Mein Maler

Mein Maler
lehnte gestern an
einer Mauer
hinter der die sieben Wunder wohnen

Er sagte
Es ist alles genauso wie es ist
er lachte
er bohrte sich den Pinsel
mitten in den Bauch

Früher war er groß
für mich
war ein wandelndes Zölibat
das andere Männer
aussehen ließ wie Kröten
sprechen ließ wie Kinder
und riechen ließ wie der November
des vorletzten Jahres

Früher war er tapfer
an Festtagen und solchen
mit Stunden ohne Ende
er trank den Wein in zwei Schlucken
er brach das Brot entzwei
in seinen Blicken wohnte das Meer
und ich in ihm

Früher war er schlau
wusste schon am Vortag
die Namen der Gäste
die wir stets erwarteten
er sagte Silben einzeln
er dachte in zwei Zeiten
er blickte mich nicht an

Mein Maler ist alt
er schrumpft
Mein Maler weint an Dienstagen
er schreit an den Wochenenden
mein Maler sagt:
Da, hinter dieser Wand
da wohnen sie
die Wunder
die irgendwann mal uns gehörten.

Mein Maler
will dass ich jetzt gehe
er sagt der Abschied und
die Schönheit wären das
was uns noch fehlt
Er kommt dabei zur Tür herein
die einmal ein Versprechen war

(Ich weiß
ich sollte nicken
und ihm die Hände reichen
die längst in meiner Tasche wohnen
und in die ich einmal
seine Liebe  schrieb
ohne zu wissen warum.)

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By 2am all the sadness was gone

By two AM all the sadness was gone. Heldenplatz, Wien. That’s where I stood all alone, listening to Sigur Ros and waiting (just for a second) for snow. It took me another hour to finally reach home by foot. It took me another 30 minutes to finally feel my hands and my nose again. It might take another day to get my voice back which I lost somewhere between ABBA and Elton John in an empty art gallery. Karaoke saved my soul. Again.

The sadness was still gone this morning when I woke up because a chimney sweeper rang the door bell. A chimney sweeper with very old and very dirty glasses. I always wonder what kind of people choose this profession and I always imagine them as people who liked magic tricks when they were children. The chimney sweeper looked at me while I was coughing and told me to go back to bed. I nodded and for some seconds I had the urgent wish to touch his arm.

After I closed the door behind him I realised that I didnt wish him a happy new year so I shouted these words through the already closed door. The chimney sweeper who apparently still stood behind it shouted the same back. I guess nothing bad can happen now.

Nothing at all.

Die Geliebten

Valeria, acht Jahre, lange Zöpfe, geflochten, steht am Gartenzaun. Sie trinkt Milch zum Frühstück, warme Milch, in großen Schlucken. In der Schule mag sie am liebsten Mathematik, Zeichnen und Leibesübungen. Sie fährt ein blaues Fahrrad, sie glaubt nicht mehr an das Christkind. Abends wenn ihre Mutter sie auf die Stirn küsst, wischt sie danach mit dem Handrücken darüber.

Benno, Nachbarssohn, zwei Jahre älter, mit einer Narbe über dem linken Ellenbogen, mit blauen Augen, Augen die über Valerias Haupt hinwegsehen, wenn sie es wollen, kickt den Fußball gegen das Garagentor. Wenn er groß ist, wird er Forscher, sagt er seinen Großeltern. Zehn Schillinge bekommt er dafür, zehn Schillinge und ein Streicheln über den Kopf. Benno weiß um Valerias Blicke vom Nachbarszaun, er weiß darum und dreht sich nicht um.

Valeria will Benno heiraten, da ist sie vier Jahre, Kindergartenkind und Benno sechs, nur knapp vor der Einschulung. Sie will ihn heiraten, sie will drei Kinder. Zwei Jungen und ein Mädchen. Sie steckt sich Blumen ins Haar, sie küsst Benno auf die Wange. Benno, nicht minder angetan, lächelt verhalten. Im Fasching verkleidet sich Valeria als Fliegenpilz, Benno, der Fakir, nimmt sie an der Hand, er schenkt ihr einen Plastikring. Für die Geliebte, sagt er. Valeria versteckt ihn unter ihrem Kissen.

