Zeterkater

Das Wasser läuft schon wieder nicht ab. Du sitzt in der Badewanne und sagst Wörter, von denen ich möchte, dass du sie später einmal bereust. Ich wasche deinen Rücken, der manchmal zuckt, der nachts neben mir schläft und in einem Monat viel brauner sein wird, als ich es mir jetzt vorstellen kann. Der Rücken wölbt sich und du zeterst. Noch nie zuvor hatte ich das Gefühl, das Wort zetern könnte etwas so gut beschreiben, wie es dies gerade tut.

Was soll ich dir sagen, Zeterkater? Das sind nicht meine Haare, die den Abfluss verstopfen, auch nicht die, der vergangenen Besuche und nicht die der kommenden. Das stehende Wasser hat nichts mit zuviel Shampoo zutun und noch weniger damit, dass jemand seine Zehennägel gekürzt hat. Es kommt daher, dass hier nachts Schwertwale in der Badewanne wohnen. Schwertwale und Clownfische, die sich bekriegen, während du schläfst und von Ukulelen träumst. Gestern eskalierte alles. Und die Schwertwale fraßen die Clownfische auf, sie kauten auf den toten Tieren herum und spuckten die Knochen wieder aus, die dann im Abfluss stecken blieben und nun die Schuld an dem Malheur haben.

Aber wie soll ich dir das sagen? Du wirst mir ja sowieso nicht glauben, so wie du mir nicht glaubst, dass gestern ein Spatz am Fensterbrett saß und dir ähnlich sah oder wie du mir nicht glaubst, dass dein Name rückwärts gesagt ein Wort ergibt, das in einer anderen Sprache Holunderbaum bedeutet.

Weißt du, ich wecke dich heute Nacht, Zeterpeter. Ich wecke dich und du wirst schon sehen. In der Früh dann erinnerst du dich an keine Ukulelen, sondern nur noch an Wale und tote Fische und du wirst mir schlaftrunken davon erzählen und ich werde meine Stirn an deinen immer noch gewölbten Rücken legen und sagen: Du träumst mir immer den schönsten Traum.

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Die Mutter

Die Mutter sitzt, sagen wir einfach mal, in einem etwas heruntergekommenen Kaffeehaus am Wiener Gürtel. Sie sitzt an einem Fensterplatz, auf einer stark gefederten Bank, sie trinkt einen großen Mokka und raucht eine Zigarette nach der anderen. Der Kellner kommt ab und an vorbei, er fragt die Mutter, ob sie noch einen Wunsch hat, aber die Mutter lächelt daraufhin nur nervös, sie schüttelt den Kopf, während der Kellner auch schon wieder weg ist, weiter gegangen zum nächsten Tisch, wo ein Mann mit runden Brillen, den Standard lesend einen Toast Hawaii bestellt. Der Kellner sagt: Gnä‘ Herr, so etwas haben wir hier nicht. Ich könnte Ihnen einen Schinken-Käse-Toast anbieten, wenn Sie möchten.“ Und der Herr möchte und bestellt noch eine Melange dazu. Die Mutter hört das alles, aber sie dreht sich nicht um, sie blickt statt dessen beim Fenster hinaus, wo ein Auto nach dem anderen vorbeifährt. Sie blickt hinaus und zieht an ihrer Zigarette. Ihre Strumpfhose hat ein Loch, aber das hat sie noch nicht bemerkt.

Die Mutter sitzt da schon seit einer halben Stunde. Es hatte gerade angefangen zu regnen, als sie durch die Kaffeehaustür hereinkam, sie war schnurstraks auf den Tisch zu gegangen, sie hatte noch bevor sie ihren Mantel ausgezogen hat, sich die erste Zigarette angezündet und zu dem Kaffee hatte sie zwei Gläser Wasser bestellt. Kein Buch hat die Mutter dabei, keine Zeitung liest sie, keine Menschen an den umliegenden Tischen beobachtet sie. Stattdessen blickt sie schon die ganze Zeit aus dem Fenster, sie wirkt dabei angespannt, ihr Augenlid zuckt nervös, ihr Rücken ist gekrümmt.

Die Mutter hat die Haare zu einem Knoten zusammengesteckt. Ein paar Strähnen haben sich gelockert und fallen ihr über die Schultern. Ihr Gesicht wirkt jünger, als ihre Hände. Ihre Beine sind zu dünn und abwechselnd schlägt sie das eine über das andere. Als ein Mann in einem braunen Mantel am Fenster vorbeigeht, zuckt sie kurz zusammen, zieht dann nochmals an ihrer Zigarette und dämpft diese aus. Sie zieht einen Brief aus der Tasche und einen Stift, sie kaut an dessen Ende und liest nochmals, was sie erst ein paar Stunden zuvor im Hotel geschrieben hat.

