In der Stadt des Bruders

Einmal saßen wir in diesem Auto, das deinem Bruder gehörte und fuhren durch die Stadt die eigentlich auch deinem Bruder gehörte, aber von der wir behaupteten, wir hätten sie uns erobert. Dein Haar war ungewöhnlich kurz und zu oft hast du deine Brille nach oben geschoben. Wir summten zu den Liedern im Radio und manchmal legtest du deine Hand auf meinen Oberschenkel, was mich ein jedes Mal ungläubig zu dir blicken ließ und dich die Augen zusammenkneifen. Mit diesen zusammengekniffenen Augen starrtest du aus dem Fenster, als würde davor gerade ein Weltwunder passieren, ein Weltwunder und ein normales Wunder und vielleicht noch eine Parade mit vielen bunten Menschen und Trommeln, alles im gleichen Takt.

Wir hatten kein Ziel und ich zeigte öfters auf Dinge, die an uns vorbeirasten und du fragtest, ob wir stehen bleiben sollten, aber das wollte ich dann doch nicht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es dann noch weitergehen könnte und so saßen wir in diesem Auto und fuhren durch diese Stadt und aus dieser Stadt und zurück in die Stadt und manchmal hast du fast zu spät gebremst und manchmal hast du zulange an der roten Ampel gehalten und manchmal strich ich dir mit der Hand durchs Haar und dachte mir: Das ist ein ganz schönes Glück, was wir hier haben. Irgendwann hielten wir dann doch an, um uns ein großer, leerer Parkplatz und du fragtest mich nach meiner Lieblingsfarbe und ich sagte, ich bin mir nicht sicher und du sagtest, du wüsstest darauf auch nie eine Antwort und dann lachten wir und küssten uns. Es hat leicht geregnet vor dem Fenster, aber wir haben die Scheibenwischer kein einziges Mal eingeschalten an diesem Nachmittag, genauso wenig wie die Scheinwerfer oder die Belüftung. Ich dachte mir, es wäre möglich jetzt einfach so zu verschwinden, wir dürften nur einfach nie wieder aufhören zu fahren und niemand würde es merken, dass wir immer noch nicht zurück wären. Manchmal würden die Menschen nach uns fragen, aber dein Bruder würde nur abwinken und sagen, dass wir noch unterwegs wären, mit seinem Auto, wir hätten doch einen Ausflug gemacht und nicht gesagt, wann wir zurückkommen und die Menschen würden dann nicken und nicht mehr fragen und alles wäre in Ordnung. Wir hätten in der Zwischenzeit ein Haus gekauft, ein Haus und ein Feld und es würde noch zwanzig Jahre dauern, bis du mit dem Pfeife rauchen anfängst.

Schließlich fanden wir uns doch wieder vor dem Haus deines Bruders ein, der am Fenster stand und uns zuwinkte, solange bis du kurz zurückwinktest und ich meine Beine anzog, dann die Füße auf das Amaturenbrett stellte und meine Nase an meinen linken Oberarm legte und tief einatmete.

Und ich sagte dann noch: ich liebe dich. und du sagtest: Ich glaube dir. Am nächsten Tag war das alles auch schon egal, in dieser Stadt in die ich fuhr, in der du niemals lebtest und es auch nie tun wirst. In der die Tore oft grün sind und ich manchmal noch warte, vereinzelt auch auf dich.

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Karin

Manchmal wünsche ich mir, dass die nächste Frau in die du dich verliebst den Namen Karin trägt. Karin hätte blonde Haare, sie wäre größer als ich, größer und fröhlicher, ihre Händedruck wäre fest und ihre Augen braun. Karin und du, ihr hättet euch durch einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt, erst hättet ihr euch öfters zum Kaffeetrinken getroffen, dann Kino, dann wären eure Knie öfters aneinandergelehnt, auf dem grünen Sofa auf irgendeiner Party und als Karin dich das erste Mal küsste, da wäre es knapp Mittag vorbei und du hättest zuvor Kartoffelsuppe gegessen und Karin hätte sich danach lachend mit der Hand über den Mund gewischt, als wäre sie es gewesen mit der Suppe und den Kartoffeln.

Karin wäre stabil. Stabilität wäre einer der großen Vorzüge Karins. Sie hätte einen 38Stunden-Job, sie hätte eine Stammkneipe, vielleicht hätte Karin sogar ein Auto, das selbe seit zehn Jahren und wenn Karin vor deinem Haus parken würde, könntest du ihr zusehen und Karin wüsste, dass du das tust und würde kurz hupen bevor sie das Auto verlässt, zu dir hochblickt und sagt: Das Hupen, das war nur für dich.

