Ich begegnete

Einer 10-köpfigen Skateboardgang, von denen mindestens vier lange Korkenzieherlocken hatten und einer Gonzales hieß.

Einem jungen Mann, der Mokassins trug und seinen Pullover um die Schultern und der sich bei einer jeden Kirche bekreuzigte.

Einem Zeitungsverkäufer, der unablässig seinen Hochzeitsring drehte.

Einem jungen Paar, das sich vor der Karlskirche küsste, während sie auf Zehenspitzen stand und sein Gesicht in ihren Händen hielt.

Einem übergewichtigen Mann, der den Rosenkranz aus einem in kyrillischen Buchstaben geschriebenen Buch rezitierte und dabei unaufhörlich mit dem Oberkörper wippte.

Einer älteren Frau, die erklärte: So ein Unwetter habe ich noch nie erlebt. Und ich lebe wahrlich schon lange. (Wie oft sie das wohl schon sagte, fragte ich mich und lächelte sie an.)

Einem zweijährigen Mädchen, das seine Wangen aufblies und sich hinter einem Mauervorsprung versteckte.

Einem Mann in einer Bibliothek, der auf sein Telefon starrte und es dann weglegte.

Einer Familie die sich auf dem Weg zum Kongress der Zeugen Jehovas über das Mittagessen des nächsten Tages unterhielt.

Ein altes Paar, das im Bus Händchen hielt und sich Kussmünder zuwarf, nachdem die Frau ausgestiegen war.

Ein Mann in meinem Alter, der in der Ubahn Tolstoi las, die Rolltreppen genau im gleichen Tempo hochging wie ich und mich danach anlächelte, als würden wir ab diesem Moment ein Geheimnis teilen, von dem niemand etwas weiß, außer wir.

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Die Katze

Heute Früh sprang die Katze plötzlich vom Tisch. Ich saß auf dem Boden und sah ihr dabei zu. Sie tat dies in einem Moment, in dem ich gerade ein Wort schrieb, das mit „sch“ beginnt. Die Katze hat das glaube ich nicht interessiert.

Die Katze und ich sind ein gutes Team. Putze ich meine Zähne, streicht sie um meine Beine, so bleiben sie warm. Manchmal hebe ich sie danach hoch und wir blicken beide in den Spiegel. Ich blinzle ihr zu, weil ich gelesen habe, dass man so Vertrauen zu Katzen aufbaut. Die Katze blinzelt zurück, springt dann aus meinen Armen und rennt davon.

Komme ich abends vollbepackt nach Hause, ist die Katze immer schon da. Sie wartet auf mich unterhalb des Fensters, manchmal döst sie gerade. Ich klappere mit dem Löffel gegen die Futterdose und die Katze wacht auf. Es könnte auch sein, dass sie gar nicht wirklich wartet, das wäre nicht weiter schlimm. Ich würde es mir trotzdem einreden und ihren Schwanz entlangstreichen, während sie frisst und dieser sich leicht bewegt. Von links nach rechts und wieder zurück. Nur wenn die Katze ein Geräusch hört, wenn sie aufgeregt ihren Kopf hebt, wenn ihr Körper zuckt vor Anspannung, bewegt er sich nicht. Sie eilt dann zur Fensterbank und knurrt ein wenig, murrt ein wenig. Ein einziges Mal machte ich den Fehler und legte meine Hand auf ihren Rücken in einem solchen Moment. Die Katze wirbelte herum und mit einer verblüffenden Exaktheit rissen ihre Krallen zwei Striche in meinen Handrücken. Eine Woche lang schmückten mich zwei beinahe parallele Schorfe. Hätte mich jemand nach der Ursache gefragt, ich hätte Abenteuerliches erfinden können oder Heldenhaftes, nie jedoch, hätte ich die Katze erwähnt.

Keinen Namen hat die Katze. Kein Name wäre ihr gerecht. Die Katze weiß das und ist mir dankbar für diese Einsicht. Abends kriecht sie unter meine Decke, morgens ist sie ebenso da. Ich weiß nichts über ihr Leben des Nachts, ich träume nur, dass sie auf Bäumen sitzt, Krähen verjagt und Singvögel verschont. Dass sie den Mond ansieht und lautlos gähnt. Zurück im Schlafgemach leckt sie über meine Zehen, schlafe ich zu tief. „Husch, husch“ sage ich dann und die Katze versteht.