„Lieber Günter“ steht da, „bitte sag den Kindern, dass sie nicht bös sein sollen und du sei es bitte auch nicht. Ich hab euch lieb, das wisst ihr, das dürft ihr nicht vergessen. Der Jakob trinkt zum Einschlafen die Milch lauwarm mit einem Löffel Honig, den tut er sich gerne selber rein. Die Maria soll ihre Schuhe in der Früh brav selber zubinden, sonst lernt sie es nie. In einer Woche ist der Elternsprechtag, geh doch bitte hin wenn du magst. Meine Kleider kannst du gerne verschenken, aber auch behalten, ich glaube ich würd mich freuen, wenn sie noch da sind, sollte ich wiederkomme. Günter, verzeih mir, mir tut das im Herzen weh, aber ich kann nicht bleiben. Ich hab dir das Passwort für das Sparbuch auf die letzte Seite des Italienisch-Wörterbuch geschrieben, heb ab soviel geht, wenn es knapp wird. Und wartet nicht auf mich. Sucht mich bitte nicht. Ich melde mich, wenn es aufhört so weh zu tun, der Körper und der Geist. Gib den Kindern viele Bussis, flechte Maria die Haare am Sonntag, das mag sie so gerne. Ich denke viel an euch, mehr kann ich nicht versprechen. Anna“

Die Mutter liest den Brief dreimal, sie kaut unentwegt am Stiftende, als der Kellner nochmals kommt, schrickt sie hoch und bittet um noch ein Glas Wasser, dieses trinkt sie hastig und legt dann das Geld für den Mokka und fünfzig Cent Trinkgeld auf den Tisch. Sie raucht noch eine Zigarette, sie legt die Hand flach auf den Brief. Sie kneift die Augen zusammen und knüllt das Papier zu einer Kugel, die sie in den Aschenbecher legt, bevor sie aufsteht und auf die Straße geht. Dort regnet es immer noch und die Mutter rennt bei rot über die Straße, runter zum Ubahngleis und setzt sich in den vorletzten Wagon neben eine Frau mit einem dicken Dackel und einer Krücke. Als der Zug abfährt, beginnt ihr Handy zu läuten. Es läutet dreimal, dann hebt sie ab.

I don’t know who you are but I hope your evening was as much fun as it looks like

In a cold and fun winternight I went with some friends to a bar in Berlin Kreuzberg where we found a camera lying on a sofa. Five pictures were already taken by the people who the camera once belonged to. I took it with me back to Vienna and finally on a hot and fun summerday I was holding the developed pictures in my hand.

I always hoped that the pictures that were already kept on the camera like a secret when I found it would be good ones. I was not disappointed. If anyone of you knows one of these people let them know that I take good care of their photos and that I hope if they ever find a pictures of me I will look as happy as most of them do.

Post Scriptum

Mein Bauch ist krank
seit Tagen schon gurgelt
er ein Lied
das erzählt von der Einsamkeit
jetzt
nachdem du endlich gingst

Es stürmt vor den Fensterscheiben
es stürmt und ich bin allein
es krächzt in meinem Hals
das Telefon bleibt stumm
ich habe es dazu verpflichtet

es war ein Mittwoch
und du warst nicht mehr da
in meinen Händen ballte sich
ein Satz
der kein Ende hatte
und die Katze sprang vom Tisch

Ich verschloss alle Türen
die Klingelschilder aß ich auf
meine Adresse, sie existiert
nur noch in meinem Kopf

Ich sah im Fensterglas das Gesicht
eines Mannes
ich sah es und es warst nicht du
ich frage:
War das ein Zeichen
ist es endlich vorbei?

Ich wärme den Bauch
er soll gut schlafen
schlafen und träumen
all das in dur.

In meinen Gliedern
wächst ein Baum
meine Haare sind das Meer
ich wünschte
ich wäre eine Fabel gewesen für dich
mit Halbwesen und Wahrheiten
zu guter Letzt

Wie gut wir waren
an Tagen mit M
wie schön wir waren
in den Nächten ohne Schlaf

Aber jetzt:
Bleib ich fort
liebe die Matrosen
nur noch aus Langeweile
Sie haben Namen
die rückwärts Städte sind
in denen wir nie wohnten.

Ich erzähle dir das nicht.

If we were ghosts

Wärst du ein Geist und wäre ich ein Gespenst, dann hätten wir vielleicht etwas, an dem wir uns festhalten könnten. Es wäre etwas, das lange vorbei ist und deswegen wahr. Wir könnten uns nicht mehr umarmen und unter dem Tisch an dem wir nicht mehr sitzen, stünden keine Füße auf denen des anderen. Manchmal wenn wir nachts auf Fensterbänken sitzen, würde ich dich daran erinnern, wie lange wir schon ausgestorben sind und du würdest nicken, deinen Kopf schief legen und sagen: Wer hätte das gedacht.