Benno wächst. Wächst viel, wächst schnell, beendet die Schule und will in die Stadt. Sein Rucksack ist schwer, die Mutter schenkt ihm eine Pfanne, einen Topf. Das Zimmer im Studentenheim ist grau. Benno kocht Nudeln, Benno trinkt Bier, Benno weiß die Nummer der Straßenbahn, die fährt, bis direkt vor die Uni. An den Wochenenden bei den Eltern, sitzt Valeria manchmal neben ihm. Sie sieht ihn an, sie hört ihm zu. Sie sagt, sie will es ihm gleichtun. Ich warte auf dich, sagt Benno. Dort in der Stadt, und wenn es zu laut wird, dann komm in meine Arme.

Valeria, ein Meter zweiundsiebzig, neunzehn Jahre, braune Haare, helle Augen, beendet ihre Schule. Packt Koffer, zieht in die Stadt, in der Benno wartet, am Bahnhof. Er trägt ihren Koffer, er hält ihre Hand, abends schläft er früh ein. Valeria liest in seinen Büchern, Valeria legt den Ring unter das Kissen. Valeria liegt an Bennos Rücken, sie bewegt sich nicht, sie legt ihre Stirn an seine Haut.

Benno und Valeria, immer noch keine dreissig, glattes Haar, mit Vorliebe für klassische Musik, Studium beinahe abgeschlossen, heiraten an einem Sommertag. Sie heiraten unter freiem Himmel, sie tanzen zu Aretha Franklin, sie lassen Tauben fliegen, Tränen rollen, Küsse schmecken. Später zieht Valeria ihre Schuhe aus, schiebt ihr Kleid hoch, setzt sich auf Bennos Schoß, blickt ihn lange an. Benno sagt Worte, Valeria hört ihnen zu. Benno küsst ihren Mund, Valerias Hand umklammert Bennos Krawatte. Im Sommer wollen sie verreisen, wollen an das Meer, den Strand, wollen segeln lernen. Valeria kauft einen Bikini, kauft Benno eine Badehose. Zuhause in der kleinen Wohnung kocht sie Abendessen, wartet auf Benno. Gemeinsam sehen sie Thomas Gottschalk im Fernsehen zu. Als Valeria kurz einnickt, zuckt sie mit den Schultern. Wie damals, als wir Kinder waren, erzählt ihr Benno später. Valeria wünscht sich den ersten Sohn herbei.

Am Meer, an den Klippen, da liegt Valeria, sieht in die Wolken. Benno, braungebrannt, mit einem Ansatz von Locken, zwei Plastikflaschen in der Hand, eine Geldbörse unter der Achsel, nähert sich aus der Ferne. Das grüne Gras, auf dem sie sitzen, wird langsam kalt. Valeria schreibt eine Postkarte an die Eltern, Benno unterschreibt rechts von ihr. Benno malt ein Segelboot auf den Kassazettel, malt Wellen, malt einen Fisch. Valeria sagt, noch vier Monate und das Kind ist endlich da.

Unter dem Weihnachtsbaum eine Rassel, ein Tragetuch, eine selbstgestrickte Haube. Vor dem Baum Valeria, noch geschwächt, aber glücklich, Benno, das Kind, das schläft, auf seinem Arm. Stille Nacht singen sie, Oh du fröhliche, Feliz Navidad. Valeria, die einen Kuchen gebacken hat, ruft später ihre Schwester an, sie sitzt dabei auf dem Bett, ihr Unterleib schmerzt noch manchmal. Am Schluss küsst sie den Telefonhörer, lässt sich zurückfallen. Valeria beginnt zu warten.

Benno, vierundreißig, Ansatz einer Glatze, promovierter Chemiker, Vater des Linus, steht an der Brücke, die führt über den großen Fluss. Er raucht eine Zigarette, er hört die Ubahn hinter seinem Rücken. Zuhause, seine Frau, die liegt auf dem Bett, die weint morgens, die nicht spricht, nicht mit ihm. Bei den Eltern der Sohn, der Eisenbahnen liebt, Eisenbahnen und Heidelbeeren. Nur für zwei Tage, hatte Benno gesagt, die Eltern haben genickt.

