Athazagoraphobia

She moved too often. Maybe because she’s too afraid of being forgotten. The problem is: she kind of forgot herself.

Maybe you have to decide: Either you stay in one place and deal with the possibility that people at (and) other places forget you as you are so far away and they can’t touch your face when they feel like it. Or you aimlessly move between places and you aimlessly knock at doors and say hello and goodbye. You collect the meetings with people like children collect stones and you get tired of not being able to make comittments when that’s actually the only thing you are looking for. And you are tired because of all the maybes but also happy and sitting in a café with your friends the whole afternoon always feels the most magical if you know that you will be gone soon (and also that you will be back at some point).

So you might lose or you might be forgotten.

She really has to learn to cope with that.

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Was von der Liebe übrig bleibt

 

Seit gestern tut nichts mehr weh. Es klingelte an der Tür und der Postbote überreichte mir ein Paket voller Worte die früher die deinen waren. Ich las ein jedes. Ich faltete sie einzeln in kleine Schiffe, Schiffe die nicht fliegen konnten und langsam aus dem offenen Fenster auf die Straße fielen. Ein Mann ging vorbei, ein Mann ging zurück, ein Mann hob ein Schiff auf, er steckte es in seine Tasche.
Ich hoffe, der Mann tritt bald eine Reise an. Am Flughafen zieht er seinen Mantel aus und das Schiff fällt zu Boden. Die Putzkolonne scheuert die Böden mit Geräten die an etwas zwischen Matchboxautos und Krieg erinnern, das Schiff verschwindet unter ihnen und war nie mehr gesehen.

Morgens ist es kalt in meinem Zimmer und wenn ich in die Augen eines anderen blicke, wohnt darin kein Wasser, sondern Land, eben und weit. Ich sage: Ich hatte immer Angst davor alleine zu sein, jetzt fürchte ich, dass es genau das ist, was ich möchte. Der andere nickt, die Liebe hat eine Narbe in seinen Unterarm gerissen. Ich lege meine Lippen darauf und denke nicht an dich. Schlafe ich, so laufen Wölfe durch den Wald, sie erzählen Geschichten von Tagen, an denen sie glaubten Kinder zu sein und daran scheiterten.

Was von der Liebe übrigbleibt ist etwas anderes.

(Jänner 2010)

Last days

On Monday I was the happiest and saddest girl in town. Today I am just confused.

Anna and Ian played such wonderful concerts in my living room and I thought by myself: How can I stop moving away if it makes such amazing evenings happen?

I’m not a person of big words today but I want to thank Berlin for these short and cold and sometimes lonely but overall very happy months. I want to thank all these people who came by and drank tea with me, who baked cookies with me, who danced and laughed with me. I want to thank for the evening in kitchens, living rooms, Spätis, bars, clubs, concert halls, streets. I want to thank for the days when we ate huge breakfast, drank too much coffee, built a snowman, drove too far with the bus, meandered over the airport (againandagain), sat in the  park and just didnt let the cold happen. I want to thank for all these words that were spoken and the silence at the right time. And I want to thank the cat that used to live here a long time before me who made us sit on the bed and think about the most exciting cat-stories.

A very old and very sad russian man once said: Home is where the trees know you not where you know the trees. – I do know now that Berlin will always be a warm and welcoming home for me.

Please listen to Anna and listen to Ian and Simon and how they made my farewell-evening magical again and again . Listen and sigh and be sure you spend your next months in the right place. 2011 will be good if you let it.

Und all die toten Tiere

Und was machst du?

Du liegst im Bett und starrst an die Decke, da hängt ein Spinnennetz, sagst du, es hängt da schon länger, als du hier liegst. Und all die Katzen die auf der Welt herumliefen, damals , als du geboren wurdest, sie sind schon lange tot. Das muss man sich  mal vorstellen, sagst du: All diese Katzen, die damals Menschen beim Einschlafen halfen, die an Baumrinden ihre Krallen schärften und von denen nicht wenige keinen Namen hatten, all diese Katzen gibt es nicht mehr. Und auch die Hunde, die damals Höfe bewachten und in der Hundeschule versagten und vor deine Haustür kackten (die damals noch nicht mal die deine war), auch sie sind längst von dieser Welt verschwunden. Du sagst, du warst mal im Moma, das war zu einer Zeit, als der Herbst gerade erwachte und da war dieses Foto von einem toten Esel in Sevilla Ende der 50er Jahre und du hast dich gefragt, wie viele Menschen diesen Esel tot gesehen haben und wie wenige nur lebendig. Und dann die Fotos von den Hasen und den Hühnern der Großmutter, die wenig später schon gegessen waren. Wie sie so zeitlos aussehen, wie man den Unterschied nicht sieht, zwischen gestern und heute.

