Das Verlieren

Das Verlieren ist nichts Besonderes. Es passiert jeden Tag und meistens merkst du es gar nicht, du gehst weiter und immer weiter und irgendwann fällt es dir vielleicht doch auf, aber dann ist es schon weit entfernt und es ist ausreichend sich kurz umzudrehen und zu seufzen. Was würden wir auch machen, mit all diesen Momenten und Dingen und Menschen, die schon längst nicht mehr die unseren sind? Wir könnten sie an die Wand pinnen und dem Besuch mit vorgehaltener Hand von dem Damals erzählen, als alles noch anders war. Wir könnten kleine Kärtchen darunter kleben auf denen zum Beispiel „An einem Dienstag teilten wir einen Apfel“ oder „Schuhgröße 42,5, aber nur im Winter“ oder „drei scharfe Kanten“ steht. Wir könnten uns davor auf den Boden legen und tief schlafen, aber wir müssten dennoch ehrlich sein: denn all das hilft nichts, all das ändert nichts daran, dass die Zeit einfach weitermacht, ob wir wollen oder nicht, ob wir gut sind im Gewinnen oder schlecht sind im Verlieren. Das interessiert keinen. Schon eine Wohnung weiter kräht kein Hahn mehr danach.

Und wenn man sich ausmalt, wie es später einmal sein wird, dann ist das dennoch nicht unbedingt wahr, weil man schon am nächsten Tag ein Buch im Bus vergisst (das in der Vorstellung im Regal ganz links stand), weil man schon in der nächsten Woche einen Anruf mißversteht (einer Person die in der Vorstellung mittwochs zum Tee vorbeikommt), weil man schon ein Monat später eine Nummer nachts löscht (die in der Vorstellung immer die gleiche bleibt) und weil man schon sieben Wochen später einen Schlüssel liegen lässt (für eine Tür die in der Vorstellung nie die Farbe ändert) und weil man vielleicht weniger als ein Jahr später die Gefühle vergessen hat, die einen überhaupt ans Fenster setzen ließen, wo man sich auf die Unterlippe biss und dachte, man hätte vieles verstanden.

Aber dann auch wieder stehe ich frühmorgens auf und ich starre auf meine Füße, die längst nicht mehr wachsen und heimlich und still und noch leiser denke ich: Vielleicht ist das kein Verlieren, vielleicht ist das nur der Anfang vom Erinnern. Und dann würde ich gerne jemanden anrufen, aber ich weiß in diesem Moment nicht mehr wie das geht, was auch in Ordnung ist, weil ich dann wieder einschlafe und am nächsten Tag das Wochenende vorbei ist, an dem dich auf alten Fotos gesucht habe und stattdessen ein Mädchen fand, das auf einem Feldweg steht und sich im richtigen Moment umdrehte, ohne es zu bemerken.

(Das reicht, findest du nicht auch? Lass uns ein ander Mal über die Gespenster reden, sie verblassen schon nicht. Nicht mehr.)

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