Die Katze kam zu mir, durch den Umstand das Kind der Katze meiner Mutter zu sein. Diese Katze, die einen unsäglichen Namen tragen muss und dies bis zu ihrem Tod, gebar an einem Sommertag drei Jungtiere, von denen ich eines rettete vor seinem sonst sicheren Tod durch Ertränken. Reine Willkür war es, die mich diese Katze aussuchen ließ. Wohl überlegt jedoch war die Entscheidung dieses zu tun. Endlich ein Lebewesen, dachte ich, das klug ist seit dem Moment seiner Geburt, dem ich nichts zu lehren habe und das mir bis an sein Lebensende dankbar sein muss. Die Katze tut so, als wisse sie von dieser Aufgabe nichts. Manchmal glaube ich, die Katze ist fast tausendmal klüger als ich.

Die Katze hat einen roten Fleck am Hals. Die Katze ist ansonsten weiß, bis auf eine Pfote, eine schwarze Stiefelpfote. Ihre Schnurrbarthaare sind lang und leicht gebogen. Von ihren neun Leben hat sie noch keines aufgebraucht. Die Katze wird länger leben als ich. Dinge die mir andere über die Katze sagen: Würgst du sie soundso, dann verfärben sich ihre Augen unterschiedlich. Bindest du ihr ein Butterbrot auf den Rücken, kannst du es noch essen, fällt sie auch vom Dach. Der Hund mag die Katze nicht, weil er ihre Körpersprache nicht spricht.

Der Mann hat heute angerufen. Es war kurz nach zwölf, die Katze fing Mäuse. Gut geht es mir, sagte ich. Gut. Der Mann sagte, es gehe ihm ebenso. Ich habe nicht danach gefragt. Ein ganzes Meer zwischen mir und dem Mann. Ein ganzes Meer und eine Handvoll Inseln. Davon erzählte ich der Katze einst, sie schnurrte und hob ihr Kinn. Der Mann ruft immer dienstags an, manchmal bin ich dann nicht zuhause. Das macht nicht viel, schon länger nicht. Auch das erzählte ich der Katze, die mit ihrer Tatze über ihr Ohr fuhr und mich nicht beachtete.

Was für ein schöner Umstand, der Reim zwischen Tatze und Katze. Viel schöner als der mit der Liebe und der mit dem Herz. Einmal versuchte ich ein Gedicht über die Katze zu schreiben, aber es misslang. Weder wollte ich das Wort Tiger benutzen, noch das Wort Samt, nur war mein Kopf voll mit Sätzen die diese Ausdrücke beinhalteten, nach einer halben Stunde gab ich auf. Ich knüllte das Papier zusammen, ich warf es in die Ecke, die Katze sprang auf und lief dorthin.

Sitze ich, dann sitzt die Katze auch. Liege ich, dann liegt die Katze auch. Sie tut dies neben meinen Beinen, das Sitzen und das Liegen. Strecke ich mich, dann sieht sie mich an. Immer schläft die Katze länger als ich. Dinge, die die Katze und ich gemeinsam haben: gerne schlafen wir auf dem Rücken. Morgens haben wir großen Hunger. Gebären werden wir nie. Die Katze nicht, weil ich sie zum Tierarzt brachte, der ihren Bauch aufschnitt und wieder zunähte. Rund um die Narbe verfärbte sich ihre Haut violett, zwei Tage war sie noch benommen und miaute mehr als sonst. Ich hielt ihren Kopf in meinen Händen, ich sagte: Du tapferes Tier, du lieber Fratz. Die Katze gähnte, bald schlief sie wieder ein. Ich legte mich zu ihr, ich entdeckte ein Spinnennetz neben dem Heizkörper. Ich dachte, ich könnte auf die Spinne warten, aber dann dauerte es zu lange und ich verließ das Haus.

Der Mann hat damals gesagt, es solle ein Junge werden. Ein Junge und dann ein Mädchen. Braune Augen, sagte er. So wie du. So wie ich. Der Mann sagte auch, dass man bedenken müsse, dass die Wohnung zu klein werden würde, das Gehalt zu niedrig, die Freizeit zu knapp. Der Mann sah mich an und ich sah weg. Ich will kein Kind, kein einziges, sagte ich. Der Mann verließ die Wohnung. Der Mann kam wieder. Ich blickte immer noch weg. Dann ist der Mann wieder gegangen, bald überquerte er das Meer, bald rief er dienstags an. Er hat die Katze nie gesehen, er weiß nur, dass es sie gibt.