Es gab einmal einen Sommer, da hattest du eine Ziege, die schwarz und weiß war und die niemals meckerte, anders als ihr Zwillingsbruder, der Bingo hieß und eines Tages einfach nicht mehr da war. Und auch diese Ziege gibt es nicht mehr und auch keines der Schafe die im selben Stall lebten. Wie alt werden Schafe eigentlich? Wo begräbt man ihre Knochen? Und gibt es Tiere die graue Haare bekommen? Man stelle sich das einmal vor: Ein schwarzes Pferd, das aufwacht und plötzlich grau ist. Würde das Pferd das merken? Und wäre es ihm trotzdem egal? Und wie ist das mit den Schwänen? Sind die dann praktisch alt in ihrer Jugend und werden immer jünger?

Du sagst: das mit dem Selbstmord der Lemminge ist eine Erfindung von Walt Disney und schon alleine daran lässt sich erkennen, dass etwas nicht stimmt mit der Welt und Elefantenfriedhöfe hat es nie gegeben, aber trotzdem erkennen die Tiere ihre toten Artgenossen, riechen sie an ihren Knochen. Apropos tote Elefanten, – einen davon hat Edinson auf dem Gewissen. Topsy hieß der und war die Zeit seines Lebens unglücklich, du bist dir dessen sicher und der Gestank des verbrannten Elefantenfleisch muss sich Tage über die Stadt gelegt haben, so als sollte damit an etwas erinnert werden, was keiner jemals wissen wollte. Wie Edinson wohl geschlafen hat nach diesem Tag? Was er wohl träumte? Und ob jemals wieder in den Zirkus gehen konnte, ohne einen sterbenden Elefanten in einem jeden Trapezkünstler, einem jeden Clown, einer jeden menschlichen Kanonenkugel zu sehen?

All die Geweihe an den Wänden des großväterlichen Weinkellers, wo kamen sie her? Und wer hat damit angefangen? Und wird man damit jemals wieder aufhören?? Stimmt es, dass die seltsame Schuhverkäuferin aus dem Ort deiner Eltern ihren Hund ausstopfen ließ und wenn ja, wie streichelt man einen solchen Hund? Wann starb die Katze, für die jemand ein Loch in die Wohnzimmertür sägte und war es hier in dieser Wohnung? Ob das Land damals noch ein anderes war und ob die Katze es schaffte auf den Ofen zu springen und dort zu überwintern?

Draussen vor dem Fenster wird im Frühjahr ein Vogel brüten, da bist du schon längst nicht mehr hier. Und unten in dem Teich schwimmt vielleicht ein einsamer Fisch, der weinen würde, wenn er es könnte. Vielleicht fällt ein Ei aus dem Vogelnest und am Boden könnte man das sehen, was niemals eine Elster wird und auch keine Amsel und kein Kuckuck. Einen solchen hast du einmal gerettet, vor den Fängen deiner alten Katze, hast ihn mit Würmern gefüttert und eine Woche später im Wald ausgesetzt. Drei Tage später war er zurück, mit einem Loch im Nacken und gespreizten Füßen, die er in die Höhe gestreckt hatte und die Katze saß unweit davon und leckte ihre linke Vorderpfote und du wusstest schon als Kind, dass du ihr nicht böse sein kannst und die Katze schlief nachts in deinem Bett und Jahre später ging sie in den Wald und kam nie mehr wieder.

