Die Geliebten

Valeria, acht Jahre, lange Zöpfe, geflochten, steht am Gartenzaun. Sie trinkt Milch zum Frühstück, warme Milch, in großen Schlucken. In der Schule mag sie am liebsten Mathematik, Zeichnen und Leibesübungen. Sie fährt ein blaues Fahrrad, sie glaubt nicht mehr an das Christkind. Abends wenn ihre Mutter sie auf die Stirn küsst, wischt sie danach mit dem Handrücken darüber.

Benno, Nachbarssohn, zwei Jahre älter, mit einer Narbe über dem linken Ellenbogen, mit blauen Augen, Augen die über Valerias Haupt hinwegsehen, wenn sie es wollen, kickt den Fußball gegen das Garagentor. Wenn er groß ist, wird er Forscher, sagt er seinen Großeltern. Zehn Schillinge bekommt er dafür, zehn Schillinge und ein Streicheln über den Kopf. Benno weiß um Valerias Blicke vom Nachbarszaun, er weiß darum und dreht sich nicht um.

Valeria will Benno heiraten, da ist sie vier Jahre, Kindergartenkind und Benno sechs, nur knapp vor der Einschulung. Sie will ihn heiraten, sie will drei Kinder. Zwei Jungen und ein Mädchen. Sie steckt sich Blumen ins Haar, sie küsst Benno auf die Wange. Benno, nicht minder angetan, lächelt verhalten. Im Fasching verkleidet sich Valeria als Fliegenpilz, Benno, der Fakir, nimmt sie an der Hand, er schenkt ihr einen Plastikring. Für die Geliebte, sagt er. Valeria versteckt ihn unter ihrem Kissen.

Benno wächst. Wächst viel, wächst schnell, beendet die Schule und will in die Stadt. Sein Rucksack ist schwer, die Mutter schenkt ihm eine Pfanne, einen Topf. Das Zimmer im Studentenheim ist grau. Benno kocht Nudeln, Benno trinkt Bier, Benno weiß die Nummer der Straßenbahn, die fährt, bis direkt vor die Uni. An den Wochenenden bei den Eltern, sitzt Valeria manchmal neben ihm. Sie sieht ihn an, sie hört ihm zu. Sie sagt, sie will es ihm gleichtun. Ich warte auf dich, sagt Benno. Dort in der Stadt, und wenn es zu laut wird, dann komm in meine Arme.

Valeria, ein Meter zweiundsiebzig, neunzehn Jahre, braune Haare, helle Augen, beendet ihre Schule. Packt Koffer, zieht in die Stadt, in der Benno wartet, am Bahnhof. Er trägt ihren Koffer, er hält ihre Hand, abends schläft er früh ein. Valeria liest in seinen Büchern, Valeria legt den Ring unter das Kissen. Valeria liegt an Bennos Rücken, sie bewegt sich nicht, sie legt ihre Stirn an seine Haut.

Benno und Valeria, immer noch keine dreissig, glattes Haar, mit Vorliebe für klassische Musik, Studium beinahe abgeschlossen, heiraten an einem Sommertag. Sie heiraten unter freiem Himmel, sie tanzen zu Aretha Franklin, sie lassen Tauben fliegen, Tränen rollen, Küsse schmecken. Später zieht Valeria ihre Schuhe aus, schiebt ihr Kleid hoch, setzt sich auf Bennos Schoß, blickt ihn lange an. Benno sagt Worte, Valeria hört ihnen zu. Benno küsst ihren Mund, Valerias Hand umklammert Bennos Krawatte. Im Sommer wollen sie verreisen, wollen an das Meer, den Strand, wollen segeln lernen. Valeria kauft einen Bikini, kauft Benno eine Badehose. Zuhause in der kleinen Wohnung kocht sie Abendessen, wartet auf Benno. Gemeinsam sehen sie Thomas Gottschalk im Fernsehen zu. Als Valeria kurz einnickt, zuckt sie mit den Schultern. Wie damals, als wir Kinder waren, erzählt ihr Benno später. Valeria wünscht sich den ersten Sohn herbei.