Valeria, mit langsam ergrauendem Haar, Mutter eines Sohnes, dessen erstes Wort tata war, weiß nicht was sie kochen soll. Mit der Hand streicht sie über die Gewürzdose, sie hält sich die andere an den Kopf. Sie wartet, sitzend in einer Ecke, bis Benno nachhause kommt. Sie blickt ihn an, sie schluchzt leise. Tee macht er ihr, Kekse bringt er ihr. Lass uns wegfahren, meint er. Valeria schüttelt den Kopf. Die Eltern rufen an, die Eltern und Linus. Noch ein Tag länger, bittet Benno. Abends verfängt er sich mit den Fingern in Valerias Haaren. Morgens wundert er sich über das Wetter.

Linus, sieben Jahre, Einzelkind mit Hang zur Selbstdarstellung, fährt mit seinem Skateboard die Auffahrt auf und ab. Später will er Sänger werden, will auf einer Bühne stehen. Ein Lied hat er sich schon ausgedacht, Oma hat es gemocht. Er isst gerne Schokoriegel, er weiß die Namen aller Planeten. Sein bester Freund heißt Peter, Peter Ludwig, Peter mit den blauen Augen, Peter der in der Schule neben ihm sitzt.

Es ist Samstag, Linus fährt hin, Linus fährt her. In einer Stunde kommt der Papa, hört er die Oma schreien. In seiner Tasche ist eine Zeichnung. Sie zeigt Mama, Papa, Linus und einen Papagei. Wenn du geduldig genug bist, hat der Papa gesagt, dann lernt die Mama auch wieder sprechen. Linus, Morgenmuffel, Sonntagskind, Rechtshänder, zweitnamenlos, zeichnete einen Papagei, einen Papagei für Mamas Krankenzimmer. Er wartet mit gescheitelten Haar, vor dem Fernseher auf Benno. Benno küsst das Kind, er blickt auf die Zeichnung, er sagt, das hilft.

Linus glaubt seinem Vater jedes Wort.

L. sitzt auf dem Küchentisch (II)

L. sitzt auf dem Küchentisch und wippt mit seinen Füßen. Seit mindestens drei Minuten tut er das schon und ein jedesmal wenn ich mich umdrehe, möchte ich ihm sagen, dass er damit sofort aufhören soll. Er hält seinen Kopf schief und sieht mir zu, wie ich das Gemüse klein hacke. Ich weiß ihn hinter mir, ich spüre seinen Blick, ich wünschte es würde vergehen. Seit der Entschluss getroffen wurde, L. gehen zu lassen oder vielleicht auch L. zum Gehen zu bringen, sind die Tage länger und die Sonne noch heißer als zuvor. L. schnarcht nachts leise und ich liege neben ihm und starre an die Decke. Ich frage mich dabei nichts, sondern zähle immer wieder bis einhundert. Manchmal dreht sich L. zu mir und legt seinen Arm um mich und ich lege meine Arme um seine Arme und kurz denke ich, es könnte so weitergehen, es wäre morgen schon wieder alles anders. Aber dann fällt mir die Schwere von L.s Arm auf und dass ich immer noch nicht schlafe und wenn ich morgens bereits geduscht habe, wenn er aus dem Bett kriecht, so warte ich mit angezogenen Beinen in der Küche und L. küsst meinen Mund und ich frage mich, ob es das 5. letzte Mal ist oder das 10. letzte Mal und ob L. denn gar nichts merkt.

Jetzt fängt L. an ein Lied zu summen. Er summt und schnippt mit seinen Fingern. Ich schneide noch zwei Karotten, dann muss ich diesen Raum verlassen, denke ich, aber dann spüre ich L.s Hand auf meiner Schulter und seinen Atem in meinem Haar und L. sagt: „Wir sollten bald verreisen“ und ich nicke und wünschte, er hätte das vor einem Jahr gesagt, als eine jede seiner Berührungen Räume öffnete für mich und die Traurigkeit noch auf dem Baum vor dem Fenster wohnte und mich nicht ansah vor dem zu Bett gehen.

