08032011

Ein neuer Hofer hat an der Wienzeile eröffnet. Auf dem Weg zur Arbeit kommen mir zahlreiche Menschen mit gerade erworbenen Staubsaugern, Tischgrills und Dampfbügeleisen entgegen. Es ist noch nicht mal neun Uhr und ich frage mich, ob jemals die Zeit kommen wird, in der ich eine von ihnen bin. Zwanzig Meter weiter begegne ich dem Mädchen mit den Plateauschuhsohlen, sie trägt wie jeden Tag einen langen Rock und ich würde ihr gerne einen guten Morgen wünschen, ich finde der Zeitpunkt ist gekommen, jetzt da wir uns seit zwei Wochen fast täglich morgens sehen. Aber das Mädchen blickt wie jeden Morgen zu Boden und huscht zwischen den Menschen hindurch. In meiner Vorstellung arbeitet es im bulgarischen Kulturinstitut, in der Buchhaltung und lebt zusammen mit zwei Katzen deren Namen sich nur durch einen Vokal unterscheiden.

Ich bin ruhig geworden seit meiner Rückkehr. Ich lerne die Kontinuität, die Regelmäßigkeit, die Absehbarkeit, für die ich jahrelang nur abfällige Blicke übrig hatte, wieder zu schätzen. Mein Tag gliedert sich in fixe Zeiten, das fängt um 6.30 mit E.s erstem Wecker an und geht über in den 11.15 Anruf bei V. um Mittagessen zu bestellen, um ca. 12.15 kommt dann der Bote und ich weise ihm den Weg in die Küche, wo wir kurz später Krautfleckerl oder Zigeunerschnitzel essen und auffällig oft über ehemalige Finanzminister sprechen. Später dann Kaffee, später die Treppen hinunterlaufen und kurz frieren auf dem Weg zur Ubahn und von der Ubahn in eine Wohnung, in der man noch nicht so ganz angekommen ist, aber sich darüber keine Sorgen macht.

Am Wochenende sitze ich meiner immer kleiner werdenden Großmutter gegenüber, die wütend ist auf die Wunderheilerin, die ihr erklärt hat, dass ihre Krämpfe in den Beinen nur von der Angst kommen, die sie hat. Ich habe keine Angst, sagt die alte Frau, was erlaubt sie sich, soetwas zu behaupten. Und sie sagt auch, das sie dafür nicht zu dieser Frau gefahren ist, sondern weil sie Trost wollte, aber nicht mal mehr Trost bekommt man, dabei ist es doch das einzige was zählt. Am Dienstag schon sitze ich dann selbst einer Frau gegenüber, die irgendwann einen hypokratischen Eid abgelegt hat und frage nach einer Lösung für meine ständig kribbelnden Hände. Die Frau schreibt Abkürzungen auf Zettel und schickt mich zu anderen Adressen, ich packe alles in meine Tasche und fühle mich meiner Großmutter so nahe wie schon lange nicht mehr und möchte dennoch nciht, dass sie das weiß.

Morgen kommst du wieder und ich hoffe, dass dann die Traurigkeit weg ist, die mich heute abend befallen hat. Ich hoffe, dass deine Arme weit und offen sind und ich hoffe, dass neben dir der Schlaf ein wenig leichter als ein schwerer Stein ist. Ich möchte dir von dem alten Mann mit dem langen Bart erzählen, der mir im Bus gegenüber saß und Kopfhörer trug, aus denen Musik der Rolling Stones dröhnte und ich möchte dir von dem kleinen Hirtenhund im Büro erzählen und von dem Abend mit zuviel Rotwein. Sovieles macht soviel mehr Sinn in dieser Stadt, bist du da. Soviel beschützender wirken diese engen Gassen, die ich entlanggehe. Soviele Gedanken sind auch abends noch da und sprudeln aus dem Mund und durch die Arme in die Fingerspitzen, die ich auf deine Schulter lege und hoffe, dass du ein wenig verstehst:

Mir macht das manchmal große Angst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s