Drachenauge

Am vierten Morgen unserer Liebe, fragte Thomas mich schließlich, was für ein Tier er wäre, wäre er kein Mensch. Die Frage kam nicht überraschend, Thomas war tatsächlich die Art Mensch, die über solche Dinge stundenlang nachgrübeln konnte, dennoch wusste ich keine Antwort. ‚Sag erst du,‘ meinte ich. Und Thomas rollte sich zur Seite, er sah mich an und sagte: ‚Du bist ein Seehund.‘ ‚Ein Seehund, soso,‘ antwortete ich und Thomas nickte lachend. Ich klatschte in meine Hände und er lachte noch mehr, irgendwann stand ich dann auf und duschte lange. In der Küche brutzelte Thomas Spiegeleier, später gingen wir an den See und dann ins Kaffeehaus, hatten wir nichts zu reden klatschte ich ein weiteres Mal in die Hände und alles war seltsam gut.
Abends dann ging es um Küchengeräte. Ich sagte, er wäre ein Entsafter, Thomas verstand das natürlich sexuell und ich verzog meinen Mund, zog dann seinen an meinen und dachte: Vielleicht bist du auch so ein Ding, von dem keiner weiß was es ist, aber jeder will es haben und am Schluss stellt sich heraus, dass man damit Dinge machen kann, von deren Nützlichkeit man nicht wusste. Ein Ding, dass man nicht mitnimmt beim nächsten Umzug.
Thomas küsste allerdings zu gut, um das laut auszusprechen und als er sagte, ich wäre ein Cello, wär ich ein Instrument, dachte ich an meine breiten Hüften und sagte nur aus Trotz: ‚Du bist eine Mandoline, niemand kann dich spielen.‘
Der vierte Morgen unserer Liebe, war eigentlich schon der 35., nur trennten Thomas und mich über tausend Kilometer, die es schwer machten, sich auf normale Weise kennenzulernen. Da wir auch ziemlich schlecht waren im Telefonieren und eine Liebe, die sich nur auf das geschriebene Wort beschränkt, niemanden von uns erfüllte, gaben wir uns das Versprechen uns mindestens einmal im Monat zu sehen. ‚Ich hab ja Geld und keine Hobbies,‘ sagte Thomas und ich nickte, nannte ein Datum und er stand vor meiner Wohnungstüre.
Spielte ich Klavier, sang er dazu, mit einer seltsamen Pathetik, die ich auf seine Zeit als Sänger in einer Schlagerband zurückführte. Von dieser Zeit erzählte er sehr gerne, zeigte mir Fotos von ihm in bunten Hemden und Blumen im Haar, zeigte mir ein Video, bei dem ich kurz die Augen schließen musste, ob der Scham.
Die ersten Tage in seiner Wohnung, in diesem anderen Land, in der Stadt am See, machten mich schrecklich müde. Oft ließ ich mich aufs Bett fallen und Thomas verstand dies falsch und ließ sich auf mich fallen. Er trug Unterhosen aus einem seltsam schimmernden Material und ich dachte an Rüschen, dachte an das Wiedersehen an der Straßenbahnhaltestelle, dachte an Elvis Costello, ich weiß auch nicht warum.
Und doch waren wir glücklich. Wir fanden die selben Sachen komisch und konnten nicht aufhören uns zu küssen, hatten wir einmal damit begonnen. Wir stritten uns bereits beim zweiten Wiedersehen und niemand hat das jemals in einer solchen Schönheit gemacht wie wir. Wir versöhnten uns schnell, indem wir Fotos von einander am See machten, immer noch schweigend und dann später wieder lachten und ich sagte: ‚Das ist zuviel Hollywood, Mandoline. Das steht uns nicht.‘ Und Thomas trank Wein in großen Schlucken, nahm meine Hand wusste beim Gottfried Keller Denkmal sogar noch das Geburtsjahr dessen auswendig. Das hat mich ehrlich verblüfft.
Am sechsten Abend unserer Liebe fuhr ein Zug aus der Stadt am See in die Stadt am Fluss. Ich saß darin. Vor dem Fenster hatte es wieder angefangen zu schneien und Thomas hatte mich nicht zum Bahnhof begleitet. So war das ausgemacht gewesen und eingehalten worden. An der Bushaltestelle hatte ich ihm auf die Schulter geklopft, die Worte dann nicht gefunden und der Bus kam zwei Minuten zu spät. Ich schlief schlecht während ich durch eineinhalb Länder reiste, am nächsten Morgen ging ich zu einer Sprechstunde und bekam das Seminar, das ich mir wünschte.
Thomas und ich, wir schrieben uns. Schrieben uns täglich und telefonierten zweimal in der Woche. Wir machten das in einer gänzlich unromantischen Art und Weise, die mich manchmal lächeln ließ und viel zu oft verzweifeln. Einmal als Thomas sagte, er wünsche sich mir nahe, da hab ich laut eingeatmet und ausgeatmet und dann ‚Ja.‘ gesagt und Thomas hat das verstanden, einfach so.

Viele Tiere liefen mir über den Weg, eine Taube saß neben mir auf der Parkbank, eine Ratte querte meinen nächtlichen Weg. Die Nachbarn meiner Eltern kauften sich einen Hund und die meinigen eine Katze. Ich beobachtete eine sterbende Fliege, nachts lauschte ich den Mücken. Im Chinarestaurant schwammen die Fische in einem bunten Aquarium, am Naschmarkt wurde ein Hummer vor meinen Augen verkauft.
Irgendwann rief Thomas wieder an und ich sagte, ich habe nachgedacht, über Tiere und ihn. Seine Stimme klang erwartungsfreudig und ein wenig aufgeregt. Ich sagte: ‚Du erinnerst mich an eine Eidechse.‘ Thomas schwieg dann, es war ein empörtest Schweigen, dann sagte er: ‚Eine Eidechse? So eine, der man als Kind die Beine abreisst?‘ Und ich erklärte, dass ich sowas nie gemacht hätte. Wir begannen eine Diskussion, die zu lange dauerte, am Schluss einigten wir uns darauf, dass ja wenigstens das englische Wort für Eidechse „lizard“ wirklich schön wäre und Thomas sagte: ‚Damit kann ich leben.‘

Die Liebe zwischen uns starb knapp nach dem 15. Abend, sie starb in meiner Abwesenheit, aber mit einer Lautstärke, die sonst nur türkische Fußballfans verursachten, in der neuen Stadt, in der ich lebte. Als ich davon erfuhr, an einem regnerischen Nachmittag, über ein schnurloses Telefon, das in meiner Hand anfing zu zittern, beschloss ich drei Sachen.
Ich beschloss, ihm nicht mehr zuhören zu können. Ich beschloss, in sehnsüchtigen Momenten sein Video anzuschauen und mich zu zwingen, die Augen geöffnet zu lassen. Ich beschloss, mein nächster Geliebter würde eine Raubkatze sein, ein tasmanischer Wolf, ein Turmfalke zu guter Letzt.

Ein Gedanke zu “Drachenauge

  1. die eine liebe stirbt mit einem knall die andere mit einem flüstern.
    (was sagt uns das über die vorangegangenen abende und morgen.)
    aber fast immer ist es ihr egal, wer anwesend ist und wer nicht.

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