Maybe Portland

Man muss sich das so vorstellen:

Gestern war ich auf einer Party auf der die Menschen bereits tanzten, als ich das Haus betrat. Sie taten dies zu seltsamer Musik, die ich Jahre schon nicht mehr gehört habe und zwischen ihnen entdeckte ich einen Hund und ich sah diesen Hund an und dachte: Dieser Hund tanzt, er tanzt sogar im Takt.

Ich habe mich getäuscht. Der Hund, dessen Name Zelda ist und der höchstwahrscheinlich in Arizona zur Welt kam, ihm fehlt ein Bein. Sein tänzelndes Hüpfen ist keine Freiwilligkeit und ich wollte mich bei ihm entschuldigen, tätschelte deswegen ungeschickt seinen Kopf und blickte zu den Treppen an deren Ende, so sagte man mir, eine Katze mit ebenfalls nur drei Beinen wohnt.

Aber die Katze schien schon zu schlafen oder war unwillig die Treppen hinunterzuspringen und so bin ich ihr nicht begegnet, aber stattdessen einem Dinosaurier aus Pappmasché auf dem ein Mann saß und Bier trank und einer Frau, die gerade von ihren Flitterwochen in San Francisco zurückkam. Flitterwochen mit Tyson, Flitterwochen mit ihrem Ehemann. Diese Frau, sie trug ein Kleid mit unzähligen Rehen darauf und ich dachte bei mir, dass dies in keiner anderen Stadt so richtig wirken würde wie hier.

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Arizona

 

P.,

ich bin heute an einem schlafenden Drachen vorbeigeritten, kurz nach Mittag. Die Sonne brannte unerbärmlich herunter und Marvin, der auf einem Pferd namens Casino voranritt sagte oft: I’m just joking. Das entsprach der Wahrheit, denn nur circa ein Viertel der Dinge die er sagte, konnte man ernst nehmen, so zum Beispiel wusste ich für kurze Zeit wie die Sprache der Navajos heißt, die er mit einem Freund sprach, ich schrie sie sogar gegen eine Felswand, bevor ich sie wieder vergaß, dort in diesem Tal voller Felsformationen, deren Existenz man auch vor Ort anzweifeln möchte, so unbegreiflich schön sind sie.

Ich habe einen Ring gekauft, dort in diesem Monument Valley, das ich schon längst aus den Filmen kannte, hinter dem Stand mit dem Schmuck einer der neun Familien die dort leben, stand eine große Gedenktafel für Eric, der nur 32 wurde, bevor ihn ein Blitz traf und auf der Stelle tötete. Eric liebte Elvis Prestley, er war ein Marine und Mormone, so wie viele der Navajos es sind. Eric lebte im Monument Valley und auf einem Foto trägt er einen weißen Anzug und lacht an der Kamera vorbei.

Mittlerweile sind wir in Page angekommen und ich sitze auf dem Bett im Zimmer 209 eines der 18 Motels die diese Stadt beherbergt. Im Fernsehen läuft South Park und an der Rezeption stand ein Japaner mit ewiglangem Haar neben mir. Der Japaner schläft wohl nur einige Zimmer weit weg von mir, vielleicht sitzt er morgen beim Frühstück neben mir, vielleicht aber sehe ich ihn nie wieder.

Wir sind viel durch das Navajo Reservoir gefahren, ich habe meine Hand in den versteinerten Fußabdruck eines Tyrannosaurus Rex gelegt und kurze Zeit später fanden wir uns im seltsamsten Waschsalon den ich jemals gesehen habe wieder. Wir genossen Sonnenuntergänge, von denen ich nicht gedacht hätte, das es sie gibt und verstanden in diesem Moment, warum die Menschen, die dort wie ausgestreut irgendwo im Nirgendwo ihre Heimat haben, den Ort Painted Desert nennen.

