Ländervorwahl

Manchmal finde ich Sätze die Telefonnummern sein könnten. ‚Ich bin nicht da.‘ ist zum Beispiel einer. Das ich ist dabei eine Eins, das bin eine Null, das nicht eine Sechs und das da eine Zwei. Ich stelle mir eine alte Frau vor, am anderen Ende der Leitung, würde ich die Nummer wählen. Sie wäre schwerhörig und würde mich nicht verstehen. ‚Ich möchte nichts kaufen.‘ wird sie sagen. Und ich werde auflegen, noch bevor mir einfallen würde, dass ich ihr sowieso nichts zu sagen habe. Ich würde Gnocchi kaufen dann, ich würde sie mit scharfen Pesto essen. Rotes Pesto, von dem mir übel wird nach kurzer Zeit.
Diese Sätze, die Telefonnummern sind, hinter denen sich nichts verbirgt, – sie entstehen in meinen Kopf in den Momenten, an denen ich am wenigstens daran denke. Wenn ich im Bett liege und endlich die Decke anstarre, (davon erzählte ich stundenlang davor) zum Beispiel und dann bleiben sie da und lege ich die Brille ab und schlafe irgendwann ein, bis sie immer noch da sind und im Hinterkopf der Atem pocht, der in Lunge keinen Platz mehr findet. ‚Mir gehört ein ganzes Haus und du wirst nie dort wohnen.‘ – 64722. ‚Treib die Ziegen in den Stall.‘ – 9965208 (Ziegen dabei zweizahlig). ‚Nils vergesse ich in den Tropen gleich nach der Ankunft.‘ – 5178456330225.
Ich kenne keinen Nils, ich kenne nur einen Freund, der sich Nils nennt, singt er Lieder auf der Bühne. Lieder zu denen wir Freunde emsig in die Hände klatschen, Biergläser aneinander stoßen und uns schwören, das nächste Mal schon mitsingen zu können. Aber Nils ist damit nicht gemeint, ich weiß nicht, woher der Name Nils in meinem Kopf kommt. Er pulsiert manchmal und manchmal sage ich: Vielleicht nenne ich meinen Sohn einmal so. Das ist natürlich nicht wahr, aber die Namensdiskussionen, die sich mit dem älter werden eindeutig häufen, sie beflügeln mich solche Lügen zu formulieren. Die lassen es mich ausmalen, wie ein blonder Junge auf dem Spielplatz zu oft fällt und beim Nachhausegehen ganz sacht meine Hand hält. Dass er nicht Nils heißt, ist spätestens dann klar, binde ich meine Haare erneut zusammen, die dunkel sind und die Farbe derer meiner Kinder haben werden. Die dann Lowis heißen, die dann Otto heißen oder Krista.
Im Namen Krista ist ein Geheimnis versteckt, das ich manchmal finde. Es hat etwas mit meiner Kindheit auf dem Land zu tun. Mit Bächen durch die ich watete und einer Katzenleiche die ich an einem Ufer fand. Victoria und ich stocherten an ihr mit Holzstecken herum, sie war steif und tot, das sahen wir nicht ganz ein und fuhren dann doch sehr schnell zum Tierarzt, der die Tür nicht öffnete und die Katze, sie musste verwesen, an dieser Stelle die wir nie mehr betraten.

‚Das Kind dessen Katze starb, es saß am Fenster bis die Mutter rief.‘ – 00357274984110845. Der Nummer nach, sitzt dieses Kind auf der Insel Zypern, ich kann mir bei Gott nicht vorstellen, dass es dort Bäche gibt.

[Am Abend weiß ich: ich kenne einen Nils. Wir nannten ihn Nilsipilsi und er lachte darüber nicht.]

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