Das alles kommt mit

Siehst du da oben, der Himmel? Das ist immer noch der selbe wie in Wien. Und auch diese Wolke da, sie könnte auch über der Stadt im Süden hängen und keinem würde es auffallen. Diese Orange da im Supermarkt, es ist nur Zufall, dass sie hier und nicht in der Kaiserstadt gelandet ist. Ein wenig ist das wie bei mir.

Ich schlafe bald das sechste Mal in diesem Zimmer mit den vielen Tapetenresten ein und das sechste Mal wird es ein tiefer Schlaf sein. Drehe ich mich zur Seite spüre ich den Lattenrost durch die dünne Matratze und wache ich morgens auf, sind meine Hände und meine Nasenspitze kalt. Ich trinke viel Tee, – Melisse, Hagebutte, von griechischen Bergen, Ingwer und Apfel. Ich sitze in der Küche und dann wundere ich mich kurz, wie lange es dauern wird, bis du auch hier sitzen wirst und wie das sein wird und ob du verstehen wirst, warum ich hier her musste. Wir könnten dann aus dem Fenster schauen, und ich würde auf die anderen Wohnungen zeigen, in denen Menschen wohnen, die mir so lieb sind und später bekommst du eines meiner zwei Räder und entweder ist der Kanal gefroren oder schon nicht mehr, aber beides hätte seine Richtigkeit.

Ich hätte mich dir gerne erklärt, an meinen letzten Tagen in Wien. Ich hätte dir gerne gesagt, warum ich nicht bleiben kann. Warum sich Berlin als so dringender Wunsch in mir manifestiert hat in den letzten Jahren, aber ich war mir nicht sicher, ob du das verstehen könntest und dann war ich mir auch schon nicht mehr sicher, ob ich es so genau verstehe und dann war es irgendwie auch schon nicht mehr so wichtig und ich zuckte mit meinen Schultern und legte später meinen Kopf an die deinen und wunderte mich über vieles.

Ich trage deine Handschuhe jeden Tag. Ich gehe damit die Straße hinunter, zum Supermarkt, zum Späti, zum Kaffee trinken und zur U-Bahn. Ich habe keine Hast mehr, die Stadt ist schon so lange eine meiner Vertrauten, ich muss sie mir nicht in Windeseile zurückerobern. Stattdessen laufe ich oft rasch wieder zurück in die Wohnung, lege die Handschuhe auf die kaputte Waschmaschine und setze mich auf das Sofa, die Tür in Blickweite und den Kopf voller Dinge, die ich dir erzählen möchte, irgendwann einmal und vielleicht auch nur gerade in diesem Moment. Zum Beispiel von den Kakis, die hier Persimons heißen oder von dem Nähkasten an dem ich seit vier Tagen vorbeischleiche und es noch mindestens eine Woche machen werde, bevor ich nach dem Preis frage, oder von der Kellnerin in der Bar heute Abend, die uns zum Abschied „Tschüss ihr Mäuse“ zurief. Von dem Pudding mit Spinat den uns Mehmet angeboten hat und von dem Heimweg, der in Wien lange erscheinen würde, aber hier genau richtig.

Ich habe unser Foto aufgehängt, es hängt alleine an der Wand und manchmal sehe ich es an und frage mich, was das denn alles soll. Ich sehe es an und sehe dich und mich, die ich meine Haube halte, weil der Wind sie sonst davontragen würde. Ich sehe den schönsten Herbst hinter uns, ich sehe deinen Arm und ich erinnere mich, wie es mich irritiert hat, dass du ihn so eng um mich geschlungen hast. Hinter uns geht die Sonne unter und ich will dich darum bitten, dass wir, auch wenn alles anders wird, als es sollte, dass wir uns nächstes Jahr dort auf diesem Turm wiedersehen. Wir könnten ein weiteres Foto von uns machen und unsere Namen diesmal in das Geländer kratzen, wie es die Menschen seit siebizig Jahren tun. Im Stiegenhaus würde ich wieder auf dich warten und bereits wissen, dass dies alles seine Richtigkeit hat.

Ich habe mir erzählen lassen, dass es auch hier im Berliner Osten eine solche Warte gibt. Sie verfällt langsam und dennoch kann man sie noch erklimmen. Ich habe mir auch erzählen lassen, dass sie im Wald steht, mitten im Wald und man nichts mehr sieht, ist man auch ganz oben. Ich wollte einwerfen, dass es darum ja auch gar nicht mehr geht, aber habe dann nur genickt und gelächelt. Solche Geschichten sind Geschichten vom Sommer, sie erzählen von grünen Blättern und Armen ohne Bedeckung. Sie lassen mich hoffen.

Im Winter, der ganz eigentlich noch ein Herbst ist, da standen wir vor einer Tür und ich konnte die Stunden bis zu meiner Abfahrt bereits an zwei Händen abzählen und du sagtest Sätze, die ich mir gerne auf Zettel schreiben und in der Wohnung verteilen würde. Unsere Fußspitzen blickten einander zu und ich versuchte eine Zeit zu gewinnen, deren Nutzen ich mir nicht sicher war. Du hast damals gesagt, dass du niemals Deutsch lernen wirst und ich wollte protestieren und will es immer noch und erkenne gleichzeitig, dass diese Sprache somit ein Schutzmantel ist, der mich umgibt. Ich kann mich dahinter verstecken und ich kann ihr die Schuld geben und ich kann dennoch versuchen sie dir näher zu bringen. Mit einem jeden Tag ein Wort. Ein Wort das dann vielleicht doch einiges erklärt, das davon erzählt, wie es ist, hier in der U-Bahn zu sitzen und zu wissen, dass es hier weitergehen wird und dennoch gleichzeitig diese Traurigkeit zu verspüren, weil du in diesem Moment nicht hier bist, sondern in dieser Stadt im Süden, wo du den Schnee bewunderst der hier auch liegt und über den ich mich auch wundere und vielleicht reicht das ja auch. Vielleicht ist das genug.

(und wenn nicht, dann sollten wir uns beeilen und dann sollte sich diese Stadt hier beeilen und der Frühling sollte bald kommen. Aber das sollte er sowieso. Ich weiß.)

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