Ich erinnerte mich daran, dass mir jemand einmal erzählt hatte, dass die Herbste im Norden der USA die schönsten sind, die es gibt auf der Welt, ja, dass der Herbst dort bestimmt erfunden worden ist, aber es dauerte einige Zeit bis ich mich auch wieder daran erinnerte, dass du das warst. Ich würde dich gerne fragen, ob du das immer noch sagen würdest, hättest du den Herbst hier in Arizona gesehen oder ob du auch nur sprachlos wie ich aus den Autofenster starren  und abends wie erschlagen auf dem Motelbett liegen würdest, immer noch unfähig zu verstehen, dass all das wirklich da ist und man es tatsächlich gesehen hat und vor allem, das am nächsten Tag schon wieder etwas neues wartet, etwas anderes aber genauso umwerfendes, von dem man ein weiteres Mal nicht weiß, wie man zurück in Europa dafür Worte finden soll.

Ich glaube es wird Winter werden müssen und es wird bereits nach dem ersten Schneefall sein, bis ich endlich verarbeitet habe, was in diesen Tagen mit solch einer Wucht auf mich einwirkt. Ich wusste nicht, dass eine solche Weite möglich ist, eine solche Farbenfrohheit und eine solche Stille. Ich starre Felsen an, als seien sie von einem anderen Planeten und ich fahre mit den Fingern durch roten Sand und freue mich, wenn er auch Stunden später noch die Kofferraumtür des Autos ziert.

Ich muss bald schlafen, P.. Coline tut dies schon seit einer knappen Stunde und vor dem Fenster passiert heute nicht mehr viel. Morgen schon geht es weiter durch diese ewigen Landschaften, in denen ich beinahe vergesse, dass es Städte gibt, Lärm und Hektik.

Vergessen ist manchmal etwas wunderschönes P., das muss man einfach so sagen.

New York I Love You

Lieber M.,

niemals warst du in New York, in dieser Stadt die tatsächlich niemals schläft und in der ich jauchzen möchte, als nachts tatsächlich Dampf aus den Kanaldeckeln kommt. Und ich frage mich: Wie hättest du geschlafen unter diesen Fenstern, die man nach oben und unten schieben kann und durch die es morgens auf einen regnet, wenn man nicht früh genug aufwacht? Ich glaube, es wäre ein guter Schlaf gewesen, ein tiefer, ein zufriedener und in der Früh wärst du aufgewacht und hättest dich nach allen Seiten gestreckt, dich umgedreht und gesagt: I had the weirdest dream.

Ich glaube, du hättest den Highlane Park so sehr geliebt wie ich, wir hätten auf der Holztribüne über der Straße sitzen und einen Kaffee trinken können. „Da,“ hätte ich gesagt, beim ersten Taxi das vorbeifährt und dann bald eingesehen, dass es zuviele Taxis sind, um sich darüber wie ein kleines Kind zu freuen. Am nächsten Tag wäre das gleiche mit den Eichhörnchen im Central Park passiert.

Wusstest du, dass es keine Eichhörnchen in Australien gibt? Und dass die australischen Touristen deswegen regelmäßig ausflippen, sobald eines im Park ihren Weg kreuzt? Ich wusste das nicht. Aber ich habe es heute herausgefunden, sogar mehr als einmal, genauso wie ich jetzt weiß, dass viele Hochzeitsfotos in diesem Park gemacht werden und dass kein einziger der Teiche auf natürliche Weise entstanden ist.

Im Guggenheim darf man nicht mehr fotografieren, sobald man über dem ersten Stock hinaufgewandert ist. Das ist ein Jammer und es ist ebenso ein Jammer, wenn man oben angekommen feststellen muss, dass man ausnahmsweise keine Murmel dabei hat und somit nie herausfinden wird, ob sie ganz bis unten rollen würde. (Vorbei an dem Mann mit den zu großen Hosen und dem anderen mit den Cowboystiefeln und der Frau die vor dem Bild von Picasso steht und gar nichts sagt) Und so sitzt man einfach nur auf der Bank und blickt auf die andere Seite, vorbei an den Security-Menschen, die die die verbleibenden Minuten zählen (34 an der Zahl) bis sie nachhause gehen können, wo sie vielleicht vor dem Fernseher einschlafen oder mit den Füßen auf dem Tisch.

