Und all die toten Tiere

Und was machst du?

Du liegst im Bett und starrst an die Decke, da hängt ein Spinnennetz, sagst du, es hängt da schon länger, als du hier liegst. Und all die Katzen die auf der Welt herumliefen, damals , als du geboren wurdest, sie sind schon lange tot. Das muss man sich  mal vorstellen, sagst du: All diese Katzen, die damals Menschen beim Einschlafen halfen, die an Baumrinden ihre Krallen schärften und von denen nicht wenige keinen Namen hatten, all diese Katzen gibt es nicht mehr. Und auch die Hunde, die damals Höfe bewachten und in der Hundeschule versagten und vor deine Haustür kackten (die damals noch nicht mal die deine war), auch sie sind längst von dieser Welt verschwunden. Du sagst, du warst mal im Moma, das war zu einer Zeit, als der Herbst gerade erwachte und da war dieses Foto von einem toten Esel in Sevilla Ende der 50er Jahre und du hast dich gefragt, wie viele Menschen diesen Esel tot gesehen haben und wie wenige nur lebendig. Und dann die Fotos von den Hasen und den Hühnern der Großmutter, die wenig später schon gegessen waren. Wie sie so zeitlos aussehen, wie man den Unterschied nicht sieht, zwischen gestern und heute.

Es gab einmal einen Sommer, da hattest du eine Ziege, die schwarz und weiß war und die niemals meckerte, anders als ihr Zwillingsbruder, der Bingo hieß und eines Tages einfach nicht mehr da war. Und auch diese Ziege gibt es nicht mehr und auch keines der Schafe die im selben Stall lebten. Wie alt werden Schafe eigentlich? Wo begräbt man ihre Knochen? Und gibt es Tiere die graue Haare bekommen? Man stelle sich das einmal vor: Ein schwarzes Pferd, das aufwacht und plötzlich grau ist. Würde das Pferd das merken? Und wäre es ihm trotzdem egal? Und wie ist das mit den Schwänen? Sind die dann praktisch alt in ihrer Jugend und werden immer jünger?

Du sagst: das mit dem Selbstmord der Lemminge ist eine Erfindung von Walt Disney und schon alleine daran lässt sich erkennen, dass etwas nicht stimmt mit der Welt und Elefantenfriedhöfe hat es nie gegeben, aber trotzdem erkennen die Tiere ihre toten Artgenossen, riechen sie an ihren Knochen. Apropos tote Elefanten, – einen davon hat Edinson auf dem Gewissen. Topsy hieß der und war die Zeit seines Lebens unglücklich, du bist dir dessen sicher und der Gestank des verbrannten Elefantenfleisch muss sich Tage über die Stadt gelegt haben, so als sollte damit an etwas erinnert werden, was keiner jemals wissen wollte. Wie Edinson wohl geschlafen hat nach diesem Tag? Was er wohl träumte? Und ob jemals wieder in den Zirkus gehen konnte, ohne einen sterbenden Elefanten in einem jeden Trapezkünstler, einem jeden Clown, einer jeden menschlichen Kanonenkugel zu sehen?

All die Geweihe an den Wänden des großväterlichen Weinkellers, wo kamen sie her? Und wer hat damit angefangen? Und wird man damit jemals wieder aufhören?? Stimmt es, dass die seltsame Schuhverkäuferin aus dem Ort deiner Eltern ihren Hund ausstopfen ließ und wenn ja, wie streichelt man einen solchen Hund? Wann starb die Katze, für die jemand ein Loch in die Wohnzimmertür sägte und war es hier in dieser Wohnung? Ob das Land damals noch ein anderes war und ob die Katze es schaffte auf den Ofen zu springen und dort zu überwintern?

Draussen vor dem Fenster wird im Frühjahr ein Vogel brüten, da bist du schon längst nicht mehr hier. Und unten in dem Teich schwimmt vielleicht ein einsamer Fisch, der weinen würde, wenn er es könnte. Vielleicht fällt ein Ei aus dem Vogelnest und am Boden könnte man das sehen, was niemals eine Elster wird und auch keine Amsel und kein Kuckuck. Einen solchen hast du einmal gerettet, vor den Fängen deiner alten Katze, hast ihn mit Würmern gefüttert und eine Woche später im Wald ausgesetzt. Drei Tage später war er zurück, mit einem Loch im Nacken und gespreizten Füßen, die er in die Höhe gestreckt hatte und die Katze saß unweit davon und leckte ihre linke Vorderpfote und du wusstest schon als Kind, dass du ihr nicht böse sein kannst und die Katze schlief nachts in deinem Bett und Jahre später ging sie in den Wald und kam nie mehr wieder.

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