Denn L. und ich, das war mal die Verheißung großer Dinge. Das war ein Tischfeuerwerk in einem kleinen Raum, jede Stunde aufs Neue. Das war ein süßer Pfirsich an einem heißen Sonnentag. Das war Neuschnee zu Weihnachten. Das war ein Gefühl im Bauch, das man noch gar nicht kannte. Das war ein Anruf zur richtigen Zeit. Das war der schönste Film und der schönste Soundtrack noch dazu. Das war Küssen auf einer Wiese im Frühjahr. Das war ein Foto auf dem wir beide in andere Richtungen lachen und doch nur uns meinen. Das war eine Zugfahrt mit lauter Birken vor dem Fenster. Das war ein Herz im Schnee und zwei Buchstaben auch. Das war ein Lied, das nur uns gehörte. Das waren Nachrichten um drei Uhr nachts. Das war ein Sprung von der Brücke in den Fluss. Und das war seine Hand auch unter Wasser noch in meiner zu spüren.

Hätte ich damals ein Buch geschrieben, ich hätte es nur L. gewidmet, ich hätte geschrieben: Für L. und seine Liebe. Ich hätte mich nicht pathetisch gefühlt. Ich hätte L. davon nicht erzählt und wenn er es zum ersten Mal in der Hand gehalten hätte, hätte er mich danach angeschaut, mit diesen glücklichtraurigen Augen und dann hätte er seine Hand in meinen Nacken gelegt und einen Satz gesagt, der die Wahrheit gewesen wäre.

(Und hätte L. ein Album herausgegeben, so wäre mein Name in jedem Lied mitgeschwungen. Ich wäre auf Konzerten in der dritten Reihe gestanden. Ich hätte später Buttons für ihn verkauft und im Backstagebereich hätten wir herumgeknutscht, als wären wir Teenager. Als wäre dann morgen schon alles vorbei.)

„Wohin?“ frage ich L. und er sagt, er wisse es auch nicht. Aber wir sollten das machen, wir brauchen andere Ausblicke, wir könnten nicht noch einen Sommer die Äste des Baumes vor dem Küchenfenster zählen. „Wie Recht du doch hast“, sage ich und meine dabei etwas anderes als L., aber finde nicht den Mut ihm das zu sagen.

Später essen wir und ich blicke ihn nicht an. L. spielt mit seinem Handy, es macht mich wütend. Er sagt, er müsse dann los und G. treffen, aber wir könnten ja heute Abend vielleicht einen Film schauen und ich schüttle meinen Kopf, ich sage, ich wäre gerne ein wenig alleine und müsse außerdem noch Sachen für die Arbeit erledigen. In Ordnung, sagt L. und nimmt ein Stück Zucchini von meinem Teller. Du bist wunderschön heute, sagt er auch. Und ich beiße mir auf die Lippen und stoße mit meinem Knie an seines und sage: Der Baum hat 34 Äste. L. lacht kurz und L. sagt: Du bist mir aber eine.

Ach L (III)

