Herbst

Als Bernd weg war, begann Anna zu warten. Sie tat dies morgens, in dem sie im Bett liegen blieb und an die Decke starrte. Sie tat dies am Frühstückstisch indem sie das Wasser auch dann nicht vom Herd nahm, als es schon kochte. Sie tat die tagsüber indem sie eine Bahn nach der anderen an sich vorbeifahren ließ, unfähig sich in Bewegung zu setzen.

Auch Telefone ließ sie läuten, sie, die sie früher immer sofort aufgesprungen und zum Apparat gelaufen war, erklang nur der Ansatz eines Klingelns. Anna saß einfach da nun und wartete, bis das Läuten vorbei war, dann erhob sie sich langsam und wusste nicht wohin mit sich.

Den Briefkasten leerte sie nur noch alle drei Tage. An dem Tag an dem sich der erste Brief von Bernd darin befand, trug Anna ein weißes T-Shirt mit aufgenähten Taschen. Sie steckte den Brief in eine davon, ging bedächtig zurück in die Wohnung, sie setzte sich auf das Bett, bald schon verlagerte sie ihre Position ins Liegen und schlief kurz ein. Als sie aufwachte und den Brief öffnete, verstand sie nichts. Nicht den Brief, seine Worte, nicht Bernd, nicht sich. Sie beschloss das Alles hinzunehmen, sie beschloss an dem Tag nicht mehr vors Haus zu gehen, Bernd nicht zu antworten und einfach für sich zu sein, so wie sie es war, seit Wochen.

Anna hatte nicht sofort nach Bernds Abschied angefangen zu warten. Sie war aufgewacht und Bernd war weg. Das war keine Überraschung und dennoch weinte Anna stumm in ihren Polster, bevor sie eine Unruhe befiel und sie aufsprang, hastig ein Butterbrot hinunterwürgte, sich in die Kleidung vom Vortag zwängte und ein geblümtes Tuch um den Hals band. Sie rannte auf die Straße, sie rannte diese hinunter, rannte um zwei Ecken, über eine Ampel und drehte sich nicht einmal um. Sie wurde wütender mit jedem Schritt, sie wurde entschlossener, sie ballte ihre Hände zu Fäusten und wäre es Bernd eingefallen in diesem Moment umzudrehen, den Flieger nicht zu nehmen und zurückzukehren zu Anna, sie hätte ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen, sie hätte mit hysterischer Stimme Worte gesagt, über deren Existenz sie sich bis dahin nicht sicher war. Bernd hat also ein Gutes daran getan, in diesem Moment längst im Flieger zu sitzen und gerade ein wenig zu schlafen, mit Kopfhörern auf den Ohren und einem älteren Mann neben sich, der ohne Unterlass die Financal Times las.

Annas innere Aufruhr endete abrupt als sie ankam, vor dieser Tür, vor der sie länger nicht mehr gestanden hatte. Sie stand unschlüssig da und war sich nicht mehr sicher, was sie hier eigentlich suchte, was zu sagen sei und ob Veronika nicht die letzte Person auf der Welt wäre, die von all dem erfahren sollte. Aber Veronika, Veronika mit dem schwarzen Haar und den Blicken für Bernd, von denen sich Anna wünschte dass sie die einzige wäre die deren mächtig sei, Veronika war die einzige Person an die Anna denken konnte, von der sich glaubte, sie könne ein wenig verstehen, ein wenig Halt geben, ihr ein wenig von der Trauer und der Wut abnehmen. Als Anna nach endlosen Minuten endlich klopfte und Veronika sofort die Tür öffnete, wusste Anna bereits dass sie sich getäuscht hatte und niemand ihr helfen konnte, am wenigsten diese Frau in dem langen Rock, die sagte: „Anna, ich beobachte dich seit zehn Minuten.“

Danach hat das mit dem Warten angefangen. Anna hat noch Sätze gesagt, in Veronikas Haus, deren Wahrheitsgehalt sie sich gar nicht mehr so sicher war, Anna hat noch hastig ein Glas Wasser getrunken, Anna ging die Treppen vor Veronikas Haus hinunter, drehte sich nicht um und es begann. Es begann einfach so, dieses Warten, das bald in all ihren Knochen wohnen sollte, das sogar im Schlaf nicht aufhörte und sie selten das Haus verlassen ließ. Kamen Freunde vorbei und brachten Essen und sagten (manchmal besorgt, immer öfters ungeduldig), dass Anna sich aufraffen und mit ihnen ins Kino, in den Park, ans Meer kommen sollte, dann schüttelte Anna immer nur den Kopf, manchmal lächelte sie dabei, nie hörte sie ihnen wirklich zu. Sie sagte, sie käme schon zurecht, es wäre das Wetter, vielleicht. Fragten die Freunde ob Bernd sich gemeldet hätte, dann sagte Anna, dass er das ab und an wohl gemacht hätte. Es gehe ihm schon gut. Sie sagte sonst nichts, sie starrte aus dem Fenster, sie starrte und starrte und die Freunde kamen immer seltener.

Der Oktober kam, die Blätter wurden immer bunter, Anna nahm Kastanien mit nach Hause und legte sie aufs Fensterbrett. Manchmal läutete das Telefon und Anna hob immer noch sehr selten ab, machte sie es doch und Bernd war am anderen Ende der Leitung so hörte sie ihm schweigend zu, sagte sie könne das nicht und legte auf. Sie baute danach Pyramiden aus den Kastanien, die dann solange stehen blieben, bis sie diese beim nächsten Telefonat wieder abbaute.

Irgendwann läutete das Telefon wieder einmal und Anna hob schweigend ab, am anderen Ende hörte sie eine leise, eine vertraute Stimme. „Anna,“ sagte diese, „wann kommst du denn mal wieder zu Besuch?“ Und Anna sagte einfach so: „Morgen schon.“ Die Stimme klang erfreut, sie sagte, sie mache Kuchen und Anna antwortete: „Das ist doch nicht nötig.“

Anna hatte ihre Großmutter tatsächlich schon länger nicht mehr besucht, Monate war es her und damals war Bernd noch an ihrer Seite gewesen. Sie hatten einen Zug früh morgens genommen und saßen Hände haltend in einem Großraumabteil, während die Stadt vor dem Fenster langsam weniger wurde und die Felder mehr. Sie durchquerten drei andere kleinere Städte und unzählige Dörfer. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, schmerzte Annas Rücken ein wenig und Bernd küsste ihre Wange. Die Großmutter wartete vor dem Bahnhof, sie griff nach Annas Arm während sie im Auto die wenigen Kilometer zu ihrem Haus fuhren, sie sagte wie immer. „So groß seid ihr geworden.“

Später waren sie auf der Terrasse gesessen, Anna hatte eine Decke um ihre Beine gewickelt und nippte an einem Glas mit Holundersaft. Bernd hatte von der Welt erzählt, die es zu entdecken gäbe und als sie gegen Abend wieder Richtung Bahnhof fuhren, überkam Anna eine zufriedene Müdigkeit, die sie die gesamte Zugfahrt an Bernds Oberarm gelehnt schlafen ließ.

Anna hatte damals gedacht: Es würde immer so weiter gehen. Sie hatte nichts in Frage gestellt, sie war glücklich gewesen in jedem Moment. Im Nachhinein erschien ihr das bald alles absurd naiv und sie versuchte, nicht mehr an das Gefühl zu denken, dass sie damals umhüllt hatte und unverletzbar gegenüber allen Bosheiten ihrer Umgebung machte.

Anna legte den Telefonhörer auf das Fensterbrett, sie blickte aus dem Fenster, sie dachte an das weiße Haar der Großmutter, das sich nie bewegt. Sie biss sich auf ihren rechten Zeigefinder, sie ging schließlich bedächtig ins Schlafzimmer, wo auf dem Kasten ein leere Rucksack lag, in den Anna nach und nach einzelne Kleidungsstücke packte, ohne eines wirklich anzusehen.

Anna goss noch einmal die Blumen, sie setzte sich danach vor den dunklen Fernseher und beschloss diese Nacht im Wohnzimmer zu schlafen und den ersten Zug am nächsten Morgen zu nehmen. Sie fragte sich, wie es der Großmutter wohl ginge, ob ihr rechtes Knie immer noch so schmerzte und ob ihre Stimme heiser klang. Sie erinnerte sich an die Sommerurlaube, damals als Kind bei ihren Großeltern, der Großvater war damals schon einem Gespenst ähnlich gewesen, wie er auf seinem Stuhl vor der Balkontür trohnte und bedächtig eine Zigarette nach der anderen rauchte. Dachte Anna an den Großvater der längst begraben war, so fiel ihr meist nur das Wort bleich ein und sie fragte sich, ob die Großmutter und der Großvater früher glücklich waren, in den alten Zeiten, von denen Anna nur Bilder kannte, Bilder von Menschen mit ernsten Gesichtern. Anna erwachte zwei Stunden zu früh und blieb mit offenen Augen im Bett liegen, sie starrte an die Decke, sie starrte aus dem Fenster, sie starrte auf das Foto, das Bernd und sie an einem Strand in Kroatien zeigte, sie beschloss es von der Wand zu nehmen. Als Anna schließlich aufstand, sich kurz die Zähne putzte, um danach eine ihrer alten verwaschenen Jeans anzuziehen und ein kariertes Hemd dazu, da war ihr Entschluss vielleicht bereits gefallen. Sie nahm die Tasche, sie strich über das Kopfende des Bettes, sie drehte den Schlüssel in der Wohnungstür zweimal um.

Im Zug versuchte sie sowenig wie möglich zu denken, die Großmutter umarmte sie lange am Bahnsteig. Anna trank Kaffee auf der Terrasse, ein weiteres Mal mit einer Decke um ihre Beine geschlungen, sie hörte der Großmutter zu, die von ihren Knieleiden erzählte, von der Heimhilfe, die sie wohl bald anstellen müsse und von dem Herbst der schon zu lange dauerte. Anna hörte zu und dachte zwischendurch an das kleine Zimmer unter dem Dach, in dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatte. Vor dem Fenster flogen im Frühjahr Amseln vorbei und der Regen war laut in der Nacht. Anna griff nach der Hand ihrer Großmutter, sie lächelte diese an und sagte: „Ich würde gerne bei dir bleiben.“

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