Am Meer, an den Klippen, da liegt Valeria, sieht in die Wolken. Benno, braungebrannt, mit einem Ansatz von Locken, zwei Plastikflaschen in der Hand, eine Geldbörse unter der Achsel, nähert sich aus der Ferne. Das grüne Gras, auf dem sie sitzen, wird langsam kalt. Valeria schreibt eine Postkarte an die Eltern, Benno unterschreibt rechts von ihr. Benno malt ein Segelboot auf den Kassazettel, malt Wellen, malt einen Fisch. Valeria sagt, noch vier Monate und das Kind ist endlich da.

Unter dem Weihnachtsbaum eine Rassel, ein Tragetuch, eine selbstgestrickte Haube. Vor dem Baum Valeria, noch geschwächt, aber glücklich, Benno, das Kind, das schläft, auf seinem Arm. Stille Nacht singen sie, Oh du fröhliche, Feliz Navidad. Valeria, die einen Kuchen gebacken hat, ruft später ihre Schwester an, sie sitzt dabei auf dem Bett, ihr Unterleib schmerzt noch manchmal. Am Schluss küsst sie den Telefonhörer, lässt sich zurückfallen. Valeria beginnt zu warten.

Benno, vierundreißig, Ansatz einer Glatze, promovierter Chemiker, Vater des Linus, steht an der Brücke, die führt über den großen Fluss. Er raucht eine Zigarette, er hört die Ubahn hinter seinem Rücken. Zuhause, seine Frau, die liegt auf dem Bett, die weint morgens, die nicht spricht, nicht mit ihm. Bei den Eltern der Sohn, der Eisenbahnen liebt, Eisenbahnen und Heidelbeeren. Nur für zwei Tage, hatte Benno gesagt, die Eltern haben genickt.

Valeria, mit langsam ergrauendem Haar, Mutter eines Sohnes, dessen erstes Wort tata war, weiß nicht was sie kochen soll. Mit der Hand streicht sie über die Gewürzdose, sie hält sich die andere an den Kopf. Sie wartet, sitzend in einer Ecke, bis Benno nachhause kommt. Sie blickt ihn an, sie schluchzt leise. Tee macht er ihr, Kekse bringt er ihr. Lass uns wegfahren, meint er. Valeria schüttelt den Kopf. Die Eltern rufen an, die Eltern und Linus. Noch ein Tag länger, bittet Benno. Abends verfängt er sich mit den Fingern in Valerias Haaren. Morgens wundert er sich über das Wetter.

Linus, sieben Jahre, Einzelkind mit Hang zur Selbstdarstellung, fährt mit seinem Skateboard die Auffahrt auf und ab. Später will er Sänger werden, will auf einer Bühne stehen. Ein Lied hat er sich schon ausgedacht, Oma hat es gemocht. Er isst gerne Schokoriegel, er weiß die Namen aller Planeten. Sein bester Freund heißt Peter, Peter Ludwig, Peter mit den blauen Augen, Peter der in der Schule neben ihm sitzt.

Es ist Samstag, Linus fährt hin, Linus fährt her. In einer Stunde kommt der Papa, hört er die Oma schreien. In seiner Tasche ist eine Zeichnung. Sie zeigt Mama, Papa, Linus und einen Papagei. Wenn du geduldig genug bist, hat der Papa gesagt, dann lernt die Mama auch wieder sprechen. Linus, Morgenmuffel, Sonntagskind, Rechtshänder, zweitnamenlos, zeichnete einen Papagei, einen Papagei für Mamas Krankenzimmer. Er wartet mit gescheitelten Haar, vor dem Fernseher auf Benno. Benno küsst das Kind, er blickt auf die Zeichnung, er sagt, das hilft.

Linus glaubt seinem Vater jedes Wort.

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