L. L. sein lassen (I)

Nie wieder L.s Körper küssen. Immer noch wissen, wie es sich anfühlt, immer noch wissen, wo er es am liebsten hat und es trotzdem nicht mehr tun. Keine Brote mehr schmieren und dabei daran denken, was man auf die Nachricht von eben antworten könnte. Keinen Grund mehr haben vor dem Schlafen das Telefon in der Nähe zu wissen. Weniger oft U-Bahn fahren, mehr in der Nachbarschaft bleiben. Ohne Bedenken zwei Wochenenden hintereinander zuviel rauchen. Anfangen Geld zu sparen, unverantwortlich zu werden, wieder öfters mit den Schultern zu zucken. L’s Adresse irgendwann vergessen, dann seine erste Postkarte von der Wand nehmen, vielleicht umgekehrt. Nachts die Füße mit Socken statt mit seinen Waden wärmen. Ihn sich nicht mehr Fahrrad fahrend neben einem vorstellen, sondern stattdessen tatsächlich auf die Straße konzentrieren. Nicht eine Zehnerpackung Eier kaufen, sechs genügen auch. Nur noch manchmal Zeit mit G. und P. verbringen, sie ihm langsam zurückgeben. L’s Freiheit nicht mehr beanspruchen und die eigene wieder kennen lernen. Den zweiten Polster in den Schrank packen, ihn im Sommer wieder hervorholen und Gästen anbieten. Vielleicht den Pulli noch einmal waschen und dann in den Container werfen, dabei nicht denken und hoffen, dass L. ihn schon längst vergessen hat. Seine Nachrichten bei Kaffee und Kuchen löschen, anfangen seine Stimme komisch zu finden und sein Lachen auch. Wieder mal bei B. anklingeln, wieder mal bei B. vorbeischauen. L. aussparen aus all den Erzählungen, L. zu einem Etwas machen, das immer mehr verschwindet. L. keine betrunkenen Briefe schreiben. Die betrunkenen Briefe an L. endgültig nicht mehr abschicken. Keine Tage zählen und nichts mehr erwarten. Nie wieder Dinge in sein Ohr flüstern, schon gar nicht wenn es dunkel ist. Morgens quer liegend im Bett aufwachen. L. auf dem Markt sehen, sich umdrehen und kurz nicht wissen was zu tun. Den Park meiden, die kleine Querstraße und das Café mit der bunten Tapete auch. Beim Aufräumen seine  Armbanduhr finden, sie kurz anschauen und sich wundern. Das nächste Mal alleine ans Meer fahren, am Strand sitzen, wissen, dass man L. jetzt anrufen könnte und es doch nicht tun. Herausfinden, ob man die Filme auch ohne ihn mag. Mitte Mai keinen Kuchen für ihn backen. L.s Beine nicht mehr entlangfahren und sein Schlüsselbein nie wieder das schönste der Welt nennen. Ohne Zögern Zitrone in die volle Teekanne pressen, bei offenen Fenster schlafen, die Mitgliedschaft in der Videothek auflösen. Kurz erschrecken, wenn das Telefon doch mal nachts klingelt. Irgendwann zufällig an L.s Haus vorbeifahren und gar nicht  mehr wissen, ob es noch das seine ist. Hören, dass L. sich  mit der Frau von der Arbeit trifft und dabei nicken. Nie wieder in seine offenen Arme laufen, nie wieder neben ihm am Fluss liegen und gar nichts sagen. zuviele Teller besitzen und zuviele Gabeln. Die Fischmesser wegpacken und die Martinigläser auch. An Ostern in der Stadt bleiben, sowie im August. die Lichterkette abnehmen, stattdessen nichts mehr aufhängen, die weiße Wand anstarren und L. im Stillen um Verzeihung bitten. Lernen wie man selber Quiche macht, herausfinden, ob es nicht doch schneller ist eine S-Bahn-Station früher auszusteigen. Öfters Menschen zu Besuch haben, mit dem DJ flirten, sich  mal wieder auf Getränke einladen lassen. Im Bad den Handtuchhaken plötzlich für Halsketten benutzen. L.s Namen auch mit anderen Menschen verbinden, für L. keine neuen Kosewörter mehr erfinden, L. L. sein lassen, L. manchmal vermissen, L. sich nicht erklären können, L. weinen sehen und davonlaufen, L.s Anrufe ignorieren, L.s Abwesenheit reallisieren. L. nicht beim Studienabschluss dabei haben, den Eltern L.s Fehlen erst Monate später erklären. Den Kopf nie wieder auf L.s Brustkorb betten. Nicht mehr darüber wundern, was er gerade träumt.
Hoffen, dass L. irgendwann versteht.

