läutet oft laut lachen und hoffen, dass die Nachbarn es hören? Du sagst, es ist alles wohlüberlegt, in alle Richtungen, besonders in die gen Osten, weil dort die Dohlen tiefer fliegen, die Dohlen und die Raben auch. Das hast du gelesen, einmal, da war der Himmel komisch rot und später lag dein Kopf auf einem Bauch und du hattest Angst, all dies könnte immer so weitergehen. Und dann hast du das auch gesagt und keiner hat dich verstanden und am nächsten Tag war immer noch alles gut und du grubst deine Fingernägel in die Handflächen und fuhrst mit dem Fahrrad gegen die Einbahn und riefst diese Nummer in deinem Telefonbuch an, von der du einfach nicht eruieren konntest, wem sie gehörte. Ein Mann hob ab, er sagte: Das ist ja eine Überraschung. Du sagtest: Ja und dass es dir Leid täte. Dann hast du aufgelegt und die Nummer gelöscht.
So jedenfalls hast du es erzählt, Liposchka. Deine Lippen waren rot, deine Zehennägel auch. In einer anderen Stadt wohnte jemand, der vor dem Schlafen an dich dachte und der dir manchmal Briefe schrieb. Immer mit einem Wort zuwenig. Immer mit einem Wort zuviel. Du trugst dein Haar oft offen, du lagst an diesem Fluss. Die Menschen gingen an dir vorbei und blickten dich nicht an. Einmal lag ein Mann neben dir und du dachtest, es wäre etwas Wahres dran. Einmal lag ein Mädchen neben dir und du flochtest ihm drei Zöpfe ins Haar und nanntest es Rapunzel.

Liposchka, ach Liposchka. Da war dieser Tag im Winter und du schautest aus dem Fenster. Ein halbes Jahr später erzähltest du noch davon, aber keiner verstand und du verzogst deinen Mund, wie du es als Kind schon getan hast und nicktest ein wenig zu lang. Der Sommer verging, die Blätter fielen von den Bäumen und in einem Wald küsstest du jemanden nur in Gedanken. Es gibt ein Foto von diesem Nachmittag, du hast deine Arme um deinen Bauch geschlungen, du blickst in den Himmel und der Mann neben dir trägt die Haare so, als wäre er 15 Jahre jünger als er es tatsächlich war. Und lange Zeit danach, da spracht ihr zum dritten Mal nicht mehr miteinander, da erzähltest du noch immer von dieser Frisur. Als wäre es eine Entschuldigung, als wäre es eine Erklärung, als wäre es tatsächlich von Bedeutung.
Aber was ist schon von Bedeutung, Liposchka? Dass es immer weiter geht? Dass du nicht mehr zurückblicken willst und es dennoch tust? Dass die Decke wieder in der Schublade verstaut ist und es auch erstmals bleibt? Dass du am Fenster standest und weintest und dann aber sagtest: Das ist alles nicht so schlimm. ? Wir leben in einer Zeit Liposchka, da ändern sich die Dinge schnell und selten mit Bedacht. Die Romantik die du versuchst aus längst vergangenen Jahrhunderten rüberzuretten, sie interessiert doch nicht mal mehr dich selbst. Und dann sitzt du in Kaffeehäusern und starrst alte Pärchen an, die nebeneinander sitzen und die Wand gegenüber anstarren und später rufst du an und sagst:

Ich habe jetzt alles verstanden. Ich habe alles verstanden jetzt.

Du hast dem Kellner extra viel Trinkgeld gegeben, du hast die alten Menschen auch bein Hinausgehen noch angestarrt. Du eiltest durch die Gassen und dachtest schon wieder darüber nach die Stadt zu verlassen. Doch dann gingst du doch nach Hause und wähltest eine Nummer und sprachst davon, was für dich keine Wahrheit war, noch nicht. Deine Beine waren dabei angewinkelt, dein rechter Arm hing vom Sofa, auf dem Tisch standen drei Gläser, die von einem Abend berichteten, der irgendwann einmal von Bedeutung sein sollte und vor dem Fenster ließ der Regen langsam nach. Du hast an die Decke gestarrt, da wohnte einmal eine Spinne und dich dann zur Seite gedreht, das Telefon weggelegt und gedacht, dass das Glück bestimmt nicht weit weg wohnt. Vielleicht auch nur eine Straße entfernt oder zwei. Vielleicht vier Stationen mit der Ubahn oder im Supermarkt um die Ecke.

Und Liposchka: Du hattest Recht. Du hattest wirklich Recht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s