L. L. sein lassen (I)

Nie wieder L.s Körper küssen. Immer noch wissen, wie es sich anfühlt, immer noch wissen, wo er es am liebsten hat und es trotzdem nicht mehr tun. Keine Brote mehr schmieren und dabei daran denken, was man auf die Nachricht von eben antworten könnte. Keinen Grund mehr haben vor dem Schlafen das Telefon in der Nähe zu wissen. Weniger oft U-Bahn fahren, mehr in der Nachbarschaft bleiben. Ohne Bedenken zwei Wochenenden hintereinander zuviel rauchen. Anfangen Geld zu sparen, unverantwortlich zu werden, wieder öfters mit den Schultern zu zucken. L’s Adresse irgendwann vergessen, dann seine erste Postkarte von der Wand nehmen, vielleicht umgekehrt. Nachts die Füße mit Socken statt mit seinen Waden wärmen. Ihn sich nicht mehr Fahrrad fahrend neben einem vorstellen, sondern stattdessen tatsächlich auf die Straße konzentrieren. Nicht eine Zehnerpackung Eier kaufen, sechs genügen auch. Nur noch manchmal Zeit mit G. und P. verbringen, sie ihm langsam zurückgeben. L’s Freiheit nicht mehr beanspruchen und die eigene wieder kennen lernen. Den zweiten Polster in den Schrank packen, ihn im Sommer wieder hervorholen und Gästen anbieten. Vielleicht den Pulli noch einmal waschen und dann in den Container werfen, dabei nicht denken und hoffen, dass L. ihn schon längst vergessen hat. Seine Nachrichten bei Kaffee und Kuchen löschen, anfangen seine Stimme komisch zu finden und sein Lachen auch. Wieder mal bei B. anklingeln, wieder mal bei B. vorbeischauen. L. aussparen aus all den Erzählungen, L. zu einem Etwas machen, das immer mehr verschwindet. L. keine betrunkenen Briefe schreiben. Die betrunkenen Briefe an L. endgültig nicht mehr abschicken. Keine Tage zählen und nichts mehr erwarten. Nie wieder Dinge in sein Ohr flüstern, schon gar nicht wenn es dunkel ist. Morgens quer liegend im Bett aufwachen. L. auf dem Markt sehen, sich umdrehen und kurz nicht wissen was zu tun. Den Park meiden, die kleine Querstraße und das Café mit der bunten Tapete auch. Beim Aufräumen seine  Armbanduhr finden, sie kurz anschauen und sich wundern. Das nächste Mal alleine ans Meer fahren, am Strand sitzen, wissen, dass man L. jetzt anrufen könnte und es doch nicht tun. Herausfinden, ob man die Filme auch ohne ihn mag. Mitte Mai keinen Kuchen für ihn backen. L.s Beine nicht mehr entlangfahren und sein Schlüsselbein nie wieder das schönste der Welt nennen. Ohne Zögern Zitrone in die volle Teekanne pressen, bei offenen Fenster schlafen, die Mitgliedschaft in der Videothek auflösen. Kurz erschrecken, wenn das Telefon doch mal nachts klingelt. Irgendwann zufällig an L.s Haus vorbeifahren und gar nicht  mehr wissen, ob es noch das seine ist. Hören, dass L. sich  mit der Frau von der Arbeit trifft und dabei nicken. Nie wieder in seine offenen Arme laufen, nie wieder neben ihm am Fluss liegen und gar nichts sagen. zuviele Teller besitzen und zuviele Gabeln. Die Fischmesser wegpacken und die Martinigläser auch. An Ostern in der Stadt bleiben, sowie im August. die Lichterkette abnehmen, stattdessen nichts mehr aufhängen, die weiße Wand anstarren und L. im Stillen um Verzeihung bitten. Lernen wie man selber Quiche macht, herausfinden, ob es nicht doch schneller ist eine S-Bahn-Station früher auszusteigen. Öfters Menschen zu Besuch haben, mit dem DJ flirten, sich  mal wieder auf Getränke einladen lassen. Im Bad den Handtuchhaken plötzlich für Halsketten benutzen. L.s Namen auch mit anderen Menschen verbinden, für L. keine neuen Kosewörter mehr erfinden, L. L. sein lassen, L. manchmal vermissen, L. sich nicht erklären können, L. weinen sehen und davonlaufen, L.s Anrufe ignorieren, L.s Abwesenheit reallisieren. L. nicht beim Studienabschluss dabei haben, den Eltern L.s Fehlen erst Monate später erklären. Den Kopf nie wieder auf L.s Brustkorb betten. Nicht mehr darüber wundern, was er gerade träumt.
Hoffen, dass L. irgendwann versteht.

L. sitzt auf dem Küchentisch (II)

2 Gedanken zu “L. L. sein lassen (I)

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