Halbwertszeit

Das ist immer alles halb. Das ist nie ein ganzes. Das ist ein Gehen und ein Kommen. Ein Sitzen am Bettrand, Teetrinken, ein Warten auf ein weiteres Drittel, ein Viertel, ein Warten, dass du dich bewegst oder mich. Oder ich dich oder darauf, dass ich das Fenster öffne, die Fassade runterklettere und dir eine lange Nase zeige.
Das sind immer diese Küsse. Auf der offenen Straße, vor den fremden Gesichtern. Das sind immer diese Tänze bei denen die Körper nicht miteinander sprechen. Das bist immer du, der Charme hat, wenn er lacht. Das bist immer du, der geht und nie bleibt. Der sich einnistet in den falschen Momenten.
So war das nicht besprochen. Ich bin nicht hier um mein Herz zu brechen. Ich gehe wieder weg, hörst du? Ich bleibe keinen Tag länger hier, nicht wegen dir, nicht wenn du weiter nicht ganz bist, wenn du weiter am Bettrand sitzt. An Sonntagen tust du das, ich esse Flammkuchen, ich esse ihn dir weg. Gemeinsam gehen wir zum Auto, wir fahren ins Sauerland, wir fahren und sprechen kein Wort. Später sagst du, du hättest Hunger auf einen halben Flammkuchen. Ja Himmelherrgott, möchte ich rufen, genau das ist das Problem.

Es ist halb wenn du kommst. Halb wenn du gehst. Halbmond, Halbnacht, Halbschlaf, Halbschatten. Dein Gesicht hat eine Kontur an meiner Wand, ich erkenne sie nicht. Ich blicke dich an, mit meiner Hand auf deinem Rücken. Ich will mein linkes Bein über dich schwingen, ich will auf deinem Becken sitzen. Ich will dabei sagen: Jetzt hör mal zu, jetzt schau mich an. Morgens bist du dann immer irgendwie schon weg.

Ich gehe nach Berlin, nach Utah, zurück nach London. Ich gehe, ich bleibe nicht hier. Auf Fotos die ich dir schicke, scheint die Sonne, esse ich Eis. Ich kehre zurück zu Banalitäten, zu denen, die sich einnehmen lassen mit Haut und Haar.
Vermiss mich dann bitte ein wenig. Vermiss mich und sage es mir. Iss die zweite Hälfte Flammkuchen, sitze am Fenster, sei ehrlich.

Geduld ist nicht essentiell, du irrst dich.

(2009. als die Monate denen 2011 glichen aber das noch nicht wussten)
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Früher einmal für P.

Jetzt kommen sie wieder
die Tage die ohne dich sind
die Nächte, zwei Stunden zu lang

weißt du wie warm die Nachmittage sind
die ich verbringe nur mit mir?
ich sitze an Brunnen, ich schreibe ein Lied
der Himmel zieht seine Bahnen
du bist nicht da.

Geliebter, all das wollte ich:
ein Jauchzen am Gitter des Löwenkäfigs
ein Foto mit dir und dem Pinguin
Auch wollte ich in dieser Bank versinken
in einem verrauchten Café

Ich hätte den Rauch deiner Zigarette
eingeatmet
nur weil er zuvor deinen Mund verließ
ich hätte meinen Arm ein wenig mehr gestreckt
bis meine Finger schlafend in deinem Nacken liegen

Ich wollte deinen Rücken sehen
der scheppernd die Straße runterfährt
Daheim:
ein Ring aus deinem weißen Haar

Nördlich will ich sein, Geliebter
Nördlich in deinen Armen ist mein Hafen
ich schlafe ein, kommt eine Flut

Sind wir Bäume am Wegesrand?
Sind wir Lieder geschrieben in Dur?
Geliebter, dein Name
er klingt wie ein Psalm
sage ich ihn abends vor mich hin

Man sagt, als ich dich sah
war der Mittwoch gerade vorbei
und wir standen auf Stufen
du reichtest mir die Hand

Eine Hand und ein Name
eine Stunde und ein Tag
ein Glas mit Wein und deine Stimme
Ich erahnte: da steht sie, die große Liebe
genau in diesem Moment.