Vor einigen Tagen saß ich auf dieser Dachterrasse in Manhattan, unweit des Time Squares und blickte auf die Stadt, die man vor lauter Häusern gar nicht wirklich sehen konnte. Der Himmel war violett und in der Wohnung unterhalb des Daches starb vor zwei Monaten ein Mann, weil er es wollte und sein Liebhaber saß damals die ganze Nacht auf den Stiegen, da der Schlüssel innen im Schloss steckte und er den Schlüsseldienst nicht rufen konnte, nicht rufen wollte, nicht rufen durfte, weil er genau wusste, dass der Schlüssel nicht einfach so dort steckte und dass die Stille auf der anderen Seite der Tür einen Grund hatte.

Es sind Geschichten wie die diesen, die mich wünschen lassen, noch mehr über die Stadt und diese Menschen hier zu erfahren. Gerne würde ich noch einen weiteren Tag in dieser Bäckerei in Greenwich Village sitzen und einen Apricot Crumble nach dem anderen essen, während die unzähligen Hunde New Yorks geschniegelter als ihre Besitzer vor dem Fenster auf und ab gehen. Und gerne würde ich endlich aufhören eine solche Höhenangst zu haben und mich mehr als zwei Schritte auf der Feuerleiter vom Fenster entfernen zu können, ohne dass meine Knie schlottern und ich nicht hinauf oder hinunterschauen kann, obwohl da sicher gerade etwas wichtiges passiert. Denn weißt du, M., ich habe hier ständig das Gefühl, dass hier nur wichtiges passiert und dass ich sovieles verpasse, während ich in die falsche Richtung blicke.

M., ich glaube du hättest auch das Lichtfestival gestern gemocht und die Absinthbowle mit den Gurken und zuviel Zitrone. Da war dieser Blumentopf voller Blütenköpfe aus Papier und diese überdimensionierte Katze an einer der Wände. Da waren soviele Männer mit Bärten und großen Brillen und dürre Asiatinnen die oft: „That’s so amazing“ sagten und es bestimmt auch meinten. Ab und an. Wir fuhren mit der U-Bahn nachhause und es fühlte sich altbekannt an und ich dachte so bei mir: Das also ist New York für mich. Ein lautes, großes Drecksloch, das stinkt an sovielen Ecken und Enden. Das mich überfordert und nicht schlafen lässt, das in der einen Minute zu kalt ist und in der anderen schon wieder viel zu laut ist und dessen Hausenden man nicht sieht, blickt man nur geradeaus. Es ist das pure Glück, dachte ich, das pure Glück.

Ich weiß das alles klingt ein wenig albern, M. und du würdest jetzt den Kopf schütteln, wärst du hier und ich würde dir ein Stück des seltsamen Apfelkuchens anbieten, den wir vorhin gemacht haben und dir dann von der Party auf der Dachterrasse des Hotels erzählen, die wir freitags besuchten und auf der die Menschen tanzten wie in den Filmen. Bald wärst du müde und ich auch und dann wäre der Tag auch schon wieder vorbei und es wäre morgen und das ist ja leider schon der letzte Tag hier, wo ist die Zeit hin, M., wo ist sie nur hin?

Ich werde also morgen den Pazifik sehen und den Strand davor und ich werde mich wundern, wie das alles sein kann und doch wissen, das alles wahr ist, alles so unglaublich wahr.

(Und die alte Frau mit den großen Turnschuhen, die ihren Gehstock nur benutzte, weil er gut zu ihrem Hut passt, – ich würde ihr gerne von dem alten Mann im weißen Anzug und dem vergoldeten Nikolausstab erzählen, der heute im Supermarkt plötzlich neben mir stand und Pflaster kaufte, als wäre das das Normalste auf der ganzen Welt. (Weißt du M., vielleicht ist es das auch, vielleicht ist es das wirklich.)