L. sitzt auf dem Küchentisch (II)

Eine andere Geschichte

Es blitzt in der Nachbarwohnung. Seit zehn Minuten tut es das. Ich frage mich, ob es die schönsten Fotos des Dezembers sind, die da entstehen. Ein Mann sitzt in einem Sessel, er liest ein Buch, auf dem Boden steht eine Teetasse und immer wieder nickt er kurz ein. Eine Frau steht im Türrahmen und drückt in unregelmäßigen Abständen auf de Auslöser. Sie macht ein ernstes Gesicht, etwas in ihr sagt ihr, dass dieser Moment mit all seiner Alltäglichkeit ein wichtiger sein wird, dass es einen Moment in ihrem Leben geben wird, an dem sie diese Minuten als Meilensteine ihres Daseins bezeichnen würde. Sie steht also da, mit dem ernsten Gesicht und fotografiert den Mann, der immer kurz aufschreckt, weil der Blitz ihn blendet. Der Mann und die Frau wohnen dort seit zwei Jahren, sie haben sich über Freunde kennengelernt und von Anfang an von dem jeweils anderen als „eine durchaus mögliche Option“ gedacht. Als sie sich das erste Mal küssen, war der Mann betrunkener als die Frau, aber das hat sie ihm nie gesagt.

Manchmal liegt die Frau nachts wach neben dem Mann im Bett und überlegt, wie sie die Kinder nennen würden, von denen sie in diesen schlaflosen Stunden hofft, dass sie bald kommen werden. Sie starrt dabei an die Decke und jedesmal, wenn der Mann sich im Schlaf bewegt, legt sie kurz ihre Hand auf seinen Arm. Diese Geste, die nie jemand sehen wird, ist das Tröstlichste das es gibt in diesen Moment und all die Albträume die die Menschen im Umkreis von fünfundsiebzig Metern gerade heimsuchen sind mit dieser Berührung auf der Stelle vorbei. Wenn der Mann die Frau am Morgen fragt, wie sie geschlafen hat, so weiß sie darauf keine Antwort und vergräbt stattdessen ihr Gesicht in seiner Halsbeuge. Der Mann legt seine Wange an ihren Kopf. Ihre Haare riechen seit Jahren gleich und er überlegt, ob dieser Geruch nicht eigentlich schon Grund genug ist sie zu lieben.

Eine andere Geschichte:

Das Blitzen stammt von einem Stabfeuerzeug, das ein Mann gedankenverloren immer wieder kurz anmacht. Er steht unweit des Fensters, er schaut hinaus, ohne wirklich zu schauen. Gestern hat er zuviel Wein getrunken, gemeinsam mit einem alten Freund, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie sprachen über das Wetter und über den letzten Sommer, der Freund sagte oft „Aber wirklich“ und der Mann war sich sicher, dass er es kein einziges Mal so meinte. Heute Abend hat der Mann sich entschlossen zu Hause zu bleiben. Sein Telefon ist aus und der Fernseher auch. Er weiß nicht so recht, was er mit sich anfangen soll. Er ist darüber eigentlich ganz froh. An der Wand neben dem Fenster hängt eine Postkarte, die einmal jemand von einem Meer schrieb, in dem ein Hai schwamm. Der Mann überlegt, was der Verfasser der Karte wohl jetzt gerade macht und dann ob er sich einen Tee machen soll. Das Feuerzeug klickt. Die Flamme bleibt nie lange genug, um sich daran zu verbrennen.

Eine andere Geschichte:

Gestern haben sie beschlossen, dass das einzige das wirklich gegen die außergewöhnliche Kälte dieses Dezembers helfen könnte ein Abend mit Actionfilmen, Bier und Freunden sei. Sie luden neun Freunde ein, von denen fünf tatsächlich kamen. Jetzt sitzen sie vor dem Fernseher, die meisten auf dem Boden und schauen Arnold Schwarzenegger zu, wie er die Welt rettet. Draussen schneit es gerade nicht, aber ein jeder hat mindestens einmal an diesem Abend die Schwierigkeit auf den eisigen Gehsteigen nicht auszurutschen erwähnt. Der Film dauert noch zwanzig Minuten, die Freunde essen Chips und ein wenig ist es tatsächlich so, als würde dieser Abend gegen die Kälte helfen, die vor dem Fenster wütet, die Menschen dazu bringt sich trippelnd fortzubewegen, ihre Münder in Rollkrägen zu verstecken und dreimal aufzustampfen, nachdem sie ein Haus betreten haben.

So könnte es sein.

Das Problem war

Das Problem war, dass ich gar nicht mehr versucht habe dich zu lieben. Dass du du warst und ich ich und alles worüber wir sprachen, da an diesem Tisch, da in dieser Stadt, da in diesem Sommer genauso geklungen hätte, wärest du nicht du gewesen und ich noch weniger ich.

