Ach L. (III)

Ich habe mich in dich verliebt, habe ich einmal zu L. gesagt, da lagen wir auch nebeneinander,  wie jetzt. L. hat damals erst gar nichts gesagt und weiterhin beständig die Decke angestarrt. Irgendwann war ich mir gar nicht mehr sicher, ob er mich überhaupt gehört hatte und ich sagte nochmals, diesmal ein wenig bestimmter: „Ich habe mich in dch verliebt“ und L. begann zu lächeln, drehte sich zu mir um und sagte: „Das weiß ich doch.“

Zwei Sommer ist das her und wir hatten uns davor seit vier Monaten in unregelmäßigen, aber immer kürzer werdenden Abständen getroffen. Seit kurzem war auch der Punkt erreicht, an dem L. nicht mehr fragte, ob er über Nacht bleiben dürfe und ich ihm auch nicht anbot über Nacht zu bleiben, sondern dass er einfach blieb, zunächst noch, weil die U-Bahn nicht mehr fuhr, oder ich näher an seiner Arbeit wohnte, bald aber schon ohne solche Ausreden. Und bald schon mindestens dreimal pro Woche.

L. fragt mich, wie ich geschlafen habe und ich drehe mich nicht zu ihm um. Ich glaube ok, sage ich und L. legt seine Hand auf meinen Hinterkopf. „Meine Mutter hat gesagt, du solltest Hopfentee vor dem Einschlafen trinken“, meint er und ich möchte ihm sagen, dass seine Mutter keine Ahnung hat, aber schaffe es nur zu einem „Vielleicht.“ Ich frage mich, wie L. sich gerade fühlt und ob es verstehen würde, wenn ich ihn bitten würde, die nächsten Nächte bei sich zu schlafen, in dem kleinen Zimmer mit der Dachschräge, in dem ich seit Wochen nicht mehr war, in dieser Wohnung mit diesem seltsamen Mitbewohner der immer Thunfisch isst, wenn ich ihn sehe. L.s Mitbewohner mit den braunen, langen Haaren, über den wir viele Witze machten, die mir noch nie so leid getan haben, wie jetzt gerade. Er ist bestimmt ein netter Kerl, denke ich und dass man ihm eigentlich eine Chance geben sollte. Aber dann denke ich auch wieder, dass es dafür keinen Anlass gäbe, dass es soviele nette Menschen gibt und dass sowieso zu vieles zu nett ist und ich frage mich auch, ob es denn diese nette Langeweile ist, die sich in den Monaten über uns gelegt hat, wie eine zu dicke Decke, die L. im Moment so unaufregend erscheinen lässt.

Man muss wissen: nichts ist passiert. L. hat mich nicht betrogen. L. hat mich nicht vernachlässigt. Es gibt keinen neuen Mann in meinem Leben und niemand von uns hat vor ans andere Ende der Welt zu ziehen. Es ist überhaupt nichts passiert und vielleicht ist das das Problem. Ich bin dazu geneigt zu sagen, dass ich mich an L. gewöhnt habe, ich könnte ohne zu zögern sofort nachmachen, wie er sich frühmorgens streckt und ich weiß, welcher Tee sein liebster ist. Es gibt diese Stelle hinter seinem Ohr und es macht ihn verrückt, wenn ich ihn dort küsse. Ich könnte mich jetzt einfach umdrehen und das machen. Ich könnte ihn innerhalb von fünf Sekunden verrückt machen, wir könnten miteinander schlafen und es wäre gut. Aber was dann und vor allem: warum?