Drachenauge

Am vierten Morgen unserer Liebe, fragte Thomas mich schließlich, was für ein Tier er wäre, wäre er kein Mensch. Die Frage kam nicht überraschend, Thomas war tatsächlich die Art Mensch, die über solche Dinge stundenlang nachgrübeln konnte, dennoch wusste ich keine Antwort. ‚Sag erst du,‘ meinte ich. Und Thomas rollte sich zur Seite, er sah mich an und sagte: ‚Du bist ein Seehund.‘ ‚Ein Seehund, soso,‘ antwortete ich und Thomas nickte lachend. Ich klatschte in meine Hände und er lachte noch mehr, irgendwann stand ich dann auf und duschte lange. In der Küche brutzelte Thomas Spiegeleier, später gingen wir an den See und dann ins Kaffeehaus, hatten wir nichts zu reden klatschte ich ein weiteres Mal in die Hände und alles war seltsam gut.
Abends dann ging es um Küchengeräte. Ich sagte, er wäre ein Entsafter, Thomas verstand das natürlich sexuell und ich verzog meinen Mund, zog dann seinen an meinen und dachte: Vielleicht bist du auch so ein Ding, von dem keiner weiß was es ist, aber jeder will es haben und am Schluss stellt sich heraus, dass man damit Dinge machen kann, von deren Nützlichkeit man nicht wusste. Ein Ding, dass man nicht mitnimmt beim nächsten Umzug.
Thomas küsste allerdings zu gut, um das laut auszusprechen und als er sagte, ich wäre ein Cello, wär ich ein Instrument, dachte ich an meine breiten Hüften und sagte nur aus Trotz: ‚Du bist eine Mandoline, niemand kann dich spielen.‘
Der vierte Morgen unserer Liebe, war eigentlich schon der 35., nur trennten Thomas und mich über tausend Kilometer, die es schwer machten, sich auf normale Weise kennenzulernen. Da wir auch ziemlich schlecht waren im Telefonieren und eine Liebe, die sich nur auf das geschriebene Wort beschränkt, niemanden von uns erfüllte, gaben wir uns das Versprechen uns mindestens einmal im Monat zu sehen. ‚Ich hab ja Geld und keine Hobbies,‘ sagte Thomas und ich nickte, nannte ein Datum und er stand vor meiner Wohnungstüre.
Spielte ich Klavier, sang er dazu, mit einer seltsamen Pathetik, die ich auf seine Zeit als Sänger in einer Schlagerband zurückführte. Von dieser Zeit erzählte er sehr gerne, zeigte mir Fotos von ihm in bunten Hemden und Blumen im Haar, zeigte mir ein Video, bei dem ich kurz die Augen schließen musste, ob der Scham.
Die ersten Tage in seiner Wohnung, in diesem anderen Land, in der Stadt am See, machten mich schrecklich müde. Oft ließ ich mich aufs Bett fallen und Thomas verstand dies falsch und ließ sich auf mich fallen. Er trug Unterhosen aus einem seltsam schimmernden Material und ich dachte an Rüschen, dachte an das Wiedersehen an der Straßenbahnhaltestelle, dachte an Elvis Costello, ich weiß auch nicht warum.
Und doch waren wir glücklich. Wir fanden die selben Sachen komisch und konnten nicht aufhören uns zu küssen, hatten wir einmal damit begonnen. Wir stritten uns bereits beim zweiten Wiedersehen und niemand hat das jemals in einer solchen Schönheit gemacht wie wir. Wir versöhnten uns schnell, indem wir Fotos von einander am See machten, immer noch schweigend und dann später wieder lachten und ich sagte: ‚Das ist zuviel Hollywood, Mandoline. Das steht uns nicht.‘ Und Thomas trank Wein in großen Schlucken, nahm meine Hand wusste beim Gottfried Keller Denkmal sogar noch das Geburtsjahr dessen auswendig. Das hat mich ehrlich verblüfft.
Am sechsten Abend unserer Liebe fuhr ein Zug aus der Stadt am See in die Stadt am Fluss. Ich saß darin. Vor dem Fenster hatte es wieder angefangen zu schneien und Thomas hatte mich nicht zum Bahnhof begleitet. So war das ausgemacht gewesen und eingehalten worden. An der Bushaltestelle hatte ich ihm auf die Schulter geklopft, die Worte dann nicht gefunden und der Bus kam zwei Minuten zu spät. Ich schlief schlecht während ich durch eineinhalb Länder reiste, am nächsten Morgen ging ich zu einer Sprechstunde und bekam das Seminar, das ich mir wünschte.
Thomas und ich, wir schrieben uns. Schrieben uns täglich und telefonierten zweimal in der Woche. Wir machten das in einer gänzlich unromantischen Art und Weise, die mich manchmal lächeln ließ und viel zu oft verzweifeln. Einmal als Thomas sagte, er wünsche sich mir nahe, da hab ich laut eingeatmet und ausgeatmet und dann ‚Ja.‘ gesagt und Thomas hat das verstanden, einfach so.

Viele Tiere liefen mir über den Weg, eine Taube saß neben mir auf der Parkbank, eine Ratte querte meinen nächtlichen Weg. Die Nachbarn meiner Eltern kauften sich einen Hund und die meinigen eine Katze. Ich beobachtete eine sterbende Fliege, nachts lauschte ich den Mücken. Im Chinarestaurant schwammen die Fische in einem bunten Aquarium, am Naschmarkt wurde ein Hummer vor meinen Augen verkauft.
Irgendwann rief Thomas wieder an und ich sagte, ich habe nachgedacht, über Tiere und ihn. Seine Stimme klang erwartungsfreudig und ein wenig aufgeregt. Ich sagte: ‚Du erinnerst mich an eine Eidechse.‘ Thomas schwieg dann, es war ein empörtest Schweigen, dann sagte er: ‚Eine Eidechse? So eine, der man als Kind die Beine abreisst?‘ Und ich erklärte, dass ich sowas nie gemacht hätte. Wir begannen eine Diskussion, die zu lange dauerte, am Schluss einigten wir uns darauf, dass ja wenigstens das englische Wort für Eidechse „lizard“ wirklich schön wäre und Thomas sagte: ‚Damit kann ich leben.‘

Die Liebe zwischen uns starb knapp nach dem 15. Abend, sie starb in meiner Abwesenheit, aber mit einer Lautstärke, die sonst nur türkische Fußballfans verursachten, in der neuen Stadt, in der ich lebte. Als ich davon erfuhr, an einem regnerischen Nachmittag, über ein schnurloses Telefon, das in meiner Hand anfing zu zittern, beschloss ich drei Sachen.
Ich beschloss, ihm nicht mehr zuhören zu können. Ich beschloss, in sehnsüchtigen Momenten sein Video anzuschauen und mich zu zwingen, die Augen geöffnet zu lassen. Ich beschloss, mein nächster Geliebter würde eine Raubkatze sein, ein tasmanischer Wolf, ein Turmfalke zu guter Letzt.