Ich weiß, wir aßen später Lasagne in der Mensa, ich weiß, wir spielten Badminton im Park. Am Nachmittag lag ich neben dir auf einer karierten Decke und war hellwach. Wie gerne ich auch früher neben dir geschlafen hatte, es erschien mir weit entfernt, es erschien mir wie aus einem anderen Leben.

Alles was wir noch aßen während unserer gemeinsamen Tage, schmeckt in meiner Erinnerung genau gleich. Alle Weingläser die wir leerten trugen nie unsere Lippenabdrücke. Alle Türknöpfe die wir berührten haben sich niemals bewegt. Ich duschte mich, bevor ich wieder in den Zug stieg und konnte dich nicht hören. Ich wusste dich vor deinem Computer, ich wusste, dass du nicht an mich denkst. Ich war nicht traurig.

Ich blickte dich an durch das Zugfenster und während sich der Zug in Bewegung setzte, veränderte sich deine Körperhaltung nicht. Ich dachte, ich sollte ein Herz an das Fenster malen, nur um uns an etwas zu erinnern, nur um sagen, dass es schon in Ordnung sei, nur um zu erklären, dass es mir trotzdem leid tat, aber die Frau neben mir redete laut und ich hätte mich geschämt. Ich schlief in dieser Nacht zusammengekauert auf zwei Sitzen, ich fühlte mich ruhig und wusste, dass der Zug mich nicht noch weiter von dir wegbringen würde. Ich stieg morgens aus und rief dich an. Ich sagte: Es geht mir gut. Du sagtest: Mir auch. Ich sagte: In einer Woche bist du wieder hier. Du sagtest: Ja, das ist bald. Ich sagte: Danke. Du sagtest nichts.

Ich saß noch ein Jahr lang in einem Zug, du standest noch ein Jahr lang an einem Bahnhof. Dann erst nahm ich deine Hand und du drehtest dich um. Dein Rücken so schön wie noch nie, meine Haltung so aufrecht wie selten zuvor.

Das alles kommt mit

Siehst du da oben, der Himmel? Das ist immer noch der selbe wie in Wien. Und auch diese Wolke da, sie könnte auch über der Stadt im Süden hängen und keinem würde es auffallen. Diese Orange da im Supermarkt, es ist nur Zufall, dass sie hier und nicht in der Kaiserstadt gelandet ist. Ein wenig ist das wie bei mir.

Ich schlafe bald das sechste Mal in diesem Zimmer mit den vielen Tapetenresten ein und das sechste Mal wird es ein tiefer Schlaf sein. Drehe ich mich zur Seite spüre ich den Lattenrost durch die dünne Matratze und wache ich morgens auf, sind meine Hände und meine Nasenspitze kalt. Ich trinke viel Tee, – Melisse, Hagebutte, von griechischen Bergen, Ingwer und Apfel. Ich sitze in der Küche und dann wundere ich mich kurz, wie lange es dauern wird, bis du auch hier sitzen wirst und wie das sein wird und ob du verstehen wirst, warum ich hier her musste. Wir könnten dann aus dem Fenster schauen, und ich würde auf die anderen Wohnungen zeigen, in denen Menschen wohnen, die mir so lieb sind und später bekommst du eines meiner zwei Räder und entweder ist der Kanal gefroren oder schon nicht mehr, aber beides hätte seine Richtigkeit.

Ich hätte mich dir gerne erklärt, an meinen letzten Tagen in Wien. Ich hätte dir gerne gesagt, warum ich nicht bleiben kann. Warum sich Berlin als so dringender Wunsch in mir manifestiert hat in den letzten Jahren, aber ich war mir nicht sicher, ob du das verstehen könntest und dann war ich mir auch schon nicht mehr sicher, ob ich es so genau verstehe und dann war es irgendwie auch schon nicht mehr so wichtig und ich zuckte mit meinen Schultern und legte später meinen Kopf an die deinen und wunderte mich über vieles.

