Der traurige Name

Ich glaube, ich habe von dir geträumt. Du standest in einem Zimmer, mit einem grauen Mantel an, vor dir saßen Männer, die dich anstarrten und du hattest deine Haare kurz geschoren auf der linken Seite des Kopfes.
Als ich aufwachte waren es noch drei Minuten bis zum Klingeln des Weckers, ich beschloss solange an dich zu denken, die Augen noch nicht zu öffnen und zu verstehen, wo du warst, all die letzten Monate.

Lilo hat ein Kind geboren, das solltest du wissen. Ein Mädchen, groß und stark, sie nannte es nach dir. Letztens als ich sie besuchte, da weinte das Mädchen im Hintergrund, es weinte und du warst nicht da. Lilo und ich haben nicht über dich gesprochen, auch dieses Mal nicht. Lilo seufzt öfters in letzter Zeit, ich schweige viel. Das Mädchen wächst und entwickelt sich rasend schnell. Als es auf die Welt kam war der Winter längst vorbei, in den Nächten hört man ihn nun wieder kommen. Lilo sagt, sie möchte Eislaufen gehen, sobald es richtig kalt wäre. Sie trägt das Mädchen in einem Tragetuch, da würde das schon gehen. Das ist zu gefährlich, erkläre ich ihr. Lilo sagt dann nicht mehr viel und ich nehme den nächsten Bus zurück in die Stadt.

Ich möchte, dass wir alle geduldiger werden. Werner verlegte einen zweiten Telefonanschluss kurz nachdem du gegangen bist. Er verlegte ihn in den oberen Stock und setzte sich neben den Apparat. Er meinte, du würdest so schneller wiederkommen, schneller anrufen und schneller einsehen, dass alles nicht so schlimm gewesen wäre. Lilo und ich haben ihn davon nicht abgehalten, manchmal stellt Lilo ihm eine Kanne Tee neben seinen Sessel, oft schläft Werner währenddessen, wenn er aufwacht, blickt er niemanden an, blickt aus dem Fenster und sagt: Dies war ein glücklicher Ort.

Am dritten Morgen nach deinem Verschwinden ging ich alleine durch die Stadt, die voller Hunde war. Ich kaufte einen Becher Kaffee, ich setzte mich in den Park. Ich saß dort geschlagene drei Stunden und wusste bereits nach wenigen Minuten, dass du nicht wiederkommst. Ich nahm die Straßenbahn nach Hause, eine Woche später öffnete ich die Tür und der Polizist sagte: Wir haben das Auto gefunden. Lilo hat ihre Hand auf den Mund geschlagen, wie sie es nur aus Filmen gelernt haben kann und gemeinsam folgten wir dem Polizisten, folgten seinen Schilderungen, standen vor deinem silbernen Ring mit dem grünen Stein und deiner Kette mit dem Kleeblatt. Ich habe genickt und zuhause mich neben Werner auf das Bett gesetzt ich habe gesagt: Weißt du, Werner. Und Werner hat mich ein letztes Mal angeschaut und gesagt: Alles was du sagst, ist eine Lüge.

Wir haben einen Teich ausgehoben im Garten, gleich hinter den Kirschbäumen, es ist nur ein kleiner Teich, vielleicht eher ein Biotop. Wir dachten daran Goldfische zu kaufen, Seerosen und Schilf. Die Goldfische überlebten die Seerosen eine Woche, das Schilf knickte bald darauf ein. Jetzt züchten wir Algen, wie Lilo resigniert am Telefon sagte, in einem Moment als das Mädchen gerade nicht weinte. Leise vernahm man Werners Schritte am Ende der Treppe.
In der Einzimmerwohnung, in der ich nun lebe, ist kein Platz für dich. Ich habe die Wände mit Filmplakaten beklebt, die Regale sind voller Bücher, in meinem Nachtkästchen liegen zwei Tafeln Schokolade und Zinktabletten. Das ist auch genug. Ich lebe bescheiden und bin nicht einsam. Manchmal gehe ich auf den Ostfriedhof, unweit meiner Wohnung und sehe den Leuten beim Trauern zu. Ich bin mir sicher einmal eine von ihnen zu werden, ich muss nur wie gesagt geduldig werden. So wie wir alle, wie Lilo und ihr Eislaufwunsch, das schreiende Mädchen mit dem traurigen Namen und Werner neben seinem Telefon.
In meinem Bett heute früh, als ich beschloss an dich zu denken, da erinnerte ich mich an deine trotzige Stimme, die du manchmal hattest und ich erinnere mich an deinen viel zu sanften Händedruck, der mir immer das Gefühl gab, ein Gespenst zu grüßen. Als ich mein Studium abschloss, saßt du in der dritten Reihe in einem gelben Kleid, später hast du mir Blumen überreicht, Lilo umklammerte deine Schultern und Werner sagte zu dir: Das nächste Mal stehst du da vorne. Wie so oft hast du nicht geantwortet und ich lächelte statt dir, ich verspürte eine Wehmut die mich überkam, sah ich dich zu lange an.
Es war ein Dienstag an dem du außer Haus gingst und nicht wiederkamst. Am Küchentisch standen rote Tulpen, Werner mähte den Rasen. Du gingst ohne ein Wort zu sagen, in deinem Zimmer hing dein schwarzer Pullover über dem Schreibtischsessel und die Vorhänge waren noch geschlossen. Wir aßen Spaghetti zu Mittag und wunderten uns nicht über deine Abwesenheit. Wir tranken Weißwein zu Abend und sprachen nicht über dich. Morgens warst du immer noch nicht da, Lilo rief die Polizei und Werner mähte wieder den Rasen. Er schwitzte viel und mittags aßen wir die Spaghetti vom Vortag. Wir rätselten welche Freunde von dir wir noch nicht angerufen hatten, ob du vielleicht ans Meer gefahren bist. Wir wussten bereits alle: Das wird nie wieder gut.

Als der Wecker schließlich läutete, stand ich rasch auf und duschte lange. Ich wusch meine Haare zweimal, ich benutzte das grüne Handtuch zum Abtrocknen. Als ich das Haus verließ, warst du bereits nicht mehr da. Ich aß eine Reiswaffel im Gehen, als an der Kreuzung die Ampel rot war, beschloss ich Lilo anzurufen. Lilo hob ab, nach dem dritten Läuten, sie freute sich ehrlich über den Klang meiner Stimme.

(Heute Nacht endete der Traum damit, dass ich ein Blatt Papier auf eine vorgefertigte Form legte, es passte nicht und ich begann zu weinen.)

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