New York I Love You

Lieber M.,

niemals warst du in New York, in dieser Stadt die tatsächlich niemals schläft und in der ich jauchzen möchte, als nachts tatsächlich Dampf aus den Kanaldeckeln kommt. Und ich frage mich: Wie hättest du geschlafen unter diesen Fenstern, die man nach oben und unten schieben kann und durch die es morgens auf einen regnet, wenn man nicht früh genug aufwacht? Ich glaube, es wäre ein guter Schlaf gewesen, ein tiefer, ein zufriedener und in der Früh wärst du aufgewacht und hättest dich nach allen Seiten gestreckt, dich umgedreht und gesagt: I had the weirdest dream.

Ich glaube, du hättest den Highlane Park so sehr geliebt wie ich, wir hätten auf der Holztribüne über der Straße sitzen und einen Kaffee trinken können. „Da,“ hätte ich gesagt, beim ersten Taxi das vorbeifährt und dann bald eingesehen, dass es zuviele Taxis sind, um sich darüber wie ein kleines Kind zu freuen. Am nächsten Tag wäre das gleiche mit den Eichhörnchen im Central Park passiert.

Wusstest du, dass es keine Eichhörnchen in Australien gibt? Und dass die australischen Touristen deswegen regelmäßig ausflippen, sobald eines im Park ihren Weg kreuzt? Ich wusste das nicht. Aber ich habe es heute herausgefunden, sogar mehr als einmal, genauso wie ich jetzt weiß, dass viele Hochzeitsfotos in diesem Park gemacht werden und dass kein einziger der Teiche auf natürliche Weise entstanden ist.

Im Guggenheim darf man nicht mehr fotografieren, sobald man über dem ersten Stock hinaufgewandert ist. Das ist ein Jammer und es ist ebenso ein Jammer, wenn man oben angekommen feststellen muss, dass man ausnahmsweise keine Murmel dabei hat und somit nie herausfinden wird, ob sie ganz bis unten rollen würde. (Vorbei an dem Mann mit den zu großen Hosen und dem anderen mit den Cowboystiefeln und der Frau die vor dem Bild von Picasso steht und gar nichts sagt) Und so sitzt man einfach nur auf der Bank und blickt auf die andere Seite, vorbei an den Security-Menschen, die die die verbleibenden Minuten zählen (34 an der Zahl) bis sie nachhause gehen können, wo sie vielleicht vor dem Fernseher einschlafen oder mit den Füßen auf dem Tisch.

Vor einigen Tagen saß ich auf dieser Dachterrasse in Manhattan, unweit des Time Squares und blickte auf die Stadt, die man vor lauter Häusern gar nicht wirklich sehen konnte. Der Himmel war violett und in der Wohnung unterhalb des Daches starb vor zwei Monaten ein Mann, weil er es wollte und sein Liebhaber saß damals die ganze Nacht auf den Stiegen, da der Schlüssel innen im Schloss steckte und er den Schlüsseldienst nicht rufen konnte, nicht rufen wollte, nicht rufen durfte, weil er genau wusste, dass der Schlüssel nicht einfach so dort steckte und dass die Stille auf der anderen Seite der Tür einen Grund hatte.

Es sind Geschichten wie die diesen, die mich wünschen lassen, noch mehr über die Stadt und diese Menschen hier zu erfahren. Gerne würde ich noch einen weiteren Tag in dieser Bäckerei in Greenwich Village sitzen und einen Apricot Crumble nach dem anderen essen, während die unzähligen Hunde New Yorks geschniegelter als ihre Besitzer vor dem Fenster auf und ab gehen. Und gerne würde ich endlich aufhören eine solche Höhenangst zu haben und mich mehr als zwei Schritte auf der Feuerleiter vom Fenster entfernen zu können, ohne dass meine Knie schlottern und ich nicht hinauf oder hinunterschauen kann, obwohl da sicher gerade etwas wichtiges passiert. Denn weißt du, M., ich habe hier ständig das Gefühl, dass hier nur wichtiges passiert und dass ich sovieles verpasse, während ich in die falsche Richtung blicke.

M., ich glaube du hättest auch das Lichtfestival gestern gemocht und die Absinthbowle mit den Gurken und zuviel Zitrone. Da war dieser Blumentopf voller Blütenköpfe aus Papier und diese überdimensionierte Katze an einer der Wände. Da waren soviele Männer mit Bärten und großen Brillen und dürre Asiatinnen die oft: „That’s so amazing“ sagten und es bestimmt auch meinten. Ab und an. Wir fuhren mit der U-Bahn nachhause und es fühlte sich altbekannt an und ich dachte so bei mir: Das also ist New York für mich. Ein lautes, großes Drecksloch, das stinkt an sovielen Ecken und Enden. Das mich überfordert und nicht schlafen lässt, das in der einen Minute zu kalt ist und in der anderen schon wieder viel zu laut ist und dessen Hausenden man nicht sieht, blickt man nur geradeaus. Es ist das pure Glück, dachte ich, das pure Glück.

Ich weiß das alles klingt ein wenig albern, M. und du würdest jetzt den Kopf schütteln, wärst du hier und ich würde dir ein Stück des seltsamen Apfelkuchens anbieten, den wir vorhin gemacht haben und dir dann von der Party auf der Dachterrasse des Hotels erzählen, die wir freitags besuchten und auf der die Menschen tanzten wie in den Filmen. Bald wärst du müde und ich auch und dann wäre der Tag auch schon wieder vorbei und es wäre morgen und das ist ja leider schon der letzte Tag hier, wo ist die Zeit hin, M., wo ist sie nur hin?

Ich werde also morgen den Pazifik sehen und den Strand davor und ich werde mich wundern, wie das alles sein kann und doch wissen, das alles wahr ist, alles so unglaublich wahr.

(Und die alte Frau mit den großen Turnschuhen, die ihren Gehstock nur benutzte, weil er gut zu ihrem Hut passt, – ich würde ihr gerne von dem alten Mann im weißen Anzug und dem vergoldeten Nikolausstab erzählen, der heute im Supermarkt plötzlich neben mir stand und Pflaster kaufte, als wäre das das Normalste auf der ganzen Welt. (Weißt du M., vielleicht ist es das auch, vielleicht ist es das wirklich.)

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