Ich trage deine Handschuhe jeden Tag. Ich gehe damit die Straße hinunter, zum Supermarkt, zum Späti, zum Kaffee trinken und zur U-Bahn. Ich habe keine Hast mehr, die Stadt ist schon so lange eine meiner Vertrauten, ich muss sie mir nicht in Windeseile zurückerobern. Stattdessen laufe ich oft rasch wieder zurück in die Wohnung, lege die Handschuhe auf die kaputte Waschmaschine und setze mich auf das Sofa, die Tür in Blickweite und den Kopf voller Dinge, die ich dir erzählen möchte, irgendwann einmal und vielleicht auch nur gerade in diesem Moment. Zum Beispiel von den Kakis, die hier Persimons heißen oder von dem Nähkasten an dem ich seit vier Tagen vorbeischleiche und es noch mindestens eine Woche machen werde, bevor ich nach dem Preis frage, oder von der Kellnerin in der Bar heute Abend, die uns zum Abschied „Tschüss ihr Mäuse“ zurief. Von dem Pudding mit Spinat den uns Mehmet angeboten hat und von dem Heimweg, der in Wien lange erscheinen würde, aber hier genau richtig.

Ich habe unser Foto aufgehängt, es hängt alleine an der Wand und manchmal sehe ich es an und frage mich, was das denn alles soll. Ich sehe es an und sehe dich und mich, die ich meine Haube halte, weil der Wind sie sonst davontragen würde. Ich sehe den schönsten Herbst hinter uns, ich sehe deinen Arm und ich erinnere mich, wie es mich irritiert hat, dass du ihn so eng um mich geschlungen hast. Hinter uns geht die Sonne unter und ich will dich darum bitten, dass wir, auch wenn alles anders wird, als es sollte, dass wir uns nächstes Jahr dort auf diesem Turm wiedersehen. Wir könnten ein weiteres Foto von uns machen und unsere Namen diesmal in das Geländer kratzen, wie es die Menschen seit siebizig Jahren tun. Im Stiegenhaus würde ich wieder auf dich warten und bereits wissen, dass dies alles seine Richtigkeit hat.

Ich habe mir erzählen lassen, dass es auch hier im Berliner Osten eine solche Warte gibt. Sie verfällt langsam und dennoch kann man sie noch erklimmen. Ich habe mir auch erzählen lassen, dass sie im Wald steht, mitten im Wald und man nichts mehr sieht, ist man auch ganz oben. Ich wollte einwerfen, dass es darum ja auch gar nicht mehr geht, aber habe dann nur genickt und gelächelt. Solche Geschichten sind Geschichten vom Sommer, sie erzählen von grünen Blättern und Armen ohne Bedeckung. Sie lassen mich hoffen.

Im Winter, der ganz eigentlich noch ein Herbst ist, da standen wir vor einer Tür und ich konnte die Stunden bis zu meiner Abfahrt bereits an zwei Händen abzählen und du sagtest Sätze, die ich mir gerne auf Zettel schreiben und in der Wohnung verteilen würde. Unsere Fußspitzen blickten einander zu und ich versuchte eine Zeit zu gewinnen, deren Nutzen ich mir nicht sicher war. Du hast damals gesagt, dass du niemals Deutsch lernen wirst und ich wollte protestieren und will es immer noch und erkenne gleichzeitig, dass diese Sprache somit ein Schutzmantel ist, der mich umgibt. Ich kann mich dahinter verstecken und ich kann ihr die Schuld geben und ich kann dennoch versuchen sie dir näher zu bringen. Mit einem jeden Tag ein Wort. Ein Wort das dann vielleicht doch einiges erklärt, das davon erzählt, wie es ist, hier in der U-Bahn zu sitzen und zu wissen, dass es hier weitergehen wird und dennoch gleichzeitig diese Traurigkeit zu verspüren, weil du in diesem Moment nicht hier bist, sondern in dieser Stadt im Süden, wo du den Schnee bewunderst der hier auch liegt und über den ich mich auch wundere und vielleicht reicht das ja auch. Vielleicht ist das genug.

(und wenn nicht, dann sollten wir uns beeilen und dann sollte sich diese Stadt hier beeilen und der Frühling sollte bald kommen. Aber das sollte er sowieso. Ich weiß.)