Als ich die ersten Morgen neben L. aufwachte, waren meine Hände feucht, weil es mich so nervös machte, diese Vorstellung, mich nur umzudrehen und er liegt da und schläft wohl noch, weil es so unendlich aufregend war L. dabei zuzusehen, wie er in seine Hose schlüpft und weil ich mir sicher war, noch nie etwas Schöneres gesehen zu haben, als L.s Rücken, wenn er vor dem Herd stand und Kaffee kochte. Und an den Morgen, an denen er ausnahmsweise nicht da war, da wachte ich trotzdem an dem äußersten rechten Rand des Bettes auf, da war ich dennoch nicht einsam, sondern lächelte still in mich hinein, weil ich wusste, dass L. die gleiche Sehnsucht verspürte wie ich. Und wenn L. und ich nebeneinander schliefen, und das taten wir viel, dann war es der tiefste Schlaf mit den komischsten Träumen. Einmal träumte ich, dass L. und ich eine Landstraße entlangfuhren, auf der uns ein Riese gemächlichen Schrittes entgegenkam, der, als er unser Auto passierte (und L. so tat, als wäre dies das Normalste auf der Welt) seine Hand auf meine Schulter legte und sie dort erst wegnahm, als er sich bereits zwei Riesenschritte entfernt hatte. Ich erzählte dies L. in der Früh und L. meinte, das würde erklären, warum ich plötzlich laut „Schau doch mal“ im Schlaf gesagt hatte und dass er aufgeschreckt war und nicht wusste was ich meine und nur mich sah ,wie ich immer noch schlief und sich dann dachte, dafür hätte sich das Aufwachen schon gelohnt. Ich nannte ihn damals einen alten Chameur und warf einen Polster nach ihm, L. fing ihn auf und zuckte mit den Schultern und verließ den Raum. Zum Frühstück aßen wir Cornflakes und ich sagte: „Ich fühle mich so sicher.“ Und L. bastelte eine Woche lang an langen Armen aus Pappmaché, mit denen er dann vor meiner Wohnungstür stand und es nicht schaffte mich zu umarmen.

„Weißt du noch“, frage ich L. und drehe mich auf den Rücken, „als wir damals hier im Bett lagen und ich zu dir gesagt habe, dass ich mich verliebt habe?“ L. nickt. „Und weißt du noch, wie du nicht sofort geantwortet hast?“ L. nickt und lächelt nun auch. „Ich dachte damals, ich müsste auf der Stelle sterben. Ich dachte, ich schließe meine Augen und es ist vorbei. Ich dachte, dass dies die längsten Minuten meines Lebens sind. Und als du dann geantwortet hast, da war ich mir gar nicht mehr sicher, ob dies gerade wirklich passiert. Und weißt du, genau das gleiche unwirkliche Gefühl habe ich jetzt auch.“

L. räuspert sich. Er streckt seine Hand nach meiner aus und sagt: „Weißt du, das gute an der Zeit ist ja, dass sie vorbeigeht. Dass immer alles die Möglichkeit hat anders zu werden und dass wir uns dann trotzdem haben. Und dass du nicht gestorben bist. Kein bißchen bist du das.“ L. dreht sich zur Seite und legt seinen Kopf an meine Schulter. Ich küsse sein Haar und weiß nicht, was ich sagen soll und weiß auch nicht, was ich fühlen soll und schon gar nicht, wie ich das L. erklären soll. Ich räuspere mich auch und murmle: „Aber das stimmt doch so nicht, L. Ich wünsche mir  halt manchmal, diesen Moment hätte es noch nie gegeben. Ich wünsche mir, er würde noch in der Zukunft liegen. Verstehst du das?“ L. presst seine Stirn gegen mich, er sagt: „Aber warum  wünscht du dir das denn? Wir würden doch danach alles genau so machen. Und ich mag diese Ruhe, die zwischen uns eingekehrt ist.“ L. blickt auf und küsst meine Wange: „Ich mag es, nicht mehr herausfinden zu  müssen, wie deine Haare riechen und wie es sich anfühlt deine Schulterbeuge zu küssen. Ich mag es, dass ich es bereits bis an mein Lebensende weiß.“

„Ach L.“, sage ich, „ach L.“ Ich beiße mir auf die Lippen und wünschte, ihm niemals sagen zu  müssen, dass sein Wissen unnütz geworden ist und  gleichzeitig, dass er sofort meinen Mund küsst, nur um sicherzugehen, dass es nichts ändert und dass die Zeit nichts ändern würde oder doch, aber dass L. das genau so bemerken würde wie ich und ich wünsche mir, dass wir wieder so tief schlafen könnten und ich aufwachen würde und L. wäre ein weißes Blatt Papier für mich auf das ich in kleinen, dichtgedrängten Buchstaben schreiben könnte und es doch nicht tue und vor allem dass ich wieder in verliebt wäre wie damals, als die Minuten so lang waren wie jetzt, nur aus gänzlich anderen Gründen.

Ach L.

Einmal war L. verreist (IV)

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