Es geht voran

Sie gehen vorüber, all die Tage ohne dich. Es ist November geworden, es ist alles gar nicht mehr so schlimm. Ich habe dieses neue Zimmer mit fünf Ecken und Sternparkett. Ich habe diese neuen Menschen, die ich auch deswegen so mag, weil ich sie nie mit dir teilen muss.
Wenn du mir schreibst, geht es ums gewinnen. Wer ist es, der stärker ist? Wessen Leben ist besser ohne den anderen? Ich glaube, dass ich es bin, dass es das meine ist. Ich weiß nur nicht, ob ich möchte, dass du das weißt.

Gestern küsste ich einen Mann aus Belgien, nur um dabei an dich zu denken. Ich versuchte, das zu fühlen, was ich fühlte, als wir uns küssten. Es gelang mir nicht und ich wurde ruhig und müde. Ich dachte: Das ist gut so. Es gibt dieses Gefühl nicht mehr, es ist vorbei.
Das macht wenig Sinn, ich weiß, aber ich habe viel Wein getrunken, ich tanzte mit einem Franzosen der aussah wie ein Pilz aus Super Mario II und knickte beim Nachhausegehen zweimal um. Der Belgier hat mich gehalten, ich sagte: Das ist genug Grund um mich küssen zu dürfen. Der Belgier lachte und seine Zunge lag schwer wie ein Stein in meinem Mund.

Ich habe zwei Wochen lang gedacht, es wäre alles anders geworden, wären wir nur in den Zoo gegangen. Ich dachte ernsthaft, hätten wir an unserem letzten gemeinsamen Tag in Wien doch nur die Ubahn nach Hietzing genommen und Fotos von uns und Pinguinen gemacht, hätte ich dir doch nur erzählt, dass ich diese Giraffen dort so mag und meinen Kopf in deinem Oberarm vergraben im Fledermaushaus, dann wäre all das nicht passiert. Aber stattdessen saßen wir neben dem Klavier, du rauchtest und ich weinte, weil mein Name nicht auf der Liste der Kunstuni stand und du konntest mich nicht trösten und ich weinte noch mehr, ein wenig deswegen. Zwei Wochen später musste ich Fotos sehen von der Frau mit der du statt mir im Zoo warst, im Zoo in der falschen Stadt, im Zoo wo du dich gelangweilt hast und wo dein Telefon oft klingelte. Einmal wegen mir.
Ich glaube nicht mehr daran. Das mit dem Zoo ist egal. Es hätte nichts geändert, es hätte dich nicht geändert und mich noch weniger. Es wären nur mehr Fotos gewesen, die ich nicht mehr sehen möchte und noch ein Ort mehr, der nun emotional neu besetzt werden müsste. Wir sollten froh darüber sein, dass wir schlecht gelaunt zuhause saßen und ich später sagte: Alles geht vorbei.

Wie Recht ich doch hatte und wie wenig ich das damals wusste. Heute schreibst du mir, dass du im Zug an mich denken musstest, wegen einem blöden Spielzeug, das ähnlich heißt wie ich. Und ich frage mich, wie es ist, an mich zu denken, nach all dem, was passiert ist. An dich zu denken ist nämlich so: Es ist unpassend in den meisten Momenten. Es ist seltsam und lässt mich den Kopf schütteln und eine weitere deiner Nachrichten löschen.

Mitte September, als die Liebe noch so groß war, schrieb ich dir über eines der großen Meere, dass ich mich schon wieder in dich verliebt habe und enen Tag später schriebst du mir das gleiche zurück.
Ich würde dir das gerne nochmals schreiben, aber es wäre eine Lüge und davon gab es schon genug. Ich würde dir auch gerne schreiben, dass mein Herz ein Kürbis ist und du eine Kerze reinstellen sollst, aber das macht wenig Sinn. Ich würde dir gerne schreiben, dass alles weitergeht, dass ich weitergehe, nur ohne dich.

Ich schreibe dann doch nicht. Ich trinke Wein, ich tanze, ich lache, ich kokettiere und manchmal küsse ich einen anderen. Und dann ist es doch ein wenig wie dir zu schreiben, ein jeder dieser Küsse eine Nachricht an dich, die du nie bekommst, ein Blick über die Schulter, den du nicht siehst und vor allem ein weiterer Moment, der nicht mehr der unsere ist.

(November 2009.)

[welcher lange her ist. welcher kalt war und in welchem ich zu selten schwimmen war. ein jahr und sovieles ist anders. die nächte sind wärmer, die lieder sind länger und im Haus gegenüber wohnt keine katze mehr, aber das macht nichts. das ist wirklich in ordnung so]
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