Die Katze ist immer weich, die Katze ist immer rund. Ist die Katze ein paar Stunden zu lange weg, dann warte ich an der Terrassentür und halte Ausschau. Kommt sie zurück, miaut sie froh und blickt mich an. Ich schließe die Tür hinter uns, ich setze mich auf die Couch. Die Katze kommt gelaufen und ich streichle ihren Rücken. Sie gähnt dann, sie reißt ihren Mund auf, ihren Mund mit all den spitzen Zähnen, die Mäuse töten können und Vögel und Schlangen. Einmal legte die Katze mir einen Siebenschläfer unter den Küchentisch, als ich gerade aß. Die Katze, das stolze Tier sah mich an und ich nickte ihr zu. Erst als die Katze schlief, nahm ich eine Schaufel und vergrub den Kadaver im Kompost.

Eine dunkle Stimme hätte die Katze, eine dunkle Stimme und ein dreckiges Lachen, wäre die Katze ein Mensch. Aufrecht sitzen würde sie, aufrecht gehen, ihr Haar über die Schulter werfen ab und an, ihre Augen aufschlagen und die Beine übereinander. Die Katze und ich wären keine Freunde, wir würden uns vielleicht nicht kennen. In der U-Bahn würde ich sie ansehen und die Katze würde wegsehen. Ich wäre neidisch auf ihr Auftreten, die Katze würde das nicht bemerken. Ich denke: Wie gut sie sind, diese Hirngespinste, wie gut und niemals wahr.

Komm, sagt der Mann manchmal. Komm über das Meer und vorbei an den Inseln. Wir könnten neu anfangen, alles überdenken. Es ist warm hier auch im Winter. Ich weiß nie so recht was ich darauf sagen soll. Ich blicke mich nach der Katze um, die sich nicht für das Gespräch interessiert. Die mir böse wäre, würde sie aus anderen Schüsseln fressen müssen, aus anderen Fenstern schauen, auf anderen Betten schlafen. Komm, sagt der Mann. Früher sagte er dies öfters als jetzt. Aber das Fliegen und meine Angst, sage ich. Es gibt auch Schiffe, sagt der Mann. Aber die Katze, sie wäre böse, sage ich. Der Mann beißt sich auf die Lippen, ich kann das hören, der Mann sagt: In Ordnung. Ich sage, ich müsse los.

Manchmal kommt die Katze heim mit einem dicken Bauch. Den hat sie von einem der Nachbarn, der sie füttert, obwohl er das nicht darf. Nicht seine Katze ist es, sondern meine. Katze mit Katzenhaaren, fein und manchmal leicht gewellt. Werde ich müde, ob des Wochenendes, so lege ich mich auf den Boden und sammle die Katzenhaare, die ich auf meinem Pullover finde. Im Winter sind diese länger, im Sommer dünn.

Ich sage: Katze, Katze, du haarendes Vieh. Du törichtes Wesen mit Zehenballen, die schwitzen, fühlst du dich wohl. Du Karikatur deiner Ahnen, du Ding mit leisen Schritten.

Ich denke: Wie schön wir sind. Wie schön und einsam. Wie einsam und schön.

Ta-tamm, ta-tamm

While waiting for the lift that brings me back to the office four floors higher I listen to a machine that sounds like a gigantic heart. I wonder if someone caught a huge whale and the office for „transportel bar systems“ is in reality a secret aquarium where the whale lives alone, heartbroken and watches the people that pass by in front of the window . I’d call the whale Vincent if I once be brave enough to open the door and won’t drown underneath all the water that suddenly floats the whole ground floor and the basement of this building. The whale would look at me and the sound of his heart would get louder and louder. I would ask if I can touch him but the whale would just close its eyes and open them again after five seconds.

„Whale“ I’d say „don’t be sad.“ And I’d tell him about the biggest living thing on earth which is a mushroom that is three times as big as the empire state building. (as i learned yesterday while sitting next to you on a couch in the middle of the night, 34 minutes before we stood on the street and kissed each other in front of a group of turkish boys) „Whale“ I’d say „your heartbeat calms me down.“ „Whale“ I’d say „I wish I could sleep next to you. I wish telling you my fears would make them go away. I wish your heart has the colour of gentian and that you know what gentian is.“

„Whale“ I’d say „I come back tomorrow. I tell you about the park and the hammocks there. I tell you how it feels to hold a hand. I bring you candy and eat it for you. And I tell you about a man who once will only wear white clothes and stand at the beach in Rimini.“

The whale would pretend to sleep till I close the door behind which I’d stand still for another three minutes and just breathe. Breathe in and breathe out. Breathe in and breathe out. The next day the whale would be gone.

He’d taken all my secrets away with him.