Und das Alleinsein

[…] Und das Alleinsein
ist lächerlich wie eine umgekippte Haushaltsdekoration,
die über Nacht in einem Schaufenster zusammengebrochen
ist. Und das Alleinsein ist lächerlich wie ein Foto

aus den Ferien, wo ein sommerlicher Schuh allein
auf der weiten Fläche eines leeren Strandes
liegt, an Land geworfen, umgekippt, wenn der Strand
schön und einfach leer geworden ist. Und der Schuh

scheint, als habe sich um ihn die ganze weite leere
Zeit konzentriert. Das ist nicht fürchterlich. Das
ist einfach nur’n Schuh. Und das Alleinsein ist,
wie es scheint, wie eine Reklamesendung, die

durchgelesen wird. Und das Alleinsein ist, wie
es scheint, ein solcher Morgen voller Lärm.
Und das Alleinsein in kein Muskelkater,
wenn man aufwacht. Und das Alleinsein ist

wie das Lächeln auf einem Foto, das in einem
Fotoautomaten gemacht worden ist, in dem man
hinter grauen Gardinen auf einem Drehstuhl
sitzt und vier Mal für zwei Mark in den Fotoblitz

lächelt, und Alleinsein ist wie ein Kinderzahn,
der in einem Pappschächtelchen aufbewahrt wird zur
Erinnerung, wie ich einmal gesehen habe, sich
zu erinnern, sich für immer zu erinnern, für später.

Alleinsein ist wie Gas, das ausströmt. Alleinsein
ist wie mitten am Tag das Zimmerlicht anzuschalten.
Alleinsein ist wie im Badezimmerspiegel sein eigenes
Gesicht anzustarren. Alleinsein ist lächerlich wie

ein Vergleich. Und Alleinsein ist wie ein stinkendes
Motorrad im Hausflur. Und Alleinsein ist wie eine
überfüllte Mülltonne, in die nichts mehr reinpasst,
und Alleinsein ist nicht einmal wie eine Zwiebel,

die geschält wird und die Tränen kommen. Alleinsein
ist wie die Redewendung „aber wirklich.“
Alleinsein ist wie die Wut, wenn einer fragt, „verstehste?“

Und Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat.
Und Alleinsein ist wie die Frage, was tue ich Montag.

(© Rolf Dieter Brinkmann)

— Mehr als 35 Jahre ist es her, dass Brinkmann das Auto nicht kommen sah, auf dem Weg von einem Pub in das nächste und das Auto ihn erfasste und er starb. Mehr als 35 Jahre und noch immer ist es traurig, dass dieser Mensch keine Zeit mehr hatte sovieles mehr zu schreiben. Wenigstens noch einen Satz oder ein Gedicht, wenigstens noch drei Wörter in der richtigen Kombination, wenigstens noch einen schlecht leserlichen Brief.

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