Liposchka

Aber sag, Lipotschka, sag, wie geht das jetzt weiter? Wie werden die Sonntage werden, die du alleine aufwachst, in einem Bett, dass du wieder besseren Wissens eine Höhle nennst und in dem du deinen Kopf gegen die Wand schlägst des Nachts und es nicht bemerkst? Wirst du den Kaffee weiterhin ohne Zucker trinken, die Tassen zwei Tage zu lange stehen lassen und abends, wenn das Telefon läutet oft laut lachen und hoffen, dass die Nachbarn es hören? Du sagst, es ist alles wohlüberlegt, in alle Richtungen, besonders in die gen Osten, weil dort die Dohlen tiefer fliegen, die Dohlen und die Raben auch. Das hast du gelesen, einmal, da war der Himmel komisch rot und später lag dein Kopf auf einem Bauch und du hattest Angst, all dies könnte immer so weitergehen. Und dann hast du das auch gesagt und keiner hat dich verstanden und am nächsten Tag war immer noch alles gut und du grubst deine Fingernägel in die Handflächen und fuhrst mit dem Fahrrad gegen die Einbahn und riefst diese Nummer in deinem Telefonbuch an, von der du einfach nicht eruieren konntest, wem sie gehörte. Ein Mann hob ab, er sagte: Das ist ja eine Überraschung. Du sagtest: Ja und dass es dir Leid täte. Dann hast du aufgelegt und die Nummer gelöscht.
So jedenfalls hast du es erzählt, Liposchka. Deine Lippen waren rot, deine Zehennägel auch. In einer anderen Stadt wohnte jemand, der vor dem Schlafen an dich dachte und der dir manchmal Briefe schrieb. Immer mit einem Wort zuwenig. Immer mit einem Wort zuviel. Du trugst dein Haar oft offen, du lagst an diesem Fluss. Die Menschen gingen an dir vorbei und blickten dich nicht an. Einmal lag ein Mann neben dir und du dachtest, es wäre etwas Wahres dran. Einmal lag ein Mädchen neben dir und du flochtest ihm drei Zöpfe ins Haar und nanntest es Rapunzel.

Liposchka, ach Liposchka. Da war dieser Tag im Winter und du schautest aus dem Fenster. Ein halbes Jahr später erzähltest du noch davon, aber keiner verstand und du verzogst deinen Mund, wie du es als Kind schon getan hast und nicktest ein wenig zu lang. Der Sommer verging, die Blätter fielen von den Bäumen und in einem Wald küsstest du jemanden nur in Gedanken. Es gibt ein Foto von diesem Nachmittag, du hast deine Arme um deinen Bauch geschlungen, du blickst in den Himmel und der Mann neben dir trägt die Haare so, als wäre er 15 Jahre jünger als er es tatsächlich war. Und lange Zeit danach, da spracht ihr zum dritten Mal nicht mehr miteinander, da erzähltest du noch immer von dieser Frisur. Als wäre es eine Entschuldigung, als wäre es eine Erklärung, als wäre es tatsächlich von Bedeutung.
Aber was ist schon von Bedeutung, Liposchka? Dass es immer weiter geht? Dass du nicht mehr zurückblicken willst und es dennoch tust? Dass die Decke wieder in der Schublade verstaut ist und es auch erstmals bleibt? Dass du am Fenster standest und weintest und dann aber sagtest: Das ist alles nicht so schlimm. ? Wir leben in einer Zeit Liposchka, da ändern sich die Dinge schnell und selten mit Bedacht. Die Romantik die du versuchst aus längst vergangenen Jahrhunderten rüberzuretten, sie interessiert doch nicht mal mehr dich selbst. Und dann sitzt du in Kaffeehäusern und starrst alte Pärchen an, die nebeneinander sitzen und die Wand gegenüber anstarren und später rufst du an und sagst:

Ich habe jetzt alles verstanden. Ich habe alles verstanden jetzt.

Du hast dem Kellner extra viel Trinkgeld gegeben, du hast die alten Menschen auch bein Hinausgehen noch angestarrt. Du eiltest durch die Gassen und dachtest schon wieder darüber nach die Stadt zu verlassen. Doch dann gingst du doch nach Hause und wähltest eine Nummer und sprachst davon, was für dich keine Wahrheit war, noch nicht. Deine Beine waren dabei angewinkelt, dein rechter Arm hing vom Sofa, auf dem Tisch standen drei Gläser, die von einem Abend berichteten, der irgendwann einmal von Bedeutung sein sollte und vor dem Fenster ließ der Regen langsam nach. Du hast an die Decke gestarrt, da wohnte einmal eine Spinne und dich dann zur Seite gedreht, das Telefon weggelegt und gedacht, dass das Glück bestimmt nicht weit weg wohnt. Vielleicht auch nur eine Straße entfernt oder zwei. Vielleicht vier Stationen mit der Ubahn oder im Supermarkt um die Ecke.

Und Liposchka: Du hattest Recht. Du hattest wirklich Recht.

Einmal

Einmal im Winter, da hattest du einen gestreiften Pullover an und standest in der Kueche, in der ich auch stand und versuchte dich nicht anzublicken. Du hast Tomaten geschnitten, ich hatte meine Hände in meinem Ärmeln versteckt. Es schneite nicht mehr, es war immer noch kalt. Ich dachte, ich gehe dann gleich und wollte es dir sagen, in einer Minute, vielleicht in zwei, maximal in fünf. Aber alles was ich machte war bis zehn zu zählen. Immer wieder bis zehn zu zählen.

Bis zum heutigen Tag hat sich das nicht geändert.