Von der Liebe zwischen den Gemälden

Ich war noch nie in einem Museum, ohne mich zu verlieben. Ich denke, Museen sind der einfachste Ort um das zu tun. Wie kann es auch anders sein? Wie kann man sich nicht in die Person verlieben, die plötzlich neben einem steht und die gleiche Schönheit, die gleiche Seltsamkeit, die gleiche Entrücktheit sieht, wie man selbst? Wie kann man durch ein Museum gehen und sich nicht wünschen, dass all die Menschen, gerade das gleiche Bedürfnis haben so zu seufzen, wie man selbst. Und da fängt das mit der Verliebtheit auch schon an: bei dem Wunsch nach etwas Gemeinsamen.

Einmal stand ich im Moma vor einem Bild von Max Ernst, das neben einem von Dali hängt. Das Bild heißt: „Deux enfants sont menacés par un rossignol“ und ich sah es an, während neben mir ein Mann stand, der auf das Bild von Dali starrte und in den ich mich deswegen nicht verliebte, weil er nicht wahrnahm, was es wahrzunehmen galt. Ich hatte das dringende Bedürfnis ihn auf die Schulter zu tippen und auf das Bild zu zeigen, ich wollte ihm erzählen, von Max Ernst und von Gala, die er halb nackt auf die Tür des Schlafzimmers malte, in welchem sie mit ihrem Mann schlief und der er verfallen war, wie soviele andere und die sich aber für den Mann mit den zerrinnenden Uhren entschied, der sie auch malte, aber so anders und davon, dass ich glaube, dass diese Geschichte in keiner anderen Sprache als französisch passieren hätte können.
Aber der Mann starrte so angestrengt auf das falsche Bild und drehte sich drei Sekunden zu früh weg und so blieb ich alleine zurück, mit den Kindern und der Nachtigall und für ein paar kurze Momente schien es mir, als würde die ganze Sehnsucht und die ganze Einsamkeit, die Max Ernst damals an diese Tür malte aus dem Gemälde in den Raum strömen und sich in der gegenüberliegenden Ecke in Gestalt eines alten Museumsaufsehers manifestieren, der ein Stofftaschentuch in der Hand hielt und sonst gar nichts machte.
Der Mann küsste später eine Frau vor einem Bild, das Soldaten in Mexiko zeigte. Er küsste sie und die Arme der Frau hingen an ihrer Seite hinunter, als wären sie nur zufällig gerade an der Szenerie beteiligt, wie unbeholfene Zaungäste, die lieber gerade auf dem Weg zur Arbeit wären oder aber Menschen, die es gerade nicht mehr geschafft hatten, die Grünphase der Ampel zu erwischen und jetzt dazu verdammt sind, drei Minuten an einem Ort zu stehen, ohne dabei zu wissen, worauf sie ihren Augenmerk legen sollen.
Ich setzte mich auf eine Bank und schrieb in dichtgedrängten Buchstaben auf eine Seite meines Notizbuches: I hope you will never kiss me. Als ich danach aufsah, waren der Mann und die Frau bereits aus dem Raum verschwunden. Ich begegnete ihnen noch einmal auf dem Weg zur Garderobe, sie standen nebeneinander und hielten sich nicht an den Händen. Der Mann räusperte sich ein wenig zu laut und die Frau nahm Anlauf, öffnete ihre Arme und flog durch die offene Tür hinaus in den Innenhof des Museums und hinauf in den Himmel Manhattans, an dem ein Flugzeug hing, um welches jemand mit grüner Farbe einen Kreis gemalt hatte, auf dem die Frau Platz nahm und kurz und laut und ein wenig verzweifelt auflachte.

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