Eine andere Geschichte

Es blitzt in der Nachbarwohnung. Seit zehn Minuten tut es das. Ich frage mich, ob es die schönsten Fotos des Dezembers sind, die da entstehen. Ein Mann sitzt in einem Sessel, er liest ein Buch, auf dem Boden steht eine Teetasse und immer wieder nickt er kurz ein. Eine Frau steht im Türrahmen und drückt in unregelmäßigen Abständen auf de Auslöser. Sie macht ein ernstes Gesicht, etwas in ihr sagt ihr, dass dieser Moment mit all seiner Alltäglichkeit ein wichtiger sein wird, dass es einen Moment in ihrem Leben geben wird, an dem sie diese Minuten als Meilensteine ihres Daseins bezeichnen würde. Sie steht also da, mit dem ernsten Gesicht und fotografiert den Mann, der immer kurz aufschreckt, weil der Blitz ihn blendet. Der Mann und die Frau wohnen dort seit zwei Jahren, sie haben sich über Freunde kennengelernt und von Anfang an von dem jeweils anderen als „eine durchaus mögliche Option“ gedacht. Als sie sich das erste Mal küssen, war der Mann betrunkener als die Frau, aber das hat sie ihm nie gesagt.

Manchmal liegt die Frau nachts wach neben dem Mann im Bett und überlegt, wie sie die Kinder nennen würden, von denen sie in diesen schlaflosen Stunden hofft, dass sie bald kommen werden. Sie starrt dabei an die Decke und jedesmal, wenn der Mann sich im Schlaf bewegt, legt sie kurz ihre Hand auf seinen Arm. Diese Geste, die nie jemand sehen wird, ist das Tröstlichste das es gibt in diesen Moment und all die Albträume die die Menschen im Umkreis von fünfundsiebzig Metern gerade heimsuchen sind mit dieser Berührung auf der Stelle vorbei. Wenn der Mann die Frau am Morgen fragt, wie sie geschlafen hat, so weiß sie darauf keine Antwort und vergräbt stattdessen ihr Gesicht in seiner Halsbeuge. Der Mann legt seine Wange an ihren Kopf. Ihre Haare riechen seit Jahren gleich und er überlegt, ob dieser Geruch nicht eigentlich schon Grund genug ist sie zu lieben.

Eine andere Geschichte:

Das Blitzen stammt von einem Stabfeuerzeug, das ein Mann gedankenverloren immer wieder kurz anmacht. Er steht unweit des Fensters, er schaut hinaus, ohne wirklich zu schauen. Gestern hat er zuviel Wein getrunken, gemeinsam mit einem alten Freund, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie sprachen über das Wetter und über den letzten Sommer, der Freund sagte oft „Aber wirklich“ und der Mann war sich sicher, dass er es kein einziges Mal so meinte. Heute Abend hat der Mann sich entschlossen zu Hause zu bleiben. Sein Telefon ist aus und der Fernseher auch. Er weiß nicht so recht, was er mit sich anfangen soll. Er ist darüber eigentlich ganz froh. An der Wand neben dem Fenster hängt eine Postkarte, die einmal jemand von einem Meer schrieb, in dem ein Hai schwamm. Der Mann überlegt, was der Verfasser der Karte wohl jetzt gerade macht und dann ob er sich einen Tee machen soll. Das Feuerzeug klickt. Die Flamme bleibt nie lange genug, um sich daran zu verbrennen.

Eine andere Geschichte:

Gestern haben sie beschlossen, dass das einzige das wirklich gegen die außergewöhnliche Kälte dieses Dezembers helfen könnte ein Abend mit Actionfilmen, Bier und Freunden sei. Sie luden neun Freunde ein, von denen fünf tatsächlich kamen. Jetzt sitzen sie vor dem Fernseher, die meisten auf dem Boden und schauen Arnold Schwarzenegger zu, wie er die Welt rettet. Draussen schneit es gerade nicht, aber ein jeder hat mindestens einmal an diesem Abend die Schwierigkeit auf den eisigen Gehsteigen nicht auszurutschen erwähnt. Der Film dauert noch zwanzig Minuten, die Freunde essen Chips und ein wenig ist es tatsächlich so, als würde dieser Abend gegen die Kälte helfen, die vor dem Fenster wütet, die Menschen dazu bringt sich trippelnd fortzubewegen, ihre Münder in Rollkrägen zu verstecken und dreimal aufzustampfen, nachdem sie ein Haus betreten haben.

So könnte es sein.

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