Die Mutter

Die Mutter sitzt, sagen wir einfach mal, in einem etwas heruntergekommenen Kaffeehaus am Wiener Gürtel. Sie sitzt an einem Fensterplatz, auf einer stark gefederten Bank, sie trinkt einen großen Mokka und raucht eine Zigarette nach der anderen. Der Kellner kommt ab und an vorbei, er fragt die Mutter, ob sie noch einen Wunsch hat, aber die Mutter lächelt daraufhin nur nervös, sie schüttelt den Kopf, während der Kellner auch schon wieder weg ist, weiter gegangen zum nächsten Tisch, wo ein Mann mit runden Brillen, den Standard lesend einen Toast Hawaii bestellt. Der Kellner sagt: Gnä‘ Herr, so etwas haben wir hier nicht. Ich könnte Ihnen einen Schinken-Käse-Toast anbieten, wenn Sie möchten.“ Und der Herr möchte und bestellt noch eine Melange dazu. Die Mutter hört das alles, aber sie dreht sich nicht um, sie blickt statt dessen beim Fenster hinaus, wo ein Auto nach dem anderen vorbeifährt. Sie blickt hinaus und zieht an ihrer Zigarette. Ihre Strumpfhose hat ein Loch, aber das hat sie noch nicht bemerkt.

Die Mutter sitzt da schon seit einer halben Stunde. Es hatte gerade angefangen zu regnen, als sie durch die Kaffeehaustür hereinkam, sie war schnurstraks auf den Tisch zu gegangen, sie hatte noch bevor sie ihren Mantel ausgezogen hat, sich die erste Zigarette angezündet und zu dem Kaffee hatte sie zwei Gläser Wasser bestellt. Kein Buch hat die Mutter dabei, keine Zeitung liest sie, keine Menschen an den umliegenden Tischen beobachtet sie. Stattdessen blickt sie schon die ganze Zeit aus dem Fenster, sie wirkt dabei angespannt, ihr Augenlid zuckt nervös, ihr Rücken ist gekrümmt.

Die Mutter hat die Haare zu einem Knoten zusammengesteckt. Ein paar Strähnen haben sich gelockert und fallen ihr über die Schultern. Ihr Gesicht wirkt jünger, als ihre Hände. Ihre Beine sind zu dünn und abwechselnd schlägt sie das eine über das andere. Als ein Mann in einem braunen Mantel am Fenster vorbeigeht, zuckt sie kurz zusammen, zieht dann nochmals an ihrer Zigarette und dämpft diese aus. Sie zieht einen Brief aus der Tasche und einen Stift, sie kaut an dessen Ende und liest nochmals, was sie erst ein paar Stunden zuvor im Hotel geschrieben hat.

„Lieber Günter“ steht da, „bitte sag den Kindern, dass sie nicht bös sein sollen und du sei es bitte auch nicht. Ich hab euch lieb, das wisst ihr, das dürft ihr nicht vergessen. Der Jakob trinkt zum Einschlafen die Milch lauwarm mit einem Löffel Honig, den tut er sich gerne selber rein. Die Maria soll ihre Schuhe in der Früh brav selber zubinden, sonst lernt sie es nie. In einer Woche ist der Elternsprechtag, geh doch bitte hin wenn du magst. Meine Kleider kannst du gerne verschenken, aber auch behalten, ich glaube ich würd mich freuen, wenn sie noch da sind, sollte ich wiederkomme. Günter, verzeih mir, mir tut das im Herzen weh, aber ich kann nicht bleiben. Ich hab dir das Passwort für das Sparbuch auf die letzte Seite des Italienisch-Wörterbuch geschrieben, heb ab soviel geht, wenn es knapp wird. Und wartet nicht auf mich. Sucht mich bitte nicht. Ich melde mich, wenn es aufhört so weh zu tun, der Körper und der Geist. Gib den Kindern viele Bussis, flechte Maria die Haare am Sonntag, das mag sie so gerne. Ich denke viel an euch, mehr kann ich nicht versprechen. Anna“

Die Mutter liest den Brief dreimal, sie kaut unentwegt am Stiftende, als der Kellner nochmals kommt, schrickt sie hoch und bittet um noch ein Glas Wasser, dieses trinkt sie hastig und legt dann das Geld für den Mokka und fünfzig Cent Trinkgeld auf den Tisch. Sie raucht noch eine Zigarette, sie legt die Hand flach auf den Brief. Sie kneift die Augen zusammen und knüllt das Papier zu einer Kugel, die sie in den Aschenbecher legt, bevor sie aufsteht und auf die Straße geht. Dort regnet es immer noch und die Mutter rennt bei rot über die Straße, runter zum Ubahngleis und setzt sich in den vorletzten Wagon neben eine Frau mit einem dicken Dackel und einer Krücke. Als der Zug abfährt, beginnt ihr Handy zu läuten. Es läutet dreimal, dann hebt sie ab.

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