Karins Lieblingsgetränk wäre kalter grüner Tee, Karins Lieblingsfarbe wäre rot, Karins Lieblingspferde wären Haflinger (aber nur wegen des Namens). Karin wäre gerne Künstlerin geworden, so große Fotos mit viel Fläche und Details nur am Rand, aber das wollten Karins Eltern nicht und sie würde lachen, wenn sie dir davon erzählt, sie würde glockenhell lachen und dann sagen: Aber jetzt ist das in Ordnung, der Künstler bist ja du.

Ja, so wäre sie, die Karin. Sie würde dir Platz lassen, sie würde deine Arbeiten vergöttern und wenn du nachts aufwachst, weil du dich wieder einmal für den schlechtesten Fotografen der Welt halten würdest, dann würde Karin deine Hand drücken, sie würde „Nein, nein“ murmeln und alles wäre seltsam gut. Morgens würde Karin vor dir aufstehen, sie würde dir Kaffee kochen, sie würde dir zuhören und deine schlechte Morgenlaune gekonnt ignorieren, dann schnell zur Arbeit fahren und dich genau so lange nicht anrufen, bist du anfängst sie zu vermissen.

Wärst du in Karin verliebt, wärst du ein besserer Mensch und schon alleine deswegen würde ich Karin sehr mögen und auch aus dem Grund, weil sie mir nicht ähnlich wäre. Karin und ich würden uns umarmen, wenn wir uns das erste Mal treffen würden und dich würde das nervös machen und wir würden es merken und uns verstohlen anlächeln. Karin würde mir ihre Telefonnummer geben und wir würden uns dann doch nicht anrufen.

Du würdest Karin verlassen, sobald der Sommer vorbei ist. Du würdest mich anrufen und ich würde sagen: Das ist schade, wirklich schade. Ich würde das auch so meinen und Karin würde irgendwann mal an der Supermarktkasse vor mir stehen, sie hätte einen grünen Pullover an, ihr Haar wäre schulterlang geschnitten, ich würde ihren Rücken studieren, während sie Brokkoli, Knäckebrot und eine Tafel RitterSport bezahlt. Kurz würde ich überlegen, dich anzurufen und dir davon zu erzählen, und dann auf mein Telefon blicken und wissen: deine Nummer ist längst nicht mehr die gleiche.

Jetzt ist L. weg (V)

Jetzt ist L. weg Jetzt ist L. weg. Seit zwei Tagen ist er das und ich weiß nicht recht, ob das gut ist oder schlecht. L. stand bereits angezogen in der Tür als ich erwachte und nestelte unbeholfen an seinen Schuhen herum, als ich vorgestern aus dem Schlafzimmer kam. „Was machst du da?“ fragte ich und er sagte nur: „Ich gehe.“ Und ich sagte nur: „Aha.“ Und dann hat L. das auch gemacht, ist aufgestanden, hat sich zur Tür gedreht und diese hinter sich ins Schloss fallen lassen. Eine Minute später klingelte es und L. ließ mich durch die Gegensprechanlage wissen, dass er es für vernünftig hält, wenn wir uns erstmals den Rest der Woche nicht sehen und sprechen würden. Ein wenig Abstand, ein wenig Ruhe, ein wenig Auseinandersetzung mit sich selbst, wäre gut für uns, meinte er und ich sagte: „In Ordnung“ und wusste nicht so recht, wie man sich am besten über eine Maschine verabschiedet, die doch eigentlich genau für das Gegenteil gedacht ist. Ich beschloss den Hörer einfach nicht aufzuhängen, sondern an der Schnur baumeln zu lassen, so hätte L. theoretisch die Möglichkeit noch etwas durch die Anlage zu schreien und ich hätte die Möglichkeit es zu hören, aber L. schrie nichts mehr durch die Anlage und bald schon vergaß ich auf den Hörer und erinnerte mich erst wieder daran, als O. nachmittags anrief und sagte, sie glaube, etwas mit meiner Klingel wäre nicht in Ordnung und ob ich sie dennoch hereinlassen könnte.

O. trug ein grünes Kleid an diesem Tag und ich fragte sie, ob es dafür nicht eigentlich viel zu kalt sei. O. lachte daraufhin nur und goss sich selber kalten Tee ein, den ich eigentlich zum Frühstück trinken wollte und der bestimmt schon bitter war, aber O. ließ sich nichts anmerken und so sagte auch ich nichts, starrte aus dem Fenster und sagte dann doch: „Ich glaube, das mit L. ist irgendwie vorbei.“

„Bist du verrückt?“ Fragte O. und ich lachte kurz auf und zuckte dann mit den Schultern. „Ich weiß auch nicht,“ murmelte ich, „es ist nur so ein Gefühl, als wäre es gar kein Gefühl mehr. Seltsam, oder? Dass uns das passiert.“ O. und ich sprachen nicht mehr viel an diesem Nachmittag und als sie ging, wollte ich mich kurz bei ihr entschuldigen, für das mit L. und mir, aber ließ es dann doch bleiben.

Seit diesem Zeitpunkt bin ich alleine. Ich habe die Wohnung nur einmal verlassen, um eine Packung Toastbrot und ein paar Äpfel einzukaufen. Ich dachte, die Zeit ohne L. wäre ganz praktisch, um endlich mit der Arbeit ein wenig voranzukommen, aber das war ein Trugschluss, denn anstatt emsig Buchstaben in meinen Computer zu tippen, sitze ich nur noch länger am Fensterbrett, trinke den Kaffee noch langsamer und habe mir bereits zum dritten Mal alle Fotos, die es von L. und mir gibt angeschaut. Zunächst dachte ich tatsächlich, das könnte etwas nützen. Ich dachte, wenn ich mir all die Momente, in denen wir so glücklich waren noch einmal vor Augen führe und sie versuche zu durchleben, dann wacht das Gefühl vielleicht wieder auf. Aber das stimmte nicht. L. und ich, wie wir lachend auf einer Parkbank sitzen, L. und ich, wie wir uns gegenseitig Gulasch füttern, L. und ich und unsere Hände auf dem Mund des anderen, L. und ich und ein Kuss vor einem U-Bahneingang. Ich sage L.s Namen laut vor mich hin, L.s Namen und dann auch meinen, ich lese die Widmung auf der Rückseite des Fotos, das den Ausblick aus seinem Zimmer zeigt „Was ich sah, als ich zulange auf dich wartete“ steht da und ich muss lächeln, weil mir einfällt, wie ich es damals in meinem Postkasten gefunden hatte und wie ich daraufhin zu dem Haus in dem L. wohnte gefahren war und die Treppen hinauf gerannt war und L. die Tür öffnete und ich ihn atemlos küsste und danach wieder die Treppen hinunter rannte und die ganze Zeit dachte, ich müsse platzen vor Glück und das dann aber doch nicht tat, auch wenn zuhause der Bauch schmerzte und ich die ganze Zeit nicht wusste wie mir geschah. Die Erinnerung ist da und sie ist wach, aber das Bedürfnis das wieder zu tun ist es nicht. Und es kommt auch nicht wieder, als ich L.s Briefe lese, die er mir anfangs regelmäßig schrieb und es kommt auch nicht wieder, als ich die Socken überstreife, die L. mir einmal geschenkt hat und die längst voller Löcher sind.

Ich sitze abends auf dem Bett und überlege ob L. mir fehlt, aber komme zu keinem Ergebnis und ich mache morgens zuviel Kaffee, aber bemerke es nicht einmal. Nach zwei Tagen klingelt das Telefon und zeigt dabei L.s Nummer und ich hebe ab und L. fragt mich, wie es mir geht und ich sage lauter Wörter, die keine Antwort sind und L. sagt, dass es sich anfühlt, als wären da mindestens fünf Länder zwischen uns und ich seufze und will mich schon wieder entschuldigen und mache es schon wieder nicht, sondern sage, dass man versuchen sollte, dass es nicht noch mehr werden und L. flucht entsetzlich und legt dann auf. Nach zwei Tagen und acht Stunden klingelt das Telefon wieder und es ist erneut L. der schrecklich klingt und ich sage sofort, dass er doch bitte vorbeikommen soll, wenn es ihm dadurch besser geht und L. fragt, ob er mir denn gar nicht fehle und ich sage: Doch schon, aber ich weiß nicht wie. Und L. sagt, dass das ein Problem sei und ich wünschte, er würde auf der Stelle aufhören so zu klingen, als würde die Welt untergehen und sage ihm das auch, woraufhin L. schon wieder flucht und ich es diesmal bin, die als erstes das Telefon weglegt.

L. ruft noch einmal an, um zu sagen, dass er nicht mehr anrufen wird und ich will ihm sagen, dass das doch albern ist, aber weiß nicht genau, ob ich damit eigentlich ihn meine oder mich und sage stattdessen, dass er doch Sonntag Abend vorbeikommen soll, bis dahin bräuchte ich Zeit und L. sagt, das wäre in Ordnung und ich seufze schrecklich laut und L. seufzt auch und ich denke mir, dass wir in diesem Moment die kleinsten Menschen auf der ganzen Welt sind. Dass, wenn nicht bald etwas passiert, wir ganz verschwinden werden und sich bald schon niemand mehr an uns erinnern kann, am wenigsten wir selber. Und genau in diesem Augenblick, in dem ich das denke, fängt die Angst davor an, die bis jetzt nicht mehr weggegangen ist und mich oft auf die Uhr blicken lässt, die mir dann sagt, dass es noch vier Stunden sind, bis L. vor der Tür stehen wird und sich nichts geändert haben wird, außer der Traurigkeit, die noch ein wenig größer wurde und der Panik, dass das alles nie vergeht.

Ich beginne die Wohnung zu putzen, ich schrubbe den Boden, ich reinige die Fenster, ich poliere die zwei Kristallweingläser, die mir meine Großmutter vor langer Zeit vermachte, ich ordne den Zeitschriftenstapel erst alphabetisch, dann nach dem Datum, ich sauge das Schlafzimmer, sogar unter dem Teppich mache ich das. Ich schüttle die Decke aus und auch die Polster, ich mache die Waschmaschine voll, zunächst mit Kochwäsche, dann mit Buntwäsche, als letztes beschließe ich auch noch alle Winterwollpullover zu waschen, bevor ich sie zurück in den Schrank lege, ich sitze danach ein wenig ruhiger vor der Waschmaschine und sehe der Trommel beim Drehen zu. Einer der schwarzen Pullover gehört L. und ich frage mich, ob ich ihn ihm zurückgeben soll, sobald er trocken ist oder ob ich ihn zunächst weiter hinten im Schrank platzieren sollte und warten, bis vielleicht alles ein wenig anders geworden ist. Ich erschrecke über diesen Gedankengang, ich schlage mir auf den Mund, als hätte ich gerade etwas Unbedachtes gesagt und schließe meine Augen. Die Minuten wollen immer noch nicht vergehen und als L. eine Viertelstunde später als ausgemacht klingelt, kann ich es erst nicht fassen und gehe dann, aus nicht vorhandenen Gründen, rückwärts zur Tür, öffne diese nur ein kleines Stück weit und zähle leise eine jede Stufe mit, die L. hinaufsteigt.

L. sieht wunderschön aus. Er hat zerzaustes Haar und sein linkes Schuhband ist offen. Er bleibt am Treppenabsatz stehen und blickt mich an, ebenso wie ich ihn anblicke. So verharren wir für einige Sekunden, bis L. noch einen Schritt auf mich zu geht und sagt: „Es ist gut dich zu sehen“, woraufhin ich nur nicken kann und einen Schritt aus dem Türrahmen gehe um ihn zu umarmen.

L. ist warm und L. riecht wie immer und mein Kopf passt immer noch so gut an L.s Schulter als wäre nichts geschehen. L. atmet tief ein und L. atmet tief aus und dann fasst er mich an den Schultern und drückt mich soweit weg von sich, bis er mir ins Gesicht blicken kann. „Wie geht es dir?“ fragt er und ich blicke zu Boden. „Ich denke, es geht so“, sage ich schließlich und schweige dann wieder. L. hat meine Schultern immer noch umfasst. „Mir geht es beschissen“ sagt L., „und ich möchte, dass du das weißt und dass das aufhört. Ich will, dass du mir sagst, was los ist und warum. Und ich will das jetzt.“

„Ich weiß nicht, ob ich irgendetwas sagen kann, dass du hören willst“, sage ich, „es tut mir sehr leid, L.. Ich habe keine Antworten, ich habe nur dieses Gefühl, dass plötzlich etwas fehlt und es geht nicht weg, wenn du da bist. Es geht einfach nicht weg.“

L. reißt seine Augen auf, dann kneift er sie zusammen, er hat mich losgelassen und ist dennoch keinen Zentimeter von mir abgerückt. Ich kann mich selber in seinen Pupillen sehen und wäre jetzt nicht jetzt sondern vor einem Jahr würde ich keinen Augenblick zögern und ihm das sofort mitteilen, so aber stehe ich vor ihm und sage kein Wort, im Gegenteil zu L. der mich ohne Unterbrechung ansieht und kaum seinen Mund öffnet als er flüstert: „Wie feige du doch bist.“