Arizona

 

P.,

ich bin heute an einem schlafenden Drachen vorbeigeritten, kurz nach Mittag. Die Sonne brannte unerbärmlich herunter und Marvin, der auf einem Pferd namens Casino voranritt sagte oft: I’m just joking. Das entsprach der Wahrheit, denn nur circa ein Viertel der Dinge die er sagte, konnte man ernst nehmen, so zum Beispiel wusste ich für kurze Zeit wie die Sprache der Navajos heißt, die er mit einem Freund sprach, ich schrie sie sogar gegen eine Felswand, bevor ich sie wieder vergaß, dort in diesem Tal voller Felsformationen, deren Existenz man auch vor Ort anzweifeln möchte, so unbegreiflich schön sind sie.

Ich habe einen Ring gekauft, dort in diesem Monument Valley, das ich schon längst aus den Filmen kannte, hinter dem Stand mit dem Schmuck einer der neun Familien die dort leben, stand eine große Gedenktafel für Eric, der nur 32 wurde, bevor ihn ein Blitz traf und auf der Stelle tötete. Eric liebte Elvis Prestley, er war ein Marine und Mormone, so wie viele der Navajos es sind. Eric lebte im Monument Valley und auf einem Foto trägt er einen weißen Anzug und lacht an der Kamera vorbei.

Mittlerweile sind wir in Page angekommen und ich sitze auf dem Bett im Zimmer 209 eines der 18 Motels die diese Stadt beherbergt. Im Fernsehen läuft South Park und an der Rezeption stand ein Japaner mit ewiglangem Haar neben mir. Der Japaner schläft wohl nur einige Zimmer weit weg von mir, vielleicht sitzt er morgen beim Frühstück neben mir, vielleicht aber sehe ich ihn nie wieder.

Wir sind viel durch das Navajo Reservoir gefahren, ich habe meine Hand in den versteinerten Fußabdruck eines Tyrannosaurus Rex gelegt und kurze Zeit später fanden wir uns im seltsamsten Waschsalon den ich jemals gesehen habe wieder. Wir genossen Sonnenuntergänge, von denen ich nicht gedacht hätte, das es sie gibt und verstanden in diesem Moment, warum die Menschen, die dort wie ausgestreut irgendwo im Nirgendwo ihre Heimat haben, den Ort Painted Desert nennen.

Ich erinnerte mich daran, dass mir jemand einmal erzählt hatte, dass die Herbste im Norden der USA die schönsten sind, die es gibt auf der Welt, ja, dass der Herbst dort bestimmt erfunden worden ist, aber es dauerte einige Zeit bis ich mich auch wieder daran erinnerte, dass du das warst. Ich würde dich gerne fragen, ob du das immer noch sagen würdest, hättest du den Herbst hier in Arizona gesehen oder ob du auch nur sprachlos wie ich aus den Autofenster starren  und abends wie erschlagen auf dem Motelbett liegen würdest, immer noch unfähig zu verstehen, dass all das wirklich da ist und man es tatsächlich gesehen hat und vor allem, das am nächsten Tag schon wieder etwas neues wartet, etwas anderes aber genauso umwerfendes, von dem man ein weiteres Mal nicht weiß, wie man zurück in Europa dafür Worte finden soll.

Ich glaube es wird Winter werden müssen und es wird bereits nach dem ersten Schneefall sein, bis ich endlich verarbeitet habe, was in diesen Tagen mit solch einer Wucht auf mich einwirkt. Ich wusste nicht, dass eine solche Weite möglich ist, eine solche Farbenfrohheit und eine solche Stille. Ich starre Felsen an, als seien sie von einem anderen Planeten und ich fahre mit den Fingern durch roten Sand und freue mich, wenn er auch Stunden später noch die Kofferraumtür des Autos ziert.

Ich muss bald schlafen, P.. Coline tut dies schon seit einer knappen Stunde und vor dem Fenster passiert heute nicht mehr viel. Morgen schon geht es weiter durch diese ewigen Landschaften, in denen ich beinahe vergesse, dass es Städte gibt, Lärm und Hektik.

Vergessen ist manchmal etwas wunderschönes P., das muss